Wandel und Konstante in der digitalen Welt

Autor
Andreas Schie…

Alte Unternehmertugenden wie Vertrauen sind auch in Zeiten der Digitalisierung gefragt, erklärten gestern die Referenten am dritten Tag des Symposiums in Stein am Rhein.

Andreas Krause, Leiter des Institutes für Maschinelles Lernen an der ETH, erklärt, wie der Amerikaner Frank Rosenblatt 1960 den ersten lernfähigen Computer entwickelte. Bilder: Jeannette Vogel

Kuka und Tata – das sind nicht etwa klingende Namen internationaler Fussballstars, sondern Unternehmen, die im Zeitalter der Digitalisierung eine ­bedeutende Rolle spielen. Die Augsburger Kuka beschäftigt weltweit über 13 000 Mitarbeitende, die indische Tata-Gruppe sogar deren 695 000 in 100 Ländern. Und beide sind sie der schlagende Beweis, dass in der Welt der Digitalen Revolution auch Traditionsunternehmen ihren Platz finden können. Kuka wurde 1898 gegründet, Tata feiert gegenwärtig bereits ihr 150-Jahr-­Jubiläum.

Kuka und Tata sind nicht allzu oft in den Schlagzeilen der Tageszeitungen, und wenn, dann auf eher unauffällige Art und Weise. So erfuhren die Leser der «Schaffhauser Nachrichten» beispielsweise diesen Sommer, dass Jaguar Land Rover «mit ihren wohlgeformten Fahr­zeugen derzeit einen Rekord nach dem anderen» knackt und den «Sprung ins elektronische Zeitalter» wagt. Dass jedoch diese Traditionsmarke seit 2008 zur Tata-Gruppe gehört, wurde eher beiläu­-fig erwähnt. Die Firma Kuka wiederum wurde hierzulande mög­licherweise zur Kenntnis genommen, weil der «KR titan» als ­erster Roboter weltweit bei Georg ­Fischer Mettmann Flüssigeisen vergiesst. Dass diese beiden Unternehmen mit ­Sauvik Banerjjee respektive Stefan Müller zwei Spitzen­manager als Referenten nach Stein am Rhein delegierten, spricht wiederum für die Ausstrahlungskraft, welche das stars symposium in der Weltwirtschaft mittlerweile erreicht hat.

Der selbstfahrende Trapizio

Weitere Referenten, die den «Leadern der nächsten Generation» bereitwillig Ein­blicke in ihre Firmenpraxis lieferten, sind Andreas Hinterberger von Uber sowie ­Lokalmatador Peter Schneck, CEO von Trapeze. Trapeze steht für «Transport made easy» und für einen kanadischen Konzern, der weltweit 15 000 Mitarbeitende beschäftigt. Schneck stellte unter anderem die Smart City vor, bei welcher die Smart Mobility einen nicht unwesentlichen Faktor spielt. Dabei war nicht nur von Singapur, Helsinki oder London die Rede, sondern eingehend auch von Neuhausen am Rheinfall. Der selbstfahrende Bus Trapizio löste bei den stars-Teilnehmern Erstaunen aus und liess sie erahnen, welche Veränderungen in den nächsten Jahren auf dem Gebiet der Mobilität zu ­erwarten sind.

Die theoretischen Grundlagen für den Informationsblock über die nächste digitale Revolution hatten frühmorgens Professor Andreas Krause, der Leiter des Instituts für Maschinelles Lernen an der ETH, gelegt, sowie Amit Chatterjee, CEO von Open Systems. Dies ist ein globales Unternehmen mit Schweizer Wurzeln, welches in über 180 Ländern für Cyber-Sicherheit besorgt ist. Während Andreas Krause den Anwesenden unter anderem erklärte, wie Maschinen allmählich lernen, bei der ­Unterscheidung der E-Mails zwischen Spam und Nicht-Spam sich von der wahrschein­lichen Prognose zur sicheren Entscheidung weiterzuentwickeln, lieferte Amit Chatterjee einige Grundregeln von Leadership in einer Welt disruptiver Innovation. Dabei handelte es sich, zumindest teilweise, um vermeintliche Selbstverständlichkeiten wie etwa, dass man zunächst den Markt iden­tifizieren und analysieren muss, danach den Globalisierungsschritt erst unternehmen soll, wenn man dazu wirklich bereit sei, und dass man schliesslich ein für die Globalisierung geeignetes Team zusammenzustellen hat, welches die interkulturellen Unterschiede kennt und respektiert, ohne aber die eigenen Wurzeln zu ver­leugnen.

Nicht selten werden aber, motiviert durch eine geniale Idee, vorschnell Schritte unternommen, welche sich nachher bitter rächen. Kuka-Chefstratege Stefan Müller zeigte eindrücklich auf, dass sein Unternehmen gerade dies nicht gemacht hat, ­obwohl es sich seit seiner Gründung mehrmals völlig neu erfunden hat. Das ursprüngliche Acetylenwerk für Beleuchtungen entwickelte 1973 mit dem «Famulus» den weltweit ersten Industrieroboter mit sechs elektromechanisch angetriebenen Achsen. 1996 setzte Kuka als erster Roboterhersteller auf die offene, PC-­basierte Steuerung. 2007 folgte der bereits erwähnte «KR titan» und 2013 der weltweit erste indu­strietaugliche Leichtbauroboter, ein fühlender Roboter mit integrierter Sensorik in ­jeder Achse. Mittlerweile ist Kuka aber ein weltweit führender Anbieter von Auto­matisierungslösungen.

Gleichzeitig hat sich das Unternehmen, ohne die starke Stellung auf dem Auto­mobilmarkt preiszugeben, Schritt für Schritt auf den General-Industry-Märkten wie ­E-Commerce, Consumer Goods oder Electronics etabliert und die in Europa erfolgreich implementierten Strategien auch in die wachstumsstarken Länder Asiens und Nordamerikas ausgeweitet.

Das Erfolgsrezept beim Ganzen laut Stefan Müller: «Wir fragen nicht, wie wir mit Robotern die menschliche Arbeitskraft ersetzen können, sondern wie wir den Menschen die Arbeit und das Leben erleichtern können. Wir erfinden sichere Roboter­systeme für die Mensch-Roboter-Kollaboration.»

War für das Unternehmen ursprünglich das reine technische Know-how wichtig, so folgte danach das Know-how hinsichtlich der Märkte. Last but not least ist Nachhaltigkeit in allen Bereichen hinzugekommen. Das ist nicht völlig neu, doch scheinen solche Strategien und Unternehmenskulturen auch bei den Innovationsführern der Industrie 4.0 als Erfolgsrezept grossgeschrieben zu werden.

Ähnlich äusserte sich auch Sauvik Banerjjee, der auf eine auf den Firmengründer Jamsetji Tata zurückgehende philanthropische Tradition hinwies und zudem betonte, bei Tata Industries sei Leadership stets mit Vertrauen verbunden. Innovation und Design seien die Mittel, um Produkte, Dienstleistungen und Prozesse zu entwickeln, um für den Kunden einen Durchbruch darzustellen.

Vom Befehlserteiler zum Ermöglicher

In der Paneldiskussion wurde nicht zuletzt auf die grosse Verantwortung der Führungsriege von morgen hingewiesen, welche die Möglichkeiten der digitalen Revolution nutzen sollten, um – in allen Branchen – die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden noch besser kennenzulernen und abzuholen, die sich aber der Grenzen zum Datenmissbrauch ebenfalls bewusst sein müssen. Die Anforderungen an die Leader, welche weniger Befehlserteiler als vielmehr Ermöglicher sein sollten, bleiben unver­ändert hoch. Diesem Thema, dem globalen Leadership, wer am Nachmittag eine weitere Diskussionsrunde gewidmet, an welcher Jan Jenisch, CEO LafrageHolcim, Lim Siong Guan, Professor an der Lee Kuan Ye School of Public Policy in Singapur, Beatrix Morath, Alix Partners und stars-Alumni, Markus Neuhaus, Verwaltungsratspräsident PwC Schweiz, sowie Andreas Schmid, Verwaltungsratspräsident Zurich Airport, teilnahmen.

Das gestrige Abendessen schliesslich bereicherten Regierungspräsident Christian Amsler mit seiner Tischrede sowie die polnische Violinistin Amelia Maszonska.

 

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