Riesiger Bienenschwarm in Schleitheim

Autor
Julia Heiri

Als eine SN-Leserin kürzlich aus ihrem Haus kam, fand sie sich inmitten eines Bienenschwarms wieder. Aktuell schwärmen viele Insekten aus. Mit ein Grund dafür ist das schlechte Wetter.

«Was ist denn hier los?», wunderte sich Tatjana Lenoci-Kälin vergangene Woche. Sie schaute gerade aus ihrem Küchenfenster, als ein grosser Schwarm Insekten angeflogen kam. Dieser habe ausgesehen wie ein riesiger Mückenschwarm. «Draussen war alles voll und auch das Summen war richtig laut», erinnert sich die Hausfrau aus Schleitheim. «Zuerst bin ich erschrocken, aber dann merkte ich, dass es zum Glück bloss Bienen und keine Wespen waren.» Der Schwarm habe sich schliesslich auf der Fassade des Nachbarhauses niedergelassen und sie befürchtete, dass sich die Insekten dort ein Nest bauen würden. «Ich wusste, dass meine Nachbarin nicht zuhause ist, also habe ich einen Imker angerufen», erzählt Lenoci-Kälin weiter. «Der Imker hat die Bienen nur beobachtet.» Ein paar Stunden später seien die Insekten dann abgezogen.

Polizei und Imker helfen weiter

Was Tatjana Lenoci-Kälin erlebt hat, ist laut Polizeisprecherin Katarina Carnevale nicht ungewöhnlich für diese Jahreszeit. «Seit Mitte Mai hatten wir rund 20 Anrufe wegen wandernden Insektenschwärmen, die sich an unterschiedlichen Orten eingenistet hatten», sagt sie. «Wir leiten Betroffene jeweils an lokale Imkerinnen und Imker weiter, die die Schwärme einsammeln und umsiedeln.» 

Erwin Verhoeven, Gartenbauingenieur und Chef der Sonnenburg Gärtnerei auf der Breite, imkert seit er zwölf Jahre alt ist. In seiner Gärtnerei hält er pro Jahr bis zu zehn Bienenvölker. «Im Winter schrumpft ein Volk auf 5000 bis 10'000 Tiere», erklärt der ausgebildete Imker. «Im Januar, Februar fängt die Königin an Eier zu legen und das Volk wächst – bis über 40'000 Tiere stark kann es werden.» Im Mai wachsen im Bienenstock junge Königinnen in speziellen Königinnenzellen heran. Bevor die erste dieser jungen Königinnen schlüpfen kann, muss die alte Königin aber ausfliegen. «Sonst würde es Streit geben», sagt Verhoeven. «Die alte Königin schwärmt aus und nimmt etwa die Hälfte des alten Volkes mit.» Als Grund dafür, dass das Ausschwärmen dieses Jahr seit Mitte Mai gehäuft auftritt, nennt Verhoeven das kühle und nasse Wetter der letzten Wochen. «Bienen schwärmen immer im Mai aus, aber wenn es regnet und kalt ist, warten sie», sagt er. «Sobald es dann einmal genügend schönes Wetter ist, ergreifen sie ihre Chance.»

Honigbienen sterben in freier Natur

«Schwärmt ein Volk aus, bildet es irgendwo in der Nähe des alten Wohnorts eine Schwarmtraube. Dort macht es eine Pause und schickt Kundschafterinnen aus, auf die Suche nach einem geeigneten neuen Wohnort.» Der Bienenschwarm an der Hausfassade von Tatjana Lenoci-Kälins Nachbarin habe wahrscheinlich eben diese Pause machen wollen. Während der Pause könne der Imker den Schwarm wieder einfangen, aber nur wenn dieser eine Traube bilde, so Verhoeven. «Manchmal passiert es, dass das Volk entwischt», sagt er. Es sei wichtig, das Volk mitsamt der Königin einzusammeln, sonst kehre der Schwarm zu ihr zurück. Denn ohne ihr Volk stirbt die Königin. «Möglicherweise konnte der Imker in Schleitheim die Königin nicht fangen und liess die Tiere darum weiterfliegen.»

Würden Imker nicht in den Prozess des Ausschwärmens einschreiten, würde sich dieser pro Frühling bis zu vier Mal wiederholen: Die frisch geschlüpfte Königin nimmt also wiederum einen Teil des alten Volkes mit und erneut schlüpft eine Nachfolgerin aus einer Königinnenzelle – bis der Bienenstock genügend abgeschwächt ist. «Weil im Winter immer wieder Völker sterben, ist das Ausschwärmen wichtig, um den Verlust zu kompensieren», erklärt Verhoeven. Aber irgendwann entnehme man dem Stock die verbliebenen Königinnenzellen, um das Volk nicht allzu sehr zu schwächen.

Entwische ein Volk von Honigbienen, sei dessen Überleben in der freien Natur leider gefährdet, so Verhoeven. «Wilde Honigbienen gibt es kaum mehr bei uns», sagt er. Schuld daran sei die Varroamilbe, die sich seit ungefähr 40 Jahren in Europa ausbreite. «Ein Imker behandelt die Bienen beispielsweise mit natürlicher Ameisensäure und hilft ihnen so im Kampf gegen den Eindringling.»

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