Eine Frau, die ihr Leben hingab, um anderen Menschen zu helfen

Autor
Maria Gerhard

Vreni Frauenfelder, die Gründerin und Ehrenpräsidentin der Afghanistanhilfe, ist mit 91 Jahren verstorben. Ihr Lebenswerk, das nun andere fortführen, ist beeindruckend.

Hinter ihr erstreckt sich die weite Ebene: Vreni Frauenfelder bei Yakawlang in der Provinz Bamyan in Afghanistan. Bild: zVg

Apfelbäume, Himbeer- und Stachelbeersträucher wachsen in dem einstigen Garten von Vreni Frauenfelder. Bis vor einem halben Jahr hat die 91-Jährige noch in ihrem Elternhaus in Neuhausen gewohnt. Der «wilde Garten», wie sie ihn selbst nannte und in dem sie als Kind mit ihren beiden Brüdern viele schöne Stunden verbrachte, war für sie ein Ort des Rückzugs. Von ihren Reisen brachte sie Pflanzen mit, aber auch vom Randen, ein weiterer wichtiger Ort ihrer Kindheit. «Sie hat auch von überall Erde mitgebracht», erinnert sich ihre Nichte Elisa Frauenfelder, «wenn sie dachte, das sei gut für die eine oder andere Pflanze.» Dann packte Frauenfelder ein Säckchen aus und füllte es etwa mit Lehm. Anscheinend waren ihre Bemühungen erfolgreich: Die Früchte aus diesem Garten hat sie getrocknet oder zu Konfitüre verarbeitet. «Bei Familienfesten hat sie uns dann damit erfreut», sagt die Nichte. Überhaupt sei ihre Tante ein sehr familiärer Mensch gewesen. «Ihr Haus stand uns immer offen», sagt sie. Und auch als sie schon für die von ihre gegründete Afghanistanhilfe Schaffhausen viel auf Reisen war, fand sie doch Zeit, zu einer Konfirmation ins Welschland zu reisen.

«Meine Tante begegnete Menschen immer gerne auf der persönlichen Ebene», sagt Elisa Frauenfelder. Das sei bei ihren Verwandten und Freunden so gewesen, aber vor allem auch bei den Menschen, denen sie geholfen habe. Nicht zuletzt auch aufgrund der christlichen Werte, an die Vreni Frauenfelder geglaubt hat.

«Schau, deine Mama ist da»

Viele Menschen haben davon profitiert. Unter anderem Mariam Zafi, die heute ehrenamtlich für die Afghanistanhilfe tätig ist. Sie kam im Jahr 1987 als Flüchtling aus dem Land am Hindukusch in die Schweiz. «Ich war gerade einen Tag da, da kam Vreni auf mich zu und bot mir ihre Hilfe an», sagt sie. Eine Freundschaft sei daraus gewachsen, und fast noch etwas mehr. Als Zafi Arbeit gefunden hatte, kam Frauenfelder hin und wieder vorbei, um nach ihr zu sehen. Die Arbeitskolleginnen sagten dann immer: «Schau, deine Mama ist da!» Und auch sonst war sie immer zur Stelle: «Wenn eines meiner drei Kinder Fieber hatte, konnte ich sie auch um Mitternacht noch anrufen», erzählt Zafi. Dann habe sie gefragt: «Vreni, was soll ich machen?» Diese kam sofort und brachte Medizin mit. «Sie hatte ein sehr grosses Herz», sagt Zafi.

«Aufgeben wollte ich nie. Ich dachte mir jeweils: Öppis bringts immer.»

Vreni Frauenfelder

Das blieb auch anderen nicht verborgen, weit über den Kanton hinaus. In Af­ghanistan, sagt Michael Kunz, Präsident der Afghanistanhilfe Schaffhausen, werde Frauenfelder wie eine Heldin verehrt. «Wenn sie mit dem Auto unterwegs war, liefen links und rechts die Kinder daneben her», sagt er. Und von allen Seiten die Rufe: «Sister Vreni». Dabei war es mehr ein Zufall, dass Frauenfelder dieses Land für sich entdeckte. 1975 war sie mit einer Freundin auf Reisen. Von Istanbul aus wollten sie den Bosporus überqueren. Bei einer Busstation schliefen die Beiden auf einer Parkbank. Am Morgen bestiegen sie den Bus nach Ankara, und dann ging es weiter in Richtung Iran und Pakistan. Und plötzlich war Afghanistan nicht mehr weit. Beim Bestaunen der Buddha-Statuen in Bamyan kam ein Mann auf Frauenfelder zu und überreichte ihr wortlos eine Rose und verschwand wieder. Für Frauenfelder ein Symbol der Gastfreundschaft und Grosszügigkeit inmitten all der Armut. Sie kehrte wieder und wieder zurück. Als sie einmal gefragt wurde, wie oft sie schon in Afghanistan gewesen sei, antwortete sie: «Es zählt auch nicht die Zahl, sondern die bleibenden Spuren in meinem Herzen.»

Sie nähte Matratzen für Flüchtlinge

Für ihr soziales Engagement, für das sie 2016 mit dem renommierten Brandenberger-Preis ausgezeichnet wurde, war letztlich jedoch eine andere Begegnung wegweisend: 1983 reiste sie nach Pakistan um zu sehen, was dort für die afghanischen Flüchtlinge getan wurde. In einem Spital lagen die Patienten auf harten Bettgestellen. Also nähte Frauenfelder Matratzen. Bei dieser Gelegenheit beobachtete sie, wie einem aus Afghanistan geflohenen Jungen ein Bein amputiert wurde. Da wurde ihr klar, dass sie helfen will, muss. «Das war ein Schlüsselmoment in meinem Leben», sagte sie später. Frauenfelder lernte zeitgleich die Ärztin Sima Samar kennen, die in Quetta eine Schule für afghanische Mädchen führte. Nachdem die sowjetische Armee aus Afghanistan abgezogen war und viele Flüchtlinge in ihr Land zurückgekehrt waren, engagierten sie sich gemeinsam für die hilfsbedürftigen Menschen. Kurz vor Frauenfelders Pensionierung – sie hat insgesamt 40 Jahre als Apothekenhelferin gearbeitet – wurde schliesslich der Verein Afghanistanhilfe Schaffhausen gegründet. Mit Sima Samar und ihrer Shuhada Organization bauten die Frauen über die Jahre Schulen, Waisenhäuser und Kliniken auf, die sie auch betrieben. Dabei mussten sie auch einige Hürden nehmen. Aber Vreni Frauenfelder zeichnete wohl auch eine gewisse Hartnäckigkeit aus. Oder wie sie selbst sagte: «Aufgeben wollte ich nie. Ich dachte mir jeweils: Öppis bringts immer.»Am Sonntag, vier Tage nach ihrem 91. Geburtstag, ist Vreni Frauenfelder verstorben. Es entbehrt wohl nicht einer gewissen Tragik, dass sie, die so viel geleistet hat in ihrem Leben, sich am Ende nicht mehr daran erinnern konnte. Frauenfelder litt bereits seit einiger Zeit an Demenz. Aber dafür werden sich viele Schülerinnen und Schüler, die in einer ihrer Schulen das Rüstzeug fürs Leben mitbekamen, und unzählige Patientinnen und Patienten, die in einem ihrer Spitäler Hilfe fanden, wohl noch lange an sie erinnern.

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