Neues Projekt: Vier Rheinfall-Jahreszeiten

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Schaffhauser N…

Eine Gruppe um Beat Toniolo will in der Halle 1 auf dem SIG-Areal die erste «Immersive Art»-Installation der Schweiz realisieren. Der Zeitplan ist ehrgeizig.

Mark Liebenberg und Saskia Baumgartner

Am Rheinfall tut sich was. Wie Recherchen der SN ergaben, arbeitet eine Projektgruppe zurzeit emsig an der Verwirklichung eines neuartigen Projekts. In einer «Immersive Art»-Installation in einem Teil der historischen Halle 1 der Schweizerischen Industrie Gesellschaft (SIG) beim Rheinfall soll der grösste Wasserfall Mitteleuropas bald in einer 30-Minuten-Show virtuell erlebbar werden, und zwar in kunstvollen Filmaufnahmen des Naturwunders aus vielen Perspektiven und in allen vier Jahreszeiten. Julian Tschanen vom Verein «Rhyality» erklärt die Sache so: «In einem Raum von ungefähr 15 mal 20 Metern Fläche und 6 Metern Höhe wollen wir unter Einsatz einer neuartigen ­Beamer- und Beschallungstechnik den Besuchern ein gewissermassen räumliches Betreten des Rheinfalls ermöglichen.» Nicht nur die vier Wände des Raums, sondern auch der Boden und die Decke werden als Projektionsfläche für die Rheinfallvideos integriert.

Ein virtuelles «Eintauchen» in den Wasserfall also – aber nicht als blosses Kino. «Immersive Art» nennt sich diese Form der Installation, die laut den Projektträgern in der Schweiz bisher zum ersten Mal zum Einsatz kommen soll. Doch hier, am Touristenmagnet der Region schlechthin, steht nicht allein die Kunst im Vordergrund. «Wir haben klar auch den Tourismus im Auge», sagt Jürg R. Wüthrich von «Rhyality». «Stellen Sie sich vor: Als Tourist kommen Sie an den Rheinfall, und es regnet, oder es hat kaum Wasser. In dieser Show kommen Sie trotzdem auf Ihre Kosten und erleben den Rheinfall in seiner ganzen Pracht.»

Neues Angebot für Rheinfallbesucher

Ideengeber und seit Monaten emsiger Lobbyist für das Projekt ist der in Leipzig lebende Schaffhauser Künstler Beat Toniolo, der mit dem Wasserfall seit bald 20 Jahren als Künstler und Organisator von Kulturevents («Rheinfallfestival») verbunden ist. «Ich möchte damit auch anknüpfen an meine früheren Aktionen mit Pipilotti Rist und Roman Signer, die den Rheinfall in ihre Arbeit einbezogen haben», sagt Toniolo. Die vier Jahreszeiten im aktuellen Projekt sollen zudem von vier Komponisten mit Schaffhauser Bezug vertont werden, verrät Toniolo.

«Rhyality», wo Tschanen die umsetzungstechnischen und Wüthrich die betriebswirtschaftlichen Belange betreuen, habe sich in den vergangenen Monaten in technologischer und künstlerischer Hinsicht beraten lassen. «Die Verlängerung der Aufenthaltsdauer von Rheinfalltouristen und damit der Wertschöpfungskette ist für uns ein wichtiges Argument», sagt Wüthrich. Auch zu den bestehenden und bald neu hinzukommenden Angeboten («Smile­stones») sehe man sich nicht in Konkurrenz, sondern als Ergänzung. «Wir sind überzeugt, damit einen kreativen Mehrwert für das Areal, aber auch für die Gemeinde Neuhausen zu bieten.» Im Winter könne die Anlage zudem für Seminare, Firmenanlässe oder kulturelle Zwecke anderweitig genutzt werden.

Damit scheinen sie einen Nerv getroffen zu haben. Im Mai luden die Projektträger Vertreter der Kantone Zürich und Schaffhausen, von der IG Rheinfall, der Gemeinde und der SIG Gemeinnützige Stiftung zu einem improvisierten Preview des Projekts en miniature ein. «Die Reaktionen haben uns sehr bestärkt, weiterzumachen», sagt Toniolo. Jetzt folgen schnell die nächsten Schritte. Zurzeit werden eine Machbarkeitsstudie und ein Businessplan erstellt, die vor Ende Jahr vorliegen sollen. «Wir sind dabei, das Projekt bei der Regionalen Standortentwicklung anzumelden», erklärt Wüthrich. Die Signale seien positiv. «Ende Jahr haben wir zuhanden der SIG ein fertiges Projekt auf dem Tisch», sagt Wüthrich. Auf die Saison 2020 soll die Sache laufen, so das Trio.

Wohlwollen des Kantons

Bereits ab Januar wollen die Filmer vom Schaffhauser Studio ModulePlus mit den ganzjährigen Filmaufnahmen beginnen. Zurzeit rechnen die Verantwortlichen mit Kosten von 790'000 Franken für den Aufbau und den Betrieb der Anlage und weiteren 280'000 Franken für die Filmproduktion. An Bord sind offenbar die beiden Standortkantone, welche die Machbarkeitsstudie mitfinanzieren. Das bestätigt Patrick Spahn, Sekretär im Baudepartement und verantwortlich für alle Belange am Rheinfall. «Die Verantwortlichen von der IG Rheinfall haben von der Projektidee zur Aufwertung des Rheinfallareals, die als wesentliches Element auch eine Filminszenierung beinhaltet, wohlwollend Kenntnis genommen.» Nach Vorliegen der Machbarkeitsstudie fallen weitere Entscheide. Ähnlich klingt es bei der Gemeinde Neuhausen. Kulturreferent Christian Di Ronco sagt: «Es ist ein spannendes Projekt.» Man stehe diesem positiv gegenüber und unterstütze die Machbarkeitsstudie ebenfalls mit einem kleinen vierstelligen Betrag.

Oder doch Armeejeeps und Panzer?

Bedeckt gibt man sich derweil noch bei der SIG Gemeinnützigen Stiftung, wo man über die künftige Nutzung der Halle keine Auskunft geben will.

Für die mehrfache Nutzung der SIG-Halle gibt es aber mindestens einen weiteren Interessenten: Gegenüber den SN bestätigt Martin Huber von der Stiftung Museum im Zeughaus, dass die Halle für die Fahrzeugausstellung des Museums infrage komme. «Ja, das ist eine Alternative, über die wir im Gespräch mit den Verantwortlichen bei der SIG sind.» Grund: Die Sammlung von 75 Militär- und anderen historischen Fahrzeugen – darunter 22 Panzer – muss ihren alten Standort in der Stahlgiesserei wegen der dortigen Umnutzung bis Ende 2019 verlassen. «Wir benötigen 2000 Quadratmeter, und die alte SIG-Halle ist sicher auch vom historischen Bezug her naheliegend.» Panzer und «Immersive Art» – am Rheinfall tut sich derzeit wirklich was.

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