Immer Winfried Kretschmann hinterher

Autor
Maria Gerhard

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann kam gestern bei einem offiziellen Besuch im Kanton ganz schön rum. Dabei wurde vor allem über die Verkehrsinfrastruktur gesprochen.

Ein Kehrichtwagen fährt mit lautem Dröhnen vorbei, ein Roller tuckert langsam die Strasse herauf, dann biegt endlich – geschmeidig und vor allem leise – der Mercedes S-Klasse, der Dienstwagen von Winfried Kretschmann, ein. Die schwarze Karosserie glänzt in der Sonne, als er zum Stehen kommt. Kurz verharrt der Ministerpräsident von Baden-Württemberg noch im Auto, seine Security-Männer verschaffen sich draussen schnell einen Überblick über das SIG-Areal in Neuhausen. Zum Nachbarbesuch gestern im Kanton Schaffhausen ist der Grünenpolitiker nicht, wie man vielleicht hätte erwarten können, per Zug angereist, aber dafür mit einem Plug-in-Hybrid. Dessen Akkumulator kann sowohl über den Verbrennungsmotor als auch am Stromnetz geladen werden. Kretschmann wollte wohl sichergehen, dass er rechtzeitig ankommt.

Zugausfälle und Unpünktlichkeit

Eine halbe Stunde zuvor hatte sein Verkehrsminister Winfried Hermann, der mit angereist war, an einer gemeinsamen Pressekonferenz auf Schloss Charlottenfels noch erklärt: «Auch viele Schweizer beklagen sich immer wieder über die schlechte Leistung der DB Regio auf der Hochrheinbahn.» Die Rede sei von Zugausfällen und Unpünktlichkeit. Das soll sich nun endlich ändern. Die Verkehrsinfrastruktur war eines der zentralen Themen bei einem Arbeitsgespräch mit Regierungspräsident Christian Amsler und dem Vorsteher des Baudepartements, Martin Kessler. So ging es um die Elektrifizierung der Hochrheinstrecke Schaffhausen–Waldshut–Basel. Kessler wie Hermann betonten die verkehrspolitische Bedeutung dieses Projektes für beide Seiten: «Die Elektrifizierung der Hochrheinstrecke ist auf Kurs. Sie bringt sowohl Baden-Württemberg als auch Schaffhausen und den Schweizer Grenzkantonen grosse verkehrliche Vorteile.» Ausserdem soll durch den verstärkten Einsatz der Neigungstechnologie bei den Zügen die Fahrt von Zürich nach Stuttgart zukünftig nur zweieinhalb, statt wie bisher drei Stunden dauern.

Damit aber noch nicht genug, auch andere grenzüberschreitende Themen, wie die Zunahme des Verkehrs am Grenzübergang Bietingen-Thayngen oder mögliche Standorte für ein Atommüll-Endlager, wurden behandelt. «Das heutige Treffen ist ein weiterer wichtiger Meilenstein in unserer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit», erklärte Amsler. Kretschmann fasst das Arbeitsgespräch wiederum so zusammen: «Fruchtbringend, unkompliziert, offen und sehr, sehr freundlich.»

«Das heutige Treffen ist ein weiterer Meilenstein in unserer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.»

Christian Amsler, Regierungspräsident

Anschliessen ging es auf eine Art kleine Verfolgungsjagd quer durch Neuhausens Innenstadt: Kretschmann und Amsler immer vornweg, ein Tross aus Delegierten, Fotografen und Journalisten hinterher. Fototermin am Rheinfall: Kretschmann schaut für einen Moment versonnen in die tosenden Fluten, dann klicken auch schon unerlässlich die Kameras. Er wird von allen Seiten abgelichtet, allein, zusammen mit Christian Amsler, mit Martin Kessler usw.

Ein Fährtchen im Trapizio

Über das SIG-Areal ging es zu Fuss zum alten Kino Central, wo dem Besuch aus dem Nachbarland das Pilotprojekt Trapizio, also der selbstfahrende Bus, vorgestellt wurde. Während von den Filmplakaten Gary Cooper und Charlie Chaplin herabblickten, sprach unter anderem Peter Schneck, CEO des Betreibers Trapeze Switzerland GmbH, von der Zukunft der Mobilität im Kanton Schaffhausen. Im Anschluss durfte Kretschmann selbst eine Rund in dem autonomen Bus drehen und zeigte sich angetan: «Ich habe vielleicht noch zehn Jahre zu leben, aber es ist doch immer interessant, wenn man noch so was Neues miterleben darf.»

Und weiter geht’s in den Aargau

Und wieder ging es zurück aufs SIG-Areal, zur Tagung der Hochrheinkommission. Dort diskutierten Kretschmann und Amsler mit den Teilnehmern diesmal über die Möglichkeiten, Barrieren zwischen deutschen und schweizerischen Hochschulen und Ausbildungsstätten abzubauen. Die Schweiz und Baden-Württemberg müssten ihre Hochschulen aneinander «andocken», so Kretschmann. Enttäuscht zeigte er sich über die Pläne der Schweiz, das Studierenden-Austauschprogramm Erasmus zu verlassen: «Das solltet ihr euch noch mal gründlich überlegen.» Dafür gab es Applaus von allen Seiten.

Noch ein kurzer Besuch beim Sommerempfang der Kommission, dann machte sich der schwarze Mercedes S-Klasse wieder auf den Weg – in den Kanton Aargau. Auch dort stehen die grenzüberschreitende Mobilität sowie die bilateralen Verträge der Schweiz mit der Europäischen Union auf der Tagesordnung. Ebenso wird es um das Atomkraftwerk Beznau und Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie gehen.

Kretschmann, der vor Kurzem 70 Jahre alt geworden ist, sah ob des vielen Trubels um ihn herum mitunter etwas erschöpft aus. Und so darf man sich doch erfreut zeigen, dass er im Kanton Schaffhausen wenigstens ordentlich gestärkt wurde. Er zeigte sich begeistert vom Steh-Lunch ­riche zu Mittag. «Bei uns gibt es ja bei solchen Gelegenheiten immer Fingerfood», erklärte er, «aber hier bekommt man was Gscheits, Geschnetzeltes und Spätzle.»

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