«Eine Neuausrichtung ist nicht geplant»

Autor
Robin Blanck

Rund zwei Millionen Franken setzt die Sturzenegger-Stiftung pro Jahr zugunsten des Museums ein – daran soll sich auch in der Ära nach Corinna Peyer-Bohrer nichts ändern. Gleichwohl mahnt sie dazu, Balance zu halten.

Corinna Peyer-Bohrer wird noch bis im Juni 2018 den Stiftungsrat der Sturzenegger-Stiftung präsidieren, ehe ihre Nachfolgerin Hortensia von Roda übernimmt: Von Roda sitzt bereits im Stiftungsrat und ist Geschäftsführerin der Stiftung. Bild: Michael Kessler

Frau Peyer-Bohrer, Sie präsidieren seit 2008 die Sturzenegger-Stiftung, per Ende Juni 2018 treten Sie zurück. Was veranlasst Sie zu diesem Schritt?

Corinna Peyer-Bohrer: Am Anfang meines Entscheides standen gesundheitliche Probleme im vergangenen Sommer: Heute geht es mir wieder gut, in der damaligen Situation habe ich mir aber überlegt, ob frischer Wind an der Spitze der Stiftung nicht sinnvoll wäre.

Steht schon fest, wer für den «frischen Wind» besorgt sein soll?

Meine Nachfolge wird Hortensia von Roda übernehmen, die dem Stiftungsrat bereits heute als Fachperson angehört. Der Stiftungsrat hat diese Weichenstellung, die anlässlich der nächsten Jahresversammlung im Juni 2018 in Kraft treten wird, beschlossen.

Was ändert sich unter der neuen Führung?

Ein grundsätzlicher Kurswechsel ist nicht zu erwarten, zumal mit Matthias Preiswerk ein weiteres Mitglied des Stiftungsrates erhalten bleibt und die Kontinuität so gewährleistet ist.

Wenn Sie nun auf Ihre Tätigkeit als Stiftungspräsidentin zurückschauen, welches waren die wichtigsten Meilensteine?

In dieser Zeit konnten wunderbare Ankäufe – etwa Bilder von Ferdinand Hodler, Otto Dix, Adolf Diet­rich oder Werkgruppen von Erwin Gloor, Carlo Domeniconi, Beatrix Schären und Bruno und Eric Bührer, um nur einige zu nennen – getätigt werden. Zudem konnten zahlreiche Ausstellungen unterstützt und projektbezogen Hilfe bei Infrastrukturvorhaben wie die Fertigstellung der historischen Dauerausstellung «Schaffhausen im Fluss» oder die Einrichtung von neuen Klimaanlagen geleistet werden. Jeder Entscheid war im Zeitpunkt der Fällung der wichtigste.

Apropos Summe: Wie viel Geld hat die Stiftung in den 30 Jahren ihres Bestehens für das Museum und die Stadtbibliothek aufgewendet?

Gesamthaft waren das rund 55 Millionen Franken.

«Es sollte eine Balance gefunden werden zwischen Ausstellungstätigkeit und der Betreuung der Sammlung.»

Wie steht die Stiftung heute da?

Die Stiftung existiert nun seit 30 Jahren, und es geht ihr gut – sie ist immer noch eine der wichtigsten Unterstützerinnen des Museums zu ­Allerheiligen.

In manchen Phasen war das Verhältnis der Stiftung zum Museum aufgrund der Konflikte um die Leitung des Hauses gespannt. Wie ist die Zusammenarbeit aktuell?

Ich würde diese als informativ, klar und offen beschreiben.

Ihr Vater, der vor Ihnen die Stiftung präsidierte, hat in einem Interview 2001 einmal erklärt: «Das Wort ‹Mehrspartenhaus› kann ich überhaupt nicht ausstehen.» Welches Wort würden Sie wählen?

(lacht) Angesichts der fünf verschiedenen Abteilungen wehre ich mich nicht gegen diese Bezeichnung.

Die Stadt erarbeitet derzeit wieder ein Kulturkonzept, daran angelehnt eine ergänzende Museumsstrategie. Ist die Sturzenegger-Stiftung daran beteiligt?

Als Mitglied der Museumskommission sind wir involviert und werden uns einbringen.

Bereits 2011 wurde eine Museumsstrategie definiert – braucht es nun schon wieder eine neue?

Das Museum steht unter neuer Leitung, die Situation und die Erkenntnisse haben sich verändert. Dies bedingt eine angepasste Beurteilung und Planung.

Welchen Weg sieht die Stiftung für das Museum?

Ich finde, die Mehrspartigkeit des Hauses eine Bereicherung, die den besonderen Charme des Museums ausmacht. Für die Zukunft sollte eine Balance gefunden werden zwischen der Ausstellungstätigkeit und der Betreuung der Sammlung: Neben neuen Ausstellungen sind auch die Restaurierung sowie die Präsentation der bestehenden Sammlung und die Vermittlungstätigkeit ein zentrales Anliegen.

Gibt es einen bestimmten Faktor – etwa Besucherzahlen –, an dem die Stiftung die Leistung des Hauses misst?

In Kunst und Kultur dürfen Besucherzahlen nicht die erste Geige spielen, uns geht es darum, diese Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es ist sehr erfreulich, wenn die Menschen ins Museum kommen und wahrnehmen, welche Schätze es zu bieten hat, für uns muss aber in erster ­Linie die Qualität stimmen.

«Damit ein Team gut funktioniert, müssen die Beteiligten zusammenwirken – das ist nicht immer einfach.»

Und wie beurteilen Sie Qualität?

Diese basiert – ich spreche nun für mich persönlich – auf Erfahrungswerten und dem «Auge für das Schöne». Im Zusammenspiel mit Fachpersonen ergibt sich daraus ein stimmiges Ganzes, das berückend ist. Das ist Qualität.

Seit 2015 leitet Katharina Epprecht das Museum, wie hat sich das Haus seither entwickelt?

Noch muss die erwähnte Museumsstrategie ausgearbeitet und das Team wieder vervollständigt und eingespielt werden, aber ich finde, Katharina Epprecht leistet gute Arbeit: Sie versucht, alle mit einzubeziehen, und hat spannende Ideen.

Sie erwähnen die Vervollständigung des Teams und spielen damit auf den Abschied von Matthias Fischer, dem Kurator der Kunst- und Grafiksammlung, an: Im kommenden Jahr verlässt er das Museum, zu den Gründen der Trennung äussern sich die Verantwortlichen nicht. Wie beurteilen Sie das?

Damit ein Team gut funktioniert, müssen die Beteiligten zusammenwirken – das ist nicht immer einfach. Eine Trennung ist ein Vorgang zwischen dem Museum und dem Mitarbeiter, die Stiftung ist nicht involviert. Aber natürlich verlieren wir mit Mat­t­hias Fischer eine ausgezeichnete Fachperson.

Hat die Stiftung bei der Neubesetzung ein Mitspracherecht?

Bisher war es so, dass wir bei der Besetzung der Kuratorenstelle für die Kunst- und Geschichts- abteilung in der Findungskommis- sion, welche die Stadt einsetzt, vertreten waren.

Nicht nur das Museum, auch das Kulturreferat steht unter neuer Leitung, nachdem Stadtrat Raphaël Rohner diesen Teil der Verwaltung Anfang 2017 übernommen hat. Stimmt die Chemie mit der Stadt?

Mit Raphaël Rohner verantwortet eine kulturinteressierte und führungsstarke Persönlichkeit diesen Bereich, für uns ist das eine sehr gute Ausgangslage.

Und wie präsentiert sich die Beziehung zum Kunstverein?

Der Austausch mit Stephan Kuhn (dem Präsidenten des Kunstvereins; Anm. d. Red.) über die Museumskommission oder bei anderen Gelegenheiten ist sehr gut.

Die Stiftung unterstützt in erster Linie die Belange des Museums zu Allerheiligen, aber auch den Erwerb von Handschriften und alten Drucken für die Stadtbibliothek Schaffhausen. Welche Schwerpunkte will die Stiftung künftig bei ihrer Unterstützung legen?

Der statutarische Zweck der Stiftung bleibt unverändert, eine Neuausrichtung ist nicht geplant. Wichtig bei der Tätigkeit der Stiftung bleibt die Qualität der Ankäufe, die Abstimmung mit dem jeweiligen Sammlungskonzept und deren Bedeutung für Stadt und Region. Das Museum soll weiterhin sachbezogen im Rahmen des Stiftungszwecks unterstützt werden, etwa bei Ausstellungen und Projekten.

Stehen grössere infrastrukturelle Projekte an? Zu hören ist etwa, dass die Überdachung des Pfalzhofes im Zen­trum des ehemaligen Klosters erwogen wird …

Fest steht, dass mehr Platz benötigt wird: Die Grafikabteilung platzt aus allen Nähten, Gleiches gilt für die Naturabteilung. Hier sucht man derzeit nach Lösungen.

Aber solche Szenarien werden erwogen?

Das fällt in die Zuständigkeit der Stadt, und noch ist nichts spruchreif. Wenn eine Lösung sinnvoll für das Museum und mit dem Stiftungsstatut vereinbar ist, sind wir willens, mitzuhelfen.

Die Werke, welche mit Mitteln der Stiftung angekauft werden, sind Dauerleihgaben. Ein Abzug und eine Auslagerung in eine andere Institution sind derzeit aber kein Thema?

Nein, grundsätzlich werden die Werke dem Willen des Stifter-Ehepaares entsprechend dem Museum zur Verfügung gestellt. Ein Abzug wäre möglich, das aber nur, wenn gegen die Ziele der Stiftung gearbeitet würde: wenn man die angekauften Werke nicht zeigen, nicht fachgerecht betreuen oder aufbewahren würde.

Kommen wir zurück zur Stiftung: Nebst Ihnen gehört auch Matthias Preiswerk, Teilhaber der Privatbank Baumann & Cie, dem Stiftungsrat an. Dazu verlangt die Stiftungsurkunde «eine geeignete Fachperson» – aktuell Frau von Roda. Wird Frau von Roda auch als Präsidentin die Rolle der Fachperson im Gremium innehaben, oder wird diese Stelle neu besetzt?

Diese Frage ist noch offen und wird derzeit diskutiert, noch bleibt ja Zeit. Ein Stiftungsrat mit drei Personen ist schlagkräftig und kann rasch handeln, was gerade bei Kunst­ankäufen nötig ist.

Welchen Ratschlag würden Sie Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben?

Es braucht Interesse für Kunst, Kultur und Geschichte, aber auch am Museum und an Schaffhausen. Auch Offenheit gegenüber interessanten Persönlichkeiten und verschiedenen Meinungen ist zentral. Und dann natürlich: Zeit.

Ein gutes Stichwort: Wissen Sie schon, wie Sie die durch Ihren Rücktritt im kommenden Sommer frei werdende Zeit ausfüllen werden?

Ich freue mich auf den neuen Freiraum mit mehr Zeit für meine Familie. Meine Interessen sind sehr breit gestreut, konkrete Pläne habe ich aber noch nicht.

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