Wenn Schaffhauser Lieder politisch korrekt sein müssten

Autor
Ralph Denzel

In Deutschland wurde gefordert, die Nationalhymne geschlechtsneutral umzudichten. Wir sind einen Schritt weiter gegangen und haben bekannte Schaffhauser Lieder «politisch korrigiert».

Wenn Lieder für wirklich niemanden anstössig wirken sollten - wie klängen diese dann? Wir haben mal nachgedacht... Bild: Selwyn Hoffmann/Pixabay/Montage RD

Fällt Ihnen bei diesen Strophen des Schweizerpsalms etwas auf?

«Euer Herz ahnt
den Schöpfer im hehren Heimatland,
den Schöpfer, im hehren Heimatland.»

Wenn nicht, hier ist das Original:

«Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland

Was haben wir gemacht? Wollen wir eine weitere Hymnendiskussion vom Zaun brechen? Bloss nicht! Wir wollen viel mehr ein skurriles Ereignis aufgreifen, welches in Deutschland gerade grosse Wellen schlägt – dieses Mal ist es ausnahmsweise nicht die AfD.

Es geht um den Vorschlag einer Gleichstellungsbeauftragten im Bundesfamilienministerium. Diese schlug vor, die Deutsche Hymne geschlechtsneutral umzudichten. Das würde dann so klingen:

«Einigkeit, und Recht und Freiheit für das Deutsche Heimatland – danach lasst uns alle streben, couragiert mit Herz und Hand.»

Wir haben diese Idee anhand des Schweizerpsalms nachgespielt – und sind auch noch einen Schritt weiter gegangen, indem wir versucht haben, niemanden zu diskriminieren.

Daher haben wir das Wort «fromm» gestrichen. Fromm ist ein altdeutsches Wort und könnte Menschen, die nicht gläubig sind oder einem anderen Glauben angehören, missfallen – das gleiche gilt für Seele. Was ist mit Atheisten, die nicht an eine Seele glauben? Ebenso natürlich das Vaterland. Was ist mit den Müttern? Singen wird einfach Heimatland und schon ist niemand mehr beleidigt. Ganz wegradiert haben wir Gott nicht - immerhin ist die Schweiz ein christliches Land. Aber die alte Frage, ob man Gott per se als männlich ansehen muss, haben wir aus dem Weg geräumt. Wir geben zu, dass auch «Schöpfer» nicht ganz geschlechtsneutral ist, aber versuchen Sie mal rhythmisch «den Schöpfer - Schrägstrich - die Schöpferin» zu singen.

Das Munotglöggli

Gehen wir mal in die Region und versuchen auch hier - ganz nach der Idee, niemandem auf die Füsse zu treten - einige bekannte Lieder umzudichten. Beginnen wir mit dem Munotglöckchen. Werden alle Anspielungen, die jemanden beleidigen oder jemandem unangenehm sein könnten, entfernt, würde zum Beispiel die zweite Strophe so aussehen:

Auf des Munots weiter Zinne
sah ich es zum letzten Mal,
wie es scherzend, kosend tanzte
auf dem grossen Munotball.

Warum? Das Lied bezieht sich auf ein Liebchen – dieses kann natürlich männlich und weiblich sein. Wir haben ja schliesslich jetzt auch eine Munotwächterin und keinen Munotwächter mehr. Soviel Korrektheit muss sein!

Auch der letzten Strophe haben wir uns angenommen:

So musst auch mein Liebchen hören
dieses Treubruchs harten Klang,
mög er allen subjektiv gesehen unkorrekten Menschen
in den Ohren klingen.
Doch dir Glöcklein will ichs sagen,
aber schweige wie das Grab,
ich gesteh, dass ich die Liebe
seither fast noch lieber hab.

Wie oben bereits erwähnt: Wir haben mittlerweile eine Munotwächterin – warum also sollte man sich dann auf das männliche Geschlecht als Perspektive festlegen? Einfach «Menschen» anstatt «Mädchen» und bei der zweiten Erwähnung «Liebe». Auch die Frage, was denn «falsch» ist, ist doch in unserer heutigen Zeit eine sehr gewagte Aussage. Wer bestimmt denn, was falsch ist? Dieses Empfinden ist doch meistens subjektiv. Daher haben wir aus «falsche Mädchen»  eben «subjektiv gesehen unkorrekt» gemacht. Das ist auch weniger hart als «falsch». Ach und ja: Muss der Glockenschlag Angst auslösen? Nein. Es reicht doch, wenn die Leute ihn hören, oder?

Voila: Schon haben wir ein einwandfreies Stück, an dem sich wohl keiner stören kann.

«Die chliini Wulke Hurrlibutz»

Der Schaffhauser Liedermacher Dieter Wiesmann hat viele Lieder geschrieben. Aber nicht alle sind ganz einwandfrei nach heutigem Standard und könnten im Zweifel anstössig sein.

Nehmen wir die «Die chliini Wulke Hurrlibutz». Eine Wolke, die immer wieder andere Farben hat. Nicht schlimm? Oh, doch! Fangen wir an mit der ersten Strophe.

Wie flügsch mer au devoo
da goht doch nid eso
jo aber nei, du bisch ganz SCHWARZ.

«Blackfacing» in einem Kinderlied? Nein, das geht nun wirklich nicht. Für die, die eine eventuelle Empörung nicht verstehen würden: Als solches bezeichnet man gemeinhin, wenn weisse Menschen sich das Gesicht schwarz anmalen, um schwarze Menschen darzustellen. Da diese dann meistens auch mit übertriebenem Akzent und als sehr tollpatschig und oft auch dumm dargestellt wurden, gilt dies heute als verpönt. Das Schweizer Fernsehen SRF sah sich im Jahr 2014 mit einer Klage wegen Verstosses gegen die Antirassismusnorm konfrontiert, nachdem die Schweizer Komikerin Birgit Steinegger (69) in der Sendung «Endspott» eine Frau Nogumi darstellte. Eben mit «Blackfacing».

Wie könnte man dieses Problem lösen? Vielleicht, indem man das «Schwarz» streicht. Nennt man die Wolke «maximal pigmentiert» oder bezeichnet sie - korrekterweise - als Afro-Wolke, dürfte das Problem behoben sein. Die nachfolgende Strophe müsste man zwar immer noch streichen, denn dort gibt die Wolke ja offen zu, dass sie «Blackfacing» betrieben hat – aber das ist ein anderes Thema.

Wie flügsch mer au devoo
da goht doch nid eso
jo aber nei, du bisch e Afro-Wolke.

Zuletzt haben wir uns noch ein anderes Lied von Dieter Wiesmann vorgenommen - unsere Schaffhauser Hymne.

Blos e chlinii Stadt

Ja, auch dieses Lied könnte für manche anstössig wirken. Vor allem der Refrain…

Gucken wir ihn uns mal an:

Zuegä, statt High Society, blos Dameriige
Goots im Städtli usnahmswiis fidel und luschtig zue
sinds bim Nööcherluege sicher Italiener

Wo fangen wir an? High Society wird hier gleichgesetzt mit Damen – was ist mit Männern? Können die nichts erreichen im Leben und zur «High Society» gehören? Genauso in den nächsten beiden Zeilen: Sind Schweizer, Deutsche, Albaner, Franzosen und alle anderen Nationen etwa nicht genauso lustig und fidel wie Italiener? Das muss korrigiert werden.

Zuegä, statt High Society, blos normali Bürger, wa an und für sich au nid schlimm isch, denn au die händ e Berechtigung zum Läbe
Goots im Städtli usnahmswiis fidel und luschtig zue, wa nid heissä söll, dass es z'Schaffhuuse nid au susch luschtig isch,
sinds bim Nööcherluege sicher Usländer vo irgendwo her – natürli chönds au Schaffhauser oder au Schwiizer im Allgmeine sii

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Und? Fühlen Sie sich jetzt schon weniger diskriminiert? Nicht? Wir irgendwie auch nicht – dafür können wir uns nicht dem Gefühl erwehren, dass es irgendwas falsch klingt, wenn wir die Lieder so singen würden…

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