Après-Ski in der Alphütte: Gut gelaunte Gaudi oder geschmackloses Besäufnis?

Autor
Schaffhauser N…

Alkoholische Getränke und Schlagermusik: Ist das Partyvergnügen ein unverzichtbarer Teil des Wintererlebnisses oder der unschöne Teil des Skitourismus?

Pro

Von Daniel Zinser, Redaktor Online

Reiss die Hütte, komm, reiss die Hütte ab»: Zugegeben, die Textzeilen der verschiedenen Après-Ski-Lieder, die jeweils durch die Zelte, Iglus und Bars der Schweizer Skigebiete schallen, sind nicht gerade hochstehend. Trotzdem gehört das Après-Ski für mich einfach dazu.

Während des Tages steht der Sport im Vordergrund. Auch bei schlechtem Wetter wollen die wenigen Stunden im Schnee genossen werden. Wenn der Tag dann aber langsam zur Neige geht und die Beine müde werden, kommt die Vorfreude auf das Après-Ski. Nach einem langen Tag an der frischen Luft schlägt einem eine wohlige Wärme entgegen. Die schweren Skijacken fliegen auf einen Haufen, die Handschuhe und Helme hinterher. Nachdem die Skischuhe gelockert sind, fühlt man sich endlich frei. Ein warmes Getränk hilft, die Kälte aus den klammen Fingern zu vertreiben. Jetzt kommt endlich der gemütliche Teil. Während sich die Kommunikation auf der Piste aufs Notwendige beschränkt, kann nun über Gott und die Welt gesprochen werden. Die gemütliche Wärme und die alkoholischen Getränke helfen schnell die Stimmung zu lockern.

Ist der durchschnittliche Schweizer im Alltag eher ein zurückhaltender und ruhiger Zeitgenosse, ist diese Zurückhaltung im Après-Ski schnell abgestreift. Problemlos kommt man mit total fremden Leuten ins Gespräch. Skifahrer und Snowboarder aus der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland treffen auf engstem Raum aufeinander. Schnell sind gemeinsame Interessen gefunden, und es wird auf die neu geschlossene Freundschaft angestossen.

«Einzigartig» ist eine ziemlich treffende Beschreibung für das Après-Ski. Wo sonst trinkt man grünen Wodka mit Pfefferminztee? Wo sonst wird man nicht doof angeschaut, wenn man in Thermo-Unterwäsche feiern geht? Wo sonst wird zu Liedzeilen wie «Wie heisst die Mutter von Niki Lauda? Mama Laudaaa, Mama Laudaaa» mitgegröhlt? Genau diese Einzigartigkeit macht das Après-Ski für mich besonders. Könnte ich ihn das ganze Jahr hindurch haben, wäre es mir wohl schnell zu viel. So aber gehört das Après-Ski für mich zum Skitag wie die Älplermagronen im Bergrestaurant zum Mittagessen.

Contra

Von Anna Kappeler, Redaktorin Inland

Erbarmen, bitte! Die Studiengspänli hopsen wie komplett von Sinnen vor mir auf und ab: «Da hat das rote Pferd sich einfach umgedreht», brüllen sie mir entgegen, um den monotonen, viel zu lauten Bass zu übertönen. Dass er sich längst überschlägt, stört das denn ausser mich wirklich niemanden? Ihr Alkoholatem strömt mir frontal ins Gesicht, ein Wunder, dass sie mir in ihrer Euphorie nicht auch noch ihre Kaffi fertig über den Skianzug kippen. Weil ich nicht glückselig-grinsend bei ihrer anschliessenden Bolognese mitmache, drückt mir jemand – «Zum Lockerwerde, weisch» – einen Drink in die Hand. Das ist der Punkt, an dem es mir reicht und ich einen französischen Abgang mache.

Über zehn Jahre ist jenes Schneelager der Uni Basel inzwischen her. Noch heute erinnere ich mich glasklar an die allabendlichen Après-Ski-Abstürze der Kommilitonen – und schäme mich ein bisschen fremd. Ab einem gewissen Alkoholpegel der anderen werde ich auf einen Schlag stocknüchtern. Nennt mich Spassbremse, ich nenne es Bewahren eines Mindestmasses an Niveau. Dabei mag ich Snowboarden sehr. Ausgang sowieso. Und Mitmenschen meist auch. Der Reiz am Après-Ski aber hat sich mir nie erschlossen. Schweissgeruch in der Luft, an den Füssen unbequeme Snowboard- oder Skischuhe. Eine Helmfrisur. Überteuerter Alkohol. Dazu grauenhafte Musik: «I bin so stoak und auch so wild / I treib es heiss und eisgekühlt», mitgrölen und sich dabei so schön und toll wie «Anton aus Tirol» fühlen?

Selbst Après-Ski-Anhänger geben zu, dass solche Songs nur mit viel Alkohol aushaltbar sind. Hier aber wird es bedenklich, weil mit diesem Pegel danach ja noch ins Tal hinuntergefahren werden muss. Somit also nicht nur sich selber, sondern auch andere zu gefährden, finde ich nicht cool, sondern fahrlässig.

Zudem fahre ich ja gerade wegen der Ruhe in die Berge. Ein gutes Essen vor dem heimischen Cheminée mit einem Glas Roten. Gemütlich im Chalet in der Badewanne liegen. In die Sterne gucken. Nichts tun und in die Stille lauschen.

Clubben kann ich dann in der Stadt wieder. Zu guter Musik.

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