Kinderfreie Zonen: Unbedingt notwendig oder ein Affront für Familien?

Autor
Schaffhauser N…

Kinder sind nicht überall willkommen. Es gibt Bars und Hotels, bei denen sie draussen bleiben müssen. Manche Leute fordern sogar kinderfreie Airlines. Doch ist das sinnvoll oder nur Zwängerei?

Pro

Von Clarissa Rohrbach, Redaktorin

«Mama, schneidest du mir die Pizza?»

«Mama, ich muss aufs WC!»

«Mama, ich mag das nicht.»

Da sitze ich also und versuche mit einem Freund Kaffee zu trinken. Genauer gesagt, versuchen wir zu reden. Aber bald geben wir es auf und trinken nur noch Kaffee. Schweigend. Denn die Kinder am Nebentisch beanspruchen mit ihrem Geschrei das ganze Lokal. Die Leute um sie herum schauen genervt, fragen sich, was für eine Erziehung diese genossen ­haben. Doch sagen darf man nichts. Man muss es hinnehmen, denn wer beklagt sich schon über Kinder? Kinder gehören dazu, Kinder muss man mögen. Alles andere wäre asozial.

Es scheint eine kollektive Pflicht zu sein, den Kindern wohlwollend zu begegnen. Vor allem bei Kleinkindern sind wir darauf getrimmt, ihnen lächelnd den Bauch zu kraulen, auf ihre Laute mit begeisterten Jauchzern zu reagieren und allgemein ganz hingerissen zu sein. Wer es nicht tut, ist ein Miesepeter. Bin ich also ein schlechter Mensch, wenn ich einfach meine Ruhe haben will und nicht dazu bereit bin, den kleinen Tyrannen die Plattform zu geben, die sie ohnehin schon oft genug für sich beanspruchen?

Ich mag ja Kinder. Es ist ja nicht so, dass ich eine Kinderhasserin wäre. Nur will ich selbst entscheiden, wann ich mit ihnen zu tun habe. Das ist der grosse Unterschied zwischen denjenigen, die sich für Kinder entschieden haben, und denjenigen, die sich dagegen entschieden haben. Erstere müssen 24 Stunden am Tag für sie da sein, opfern ihr Leben dafür auf. Die anderen hingegen schätzen ihre Unabhängigkeit. Doch es scheint ein allgemeiner Konsens zu herrschen, dass die Fortpflanzung als Ziel mehr wert ist als andere Ziele im Leben. Deswegen bekommt man Kinder ­aufgedrückt, als ob es sich nicht um eine Entscheidung, sondern um eine Selbstverständlichkeit handeln würde.

Wenn ich mich also entschieden habe, nicht tagein, tagaus auf ein Kind eingehen zu müssen, will ich auch nicht immer eins ertragen müssen. Im Restaurant, in der Bar, im Laden. Es wäre durchaus entspannend zu wissen, dass es Orte gibt, an denen ich nicht auf Kinder Rücksicht nehmen muss. Wo man von vornherein weiss: Hier ist Ruhe. Doch dürften die wenigsten Lokale ein kinderloses Konzept umsetzen. Denn, wie gesagt, man will ja nicht als asozial gelten. Bleibt zu hoffen, dass Eltern an gewissen Orten selbst merken, dass sie hier mit ihrem Nachwuchs fehl am Platz sind. Gleichgesinnte halten zusammen, so soll jeder sich mit dem ­Umfeld umgeben, das für ihn passt. Und wenn mich dann doch mal ein Kind anlächelt, sehe ich das als willkommene Abwechslung.

Contra

Von Zeno Geisseler, Redaktor

Es gibt Orte, da haben Kinder nichts verloren. Der Roulettetisch im Casino ist kinderfreie Zone. Der Rauchertisch in der Bierhalle ist kinderfreie Zone. Ist ja klar.

Aber darum geht es ja bei dieser Frage natürlich nicht. Eltern mit Kindern werden auch von Orten ferngehalten, an denen sie eigentlich willkommen sein sollten. Als zahlende Gäste etwa oder einfach bloss als Teil der Bevölkerung.

Jede stillende Mutter hat ein paar Geschichten drauf, wie sie schief angeschaut wurde, mindestens, als sie es wagte, im Café ihrem Baby die Brust zu geben. Leute am Nebentisch, die maschinell gezapfte, ­industriell gefilterte, wärmebehandelte, homogenisierte und in Plastik mit furchtbar hässlichen Bildern verpackte bovine Sekrete in ihren Kaffee kippen, finden es ausgesprochen widerlich, wenn ein Kleinkind am Nebentisch reinste Biomilch von der Quelle bezieht. Manchmal werden die stillenden Mütter sogar mehr oder weniger freundlich aufgefordert, ihr Kind doch bitte auf der Toilette zu füttern. Auf der Toilette! Würde jemand seinen Macchiato auf der Toilette trinken? Eben. Und an all jene Restaurants, solche gibt es auch in Schaffhausen, mit einem «Kein Kinderwagen»-Sticker am Eingang: Würden sie sich auch getrauen, ein «Kein Rollstuhl»-Schild aufzuhängen?

Gewisse Leute ohne Kinder regen sich gerne darüber auf, dass Leute mit Kindern sie mit ihren Kindern beim Dasein ohne Kinder stören.

Aber sind Leute mit Kindern toleranter? Nicht unbedingt. Manchmal sind Leute mit Kindern, aber tempo­rär ohne Kinder, weil irgendein Halbkind die Kinder zu Hause ins Bett bringt, sogar die schlimmsten. Da will man wenigstens für ein paar teuer bezahlte und vor Monaten freigeschaufelte Stunden lang ungestört ein Abendessen unter Erwachsenen geniessen, und dann hat es Goofen am Nebentisch!

Dabei wäre es so einfach: Familien können ihren Terror nicht überall streuen. Weinbars ab 21 Uhr sind safe. Museen für moderne Kunst sind safe. Parteiversammlungen sind safe. Sämtliche Verkaufsausstellungen für sexy Sportwagen mit zwei Sitzplätzen sind sehr, sehr safe.

Leider.

Und an alle Twenty-Somethings, die im Flieger nach Gran Canaria eine Reihe vor einer Familie sitzen und meinen, sich bei der Flight Attendant beklagen zu müssen, bloss weil sie seit dem Take-off vor zwei Stunden Elefanten Grösse 34 in die Wirbelsäule gebrettert bekommen: Das Kind bezahlt mal Ihre AHV!

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