E-Bikes: Saubere Mobilität oder neue Gefahr auf unseren Strassen?

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Schaffhauser N…

E-Bikes sind von unseren Strassen kaum mehr wegzudenken. Doch sind die beliebten Velos mit Elektromotor ein Segen für die umweltfreundliche Fortbewegung oder eine ständige Gefahrenquelle?

Pro

Von Ulrich Schweizer, Redaktion Beilagen

Mein E-Bike, genauer Pedelec, ist der absolute Höhepunkt meiner Zweirad-Karriere. Angefangen hatte sie mit hellen Tränen der Enttäuschung: Nichts hatte ich mir als Sechsjähriger sehnlicher gewünscht als ein Trottinett – rot sollte es sein, einen soliden Stahlrohrrahmen haben, Bremshebel an der Lenkstange und Pneus aus weissem Gummi. Was dann aber an meinem Geburtstag am Gabentisch lehnte, war beinahe in jedem Punkt das Gegenteil meines Wunschtraums: Das mickrige Gefährt bestand aus massivem, ungefärbtem Buchenholz und hatte zwei lächerlich kleine Räder, ebenfalls aus massivem Buchenholz. Die Reifen waren zwar weiss, bestanden aber aus Vollgummi. Undenkbar, damit auf dem Kopfsteinpflaster der Gassen in unserem Bündner Berg­dorf auch nur einen Meter ohne Gehirnerschütterung zurückzulegen.

Im Bergdorf war auch Velo fahren zu lernen kein Kinderspiel: Wir wohnten unterdessen hoch oben am Hang. Die Schussfahrt auf einem geliehenen Kindervelo endete in Angstschweiss, Blut und Tränen an einer Hausmauer. Velo fahren lernte ich erst mit zwölf, bei meiner Gotte im Mittelland. Auf ihrem englischen ­Damenvelo fuhr ich tagelang so, wie ich auf dem Trottinett meiner Träume gerne herumgebrettert wäre, gab mit dem linken Fuss Schub und liess den dunkelgrünen Strassenkreuzer auf der Quartierstrasse ausrollen, so weit der Schwung ihn trug. Als ich zurück im Gebirge war, reichte der Schwung, den ich auf das Hinterrad eines Leih­velos brachte, aber nur knapp bis ins Kino nach St. Moritz: Den Berg hinauf neben der Bobbahn musste ich schieben, und die nächtliche Heimfahrt den Inn entlang zog sich endlos dahin. In Zürich beschränkte ich die Velofahrten auf den Weg zur Arbeit das Seeufer entlang.

Zum 60. Geburtstag fasste ich den Vorsatz «Mehr Sport!», und tägliche Bewegung ohne Schweissbad war mein Ziel. Ich wünschte mir für den Arbeitsweg nach Schaffhausen ein schnelles, elegantes, elektrifiziertes Fahrrad, denn ohne den Schub eines kräftigen Motors wäre die Steigung von Rand­eck auf die Dörflinger Höhe für mich nicht zu bewältigen. Dank «elektrischem Rückenwind» schaffe ich die Strecke an der frischen Luft nun ebenso schnell wie im Bus oder mit dem Auto – und verbrauche dabei keinen fossilen Brennstoff, produziere kein Treibhausgas, tue etwas für meine Gesundheit und fahre günstiger. So habe ich in zwei Jahren immerhin 1200 Kilometer zurückgelegt – das sind genau 1200 mehr, als ich mit einem Velo sonst je gefahren wäre.

Contra

Von Dario Muffler, Redaktion Region

Ich mache mir öfters einen Spass daraus, E-Bike-Fahrer bergauf zu überholen – auch wenn ich dafür am Ende der Steigung etwas tiefer atme und mehr geschwitzt habe als sonst: Der Triumph ist dabei nicht nur sportlicher Natur. Genugtuung verschafft mir jeweils auch der fragende, manchmal sogar abschätzige Blick des gemütlich Trampelnden auf seiner bewegbaren Batterie. Klar, mich würde es auch nerven, überholt zu werden, wenn ich eine Tretunterstützung hätte. Handkehrum werde ich das Gefühl nicht los, dass es ­E-Bike-Fahrer geniessen, wenn sie mit einer extrem tiefen Trittfrequenz zum Überholen ansetzen.

Abgesehen davon, dass es unnatürlich aussieht, wenn die Geschwindigkeit nicht zur Kadenz der Beine passt, ist der Tempogenuss nur von ungewisser Dauer. Die Akkus entladen sich je nach Temperatur, Topografie und Unterstützungsgrad völlig unterschiedlich: Die Spannweite beträgt zwischen 20 und 100 Kilometer Reichweite. Nur, wer weiss vor dem Antritt einer Fahrt, wie sich der Ladestand entwickelt? Fährt man in eine Steigung hinein, zeigt das Display eine Reichweite von zehn Kilometern an. Nachdem man 500 Meter bergauf gefahren ist, reicht der Strom plötzlich nur noch für fünf Kilometer. Und dann gute Nacht, wenn der Akku leer ist, das E-Bike aber noch nicht in der Garage … Dann ist dieses vermeintliche Wunder-Bike träger als jedes Militärvelo aus dem letzten Jahrtausend. Regelmässig höre ich Gejammer darüber, wie anstrengend es sei, mit einem E-Bike ohne Antrieb vorwärtszukommen.

Tja, sag ich da nur: Hätte man nur auf ein ehrliches Fahrrad gesetzt. Mit diesem kann man einfach losfahren, ohne einen Akku aufladen, einsetzen und irgendwann umweltbelastend entsorgen zu müssen. Es ist nämlich ein Genuss, sich mit eigener Muskelkraft vorwärtszubewegen. Das bringt auch Sicherheit mit sich: Man ist langsamer und kann das Velo besser einschätzen. Wer jahrelang kein Velo gefahren ist, sich dann aber ein E-Bike kauft, kann zur Gefahr für sich und andere Verkehrs­teilnehmer werden. Zudem steigen mit der höheren Geschwindigkeit der Bremsweg und das Unfallrisiko erheblich an.

Nicht vernachlässigen darf man den ästhetischen Aspekt. Einerseits gibt der Einsatz der Muskulatur schöne Wädli und hält fit. Andererseits sehen E-Bikes einfach nicht schön aus. Das Gehäuse an der Kurbel ist wegen des Motors meist riesig. Und irgendwo muss der Akku verstaut werden – am besten so, dass man ihn möglichst nicht entdeckt …

 

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