Schehechejanu

Eva-Maria Brunner | 
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In ihrer Kolumne «Kind und Kegel » schreibt Eva-Maria Brunner über die Achtsamkeit und das damit verbundene Innehalten in besonderen Momenten.

Das neue Jahr ist bereits zwei Wochen alt und immer, wenn ich die Kisten mit dem Weihnachtsschmuck im Keller ­verstaut habe, steht mir der Sinn nach ­einem Neuanfang. Ich sehne mich nach Sonnenlicht statt Kerzenschein, nach Frische und Leichtigkeit. Doch statt leichtfüssigem Dreivierteltakt fühlt es sich eher nach Januarkater und Lehm an den Schuhen an. Und dann stosse ich in den Weiten des WWW auf diese Notiz, die mich innehalten lässt. Eine jüdische Amerikanerin schreibt darüber, wie sehr sie das Ritual des «Schehechejanu»-Segens mag. Er stammt aus dem Talmud und wird seit über 1500 Jahren immer dann rezitiert, wenn man eine besondere Erfahrung macht, welche Freude bereitet. Traditionellerweise wird er nicht nur vor ­gewissen religiösen Handlungen ­gesprochen, sondern auch vor grossen Ereignissen wie einem Hauskauf oder der Geburt eines Kindes. Auch bei der Ankunft in Israel sprechen Juden diesen Segen aus. Die Verfasserin des Artikels erklärt weiter, dass sie es sich zur Gewohnheit gemacht hat, auch bei kleineren Begebenheiten, welche sie seit einer längeren Zeit zum ersten Mal wieder erlebt, einen Moment innezuhalten und das kurze Gebet zu sprechen. Es können banale Dinge sein; die erste Erdbeere der Saison oder das erste Mal, wenn sie die Wäsche draussen zum Trocknen aufhängt.

Mir gefällt dieser Brauch. Der Begriff der Achtsamkeit ist in aller Munde und wird geradezu inflationär gebraucht. Oft macht mich dieser Appell, doch ­gefälligst präsent und wertschätzend durch den Alltag zu gehen, jeden Schluck Kaffee und jeden Sonnenstrahl bewusst auszukosten, beinahe aggressiv. Morgens bin ich froh, wenn noch Milch vorrätig ist und alle Familienmitglieder rechtzeitig aus dem Haus gegangen sind, beim Spagat zwischen Berufsfrau und Mutter mache ich nicht immer eine ­geschmeidige Figur und tief in den Bauch zu atmen vergesse ich manchmal schlichtweg. Achtsamkeit ist mir ein zu grosses Wort, ich brauche einen konkreten Aufhänger. Dieses kurze ­Innehalten in Augenblicken, die sonst Gefahr laufen, unbewusst durchlebt statt freudig zelebriert zu werden, spricht mich an.

Welches wären meine Schehechejanu-Momente? Ich lasse die gewichtigen ersten Male meines Mutterlebens ­Revue passieren. Das erste Mal mit der neugeborenen Tochter einen Spaziergang machen? Der Stolz, nun zu dritt unterwegs zu sein, und die Panik, dieses noch so unbekannte Wesen könnte mich mit plötzlich auftretenden ­Bedürfnissen konfrontieren, welche man nicht in der Fussgängerzone ­befriedigen kann, hielten sich die Waage. Die ersten Schritte? Lange ­ersehnt und dann beinahe verpasst, während ich mich mit einer lange nicht gesehenen Freundin unterhielt. Der erste Schultag? Emotional so aufgeladen, dass ich mich ausser an die Sonnenblume, welche wir Mütter zum ­Abschied überreicht bekommen haben, an nichts mehr erinnere. Dafür hat sich der erste Konzertbesuch und Ausgang als (nicht mehr ganz so frisch gebackene) Mutter eingeprägt; ein Gefühl von ­Freiheit und Erleichterung, dass mein altes Leben nicht komplett unter Windelbergen begraben lag.

«Vieles ist eingeschränkt in diesen ersten Januartagen 2022, vieles wird vermisst. Ich möchte versuchen, das zu feiern, was immer wieder zum ersten Mal und trotz allem geschieht.»

Oder das erste Mal mit beiden Kindern im Ausland in den Ferien: durch ihr Staunen selbst noch einmal eine Landschaft, Gerichte oder Wörter erfahren. Und weil Kinder nicht nur neugierig, sondern auch gnadenlose Traditionalisten sind, besteht unser Familienleben aus zahlreichen wiederkehrenden, freudig erwarteten ersten Malen: die erste Abfahrt frühmorgens, wenn wir die Skipiste noch für uns allein haben. Wer hört als Erster den Ruf des Kuckucks, wer findet den ersten Pilz im Herbstwald? Das erste Mal ohne Socken in den Schuhen, das erste Nachtessen auf der Terrasse. Der erste «Spiise» im Fuss in der Rhybadi, welcher sich am besten mit der ersten Sauerrahmlimetten­glace verschmerzen lässt. Vieles ist eingeschränkt in diesen ersten Januartagen 2022, vieles wird vermisst. Ich möchte versuchen, das zu feiern, was immer wieder zum ersten Mal und trotz allem geschieht.

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