Lob der Einfachheit

Autor
Schaffhauser N…

Wenger meint ...

Marcel Wenger

Ist es Ihnen nicht auch schon so ergangen: Man steht vor einer neuen Verpackung, einem neuen Drehverschluss, einem raffinierten Büchsenöffnungsmechanismus und muss erst mal passen. Man dreht, es knackt und knattert, aber die Flasche bleibt zu. Man hebt die Lasche, zieht und reisst, aber das Einzige, was man vom Rest der Büchse entfernt, ist die Lasche. Und genau die sollte einem den Inhalt erschliessen statt nur das Scheitern besiegeln. Man schneidet auf und trennt genau jenen Teil des Beutels ab, der es erlauben würde, Letzteren wieder zuzumachen.

Aha! Man hätte drehen und gleichzeitig am Verschluss drücken müssen, die Lasche darf nur von links nach rechts abgezogen, der Beutel an der fein perforierten Linie aufgeschnitten werden. Die Tube sollte erst einmal mit dem Überdrehen des Verschlusses vorn geöffnet statt hinten verdreht werden. Es könnte so einfach sein. Ist es aber nicht, weil ein Kniff eingebaut ist, nicht selten zwecks besserer Lagerung, mehr Dichtigkeit oder einfach aus Freude an der Innovation. Und damit nicht genug: Das empfohlene Handling samt Hinweis auf einen neuen Superklebestreifen zum Wiederverschliessen ist sogar am Objekt der Tücke aufgedruckt, eingeritzt oder in einfachen Schritten beschrieben. Man nehme die Tube in die rechte Hand, fasse den Verschluss mit Daumen und Zeigefinger der Linken, drücke und drehe gleichzeitig im Gegenuhrzeigersinn, bis es knackt. Dumm nur, wenn das Einzige, was knackt, die Fingergelenke sind oder wenn die Sehkraft, die Brille sowie das Öffnungspiktogramm nicht in der Lage sind, Bildliches in Motorik umzusetzen. Im dümmsten Fall bleiben die Kapern in der Büchse, ergiesst sich Mayonnaise seitlich aus der Tube oder der gemahlene Pfeffer ungebremst in die Sauce.

Im dümmsten Fall bleiben die Kapern in der Büchse, ergiesst sich Mayonnaise seitlich aus der Tube oder der gemahlene Pfeffer ungebremst in die Sauce.

Immer mehr Dinge werden komplizierter konstruiert, damit sie angeblich sicherer zu handhaben sind. Dabei kann es zu schwerwiegenden Zwischenfällen kommen. Von Ketchup in der Frisur des Kochs, Blessuren wegen unsachgemäss mit Schraubenzieher eröffneter Büchse bis hin zu Muskelzerrungen wegen widerspenstiger Vakuumverschlüsse ist alles möglich. Die Verpackung ist meist stärker als alle untauglichen Öffnungsversuche. Die Vergeblichkeit menschlichen Bemühens wird einem im alltäglichen Umgang mit Backprogrammen am Herd, Fahrassistenten im Auto und Sprachnachrichten beim Handy bewusst gemacht. Kaum hat man es begriffen, den Kniff intus, sorgen neue Ideen und neue Modelle für neuen Ärger. Es scheint, als ob ein unsichtbarer Lehrer mit mehr Hang zur Diabolik denn zur Pädagogik am Werk wäre. Betriebswirtschafter nennen dies einen «kontinuierlichen Verbesserungsprozess» oder abgekürzt KVP, was eine gewisse begriffliche Nähe zur längst vergangenen «Kameraden-Verbands-Patrone» aus RS-Zeiten aufweist. Dass man genau diese Verbandspatrone wegen all der Kompliziertheit des täglichen Lebens ständig auf sich tragen sollte, könnte eine neue Vorschrift sein, mit der man den modernen Bürger noch stärker in die Sicherheitskonzepte all der Erfinder von noch mehr Gimmicks und Tricks einbindet.

Aber halt, es gibt sie noch: die Einfachheit! Ein Lagerfeuer, das brennt. Eine Wurst, die an der Haselrute brutzelt. Eine improvisierte Strassenbeiz mit genau einem, köstlichen Menü, einer leckeren Crêpe oder einer unwiderstehlichen Portion Schupfnudeln mit Kraut. Die Erfolgsgeschichten der Strassenküchen dieser Welt sind unendlich lang und wären weit mehr als eine Kolumne wert. Vielleicht sind sie es, weil dabei weder Molekularküche noch auf die Sekunde gegarter Lobster und von weit her importierter Fischrogen eine Rolle spielen. Und was das Schönste ist: Man hat Hunger und kann einfach essen, ohne sich im Backprogramm zu verirren oder die Steinpilze zu «verpfeffern». Der Käse schmilzt auf dem improvisierten Backblech am offenen Feuer. Das Schlangenbrot geht einfach auf, der Verschluss der Bierflasche ploppt weg, und sogar der mitgebrachte Senf kann direkt aus der Tube auf den knusprig-salzigen Cervelat gedrückt werden. Glück braucht Einfachheit – oder sehr viel Geld, mit der man sich die Einfachheit kaufen kann. Leider tun wir vom materiellen Glück Verwöhnten oft das Gegenteil: Wir kaufen uns ein in das Komplizierte. Und machen dabei auch Einfaches kompliziert, wenn ich an gewisse Prinzipienreitereien für stationäre Restaurant­betriebe denke und sie dann mit der Realität einer florierenden Strassen­küche vergleiche. Wir sollten etwas mehr Mut zur Einfachheit haben. Zur nicht käuflichen Variante, die direkt aus dem Herzen und nicht aus der Trickkiste kommt.

Die An- und Einsichten unserer Kolumnisten publizieren wir gerne, weisen aber darauf hin, dass sie selbstverständlich nicht mit jenen der Redaktion übereinstimmen müssen.

 

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