«Doch zuerst die gute Nachricht …»

Autor
Sandro Stoll

Die Börsen taumeln, die USA und China schrauben am Freihandel, und die Inflation, ein fast schon vergessenes Gespenst, taucht wieder auf dem Radar der Ökonomen auf.

Gerold Bührer im Gespräch. Bild: Selwyn Hoffmann.

Seit dem Ende der Finanzkrise kannten die Aktienkurse nur eine Richtung: zum Himmel. Die Kurseinbrüche am Montag haben die Anleger wachgerüttelt. Gerold Bührer hat die Entwicklungen der Märkte als Ökonom, Manager und einflussreicher Wirtschaftspolitiker fast fünfzig Jahre lang beobachtet. Ein Gespräch über Börsentaucher, Inflationsängste und darüber, wie sich die Schweizer Wirtschaft auch in einem raueren globalen Umfeld behaupten kann.

Herr Bührer, sind die Börsenturbulenzen dieser Woche bloss ein grober Rump­ler oder doch der Vorbote eines grossen Crashs?

Gerold Bührer: Ich bilde mir nicht ein, den Stand der Börsenindizes ein Jahr im Vor­aus prognostizieren zu können. Aber ich glaube schon, dass sich etwas verändert hat. Die letzten Jahre ging es ja nur nach oben. Grund dafür war ein – wie ich es nenne – goldiges Viereck: Wir hatten in den letzten Jahren ein solides Wirtschaftswachstum mit sinkender Arbeitslosigkeit, und dazu kamen steigende Unternehmensgewinne, fast keine Inflation und rekordtiefe Zinsen. Diese ungewöhnliche Kon­stellation hat die Aktienmärkte vehement getrieben, das war die Basis für die Euphorie an den Börsen.

Und jetzt ist die Angst da vor steigenden Zinsen …

Zuerst die gute Nachricht: Die ersten beiden Pfeiler des Vierecks stehen weiterhin solide da. Das Wirtschaftswachstum wird robust bleiben, davon bin ich überzeugt. Und es wird vor allem weltweit synchron sein. Das heisst, alle grossen Wirtschaftsräume wachsen, selbst der Internationale Währungsfonds erwartet ein Wachstum von real 3,9 Prozent. Und das bedeutet gleichzeitig, dass sich auch die Unternehmensgewinne vorderhand gut entwickeln werden. Was sich aber verschiebt, sind die zwei anderen Ecken: Die Anzeichen, dass die Teuerung anzieht, mehren sich. Insbesondere in den USA, wo die Arbeitslosigkeit auf einem historischen Tiefstand ist, merkt man, dass die Salärkosten steigen. Und mit der höheren Inflation wächst natürlich auch die Erwartung, dass die Zinsentwicklung nach einem jahrzehntelangen Sinkflug wieder die Richtung ändern wird. In dieser Situation wage ich zwei Prognosen, erstens: Die Schwankungen an den Aktienmärkten werden stärker sein. Und zweitens: Die Perfor­manceraten der letzten Jahre, die ja mitunter zweistellig waren, sind ­Geschichte, das wiederholt sich in der nächsten Zeit nicht mehr so schnell.

Donald Trump hat am WEF behauptet, die Börseneuphorie der letzten eineinhalb Jahre hätte man in erster Linie ihm und seiner Wirtschaftspolitik zu verdanken. Wie sieht es jetzt damit nach der Korrektur der Märkte aus?

Gut, das war wieder einmal eine typisch trumpsche Überzeichnung der Fakten. Die Erwartung, dass es in den USA zu einer Senkung der – im internationalen Vergleich – hohen Steuern für Unternehmen kommen wird, hat dem Markt kurzfristig sicher geholfen. Die Senkung der Steuerbelastung von 35 auf 21 Prozent erhöht die Unternehmensgewinne markant, und das haben die Aktienmärkte vorweggenommen. Das ist Trumps Verdienst. Aber der Rest, die ganze wirtschaftliche Dynamik, hat schon lange vor ihm eingesetzt, die USA kommen jetzt ins neunte Jahr des Aufschwungs – eine historische Marke.

«Das Wirtschaftswachstum wird robust bleiben, davon bin ich überzeugt. Und es wird vor allem weltweit synchron sein.»

Kritiker werfen Trump vor, sein Wirtschaftsprogramm – tiefere Steuern und höhere Investitionen in den Ausbau der ­Infrastruktur – ganz einfach mit einer weiteren Aufblähung der jetzt schon ­gigantischen US-Staatsverschuldung zu erkaufen. Ist das also bloss ein Aufschwung auf Pump?

Kurzfristig wird das Wirtschaftsprogramm positive Multiplikatoreffekte auslösen. Es werden Gelder aus dem Ausland repatriiert, die Investitionen der Unternehmen im Land steigen. Auf längere Sicht glaube ich aber nicht, dass sich Trumps Erwartungen erfüllen werden. ­Dafür sehe ich zwei Gründe: Erstens ist die US-Wirtschaft bereits jetzt in einer hohen Wachstumsdynamik, die Kapazitäten sind ziemlich ausgelastet und die Arbeitsmärkte eben auch. Es besteht sogar die Gefahr, dass die Inflationsraten durch die zusätzlichen Impulse weiter angefeuert werden und der Druck auf die US-Notenbank noch grösser wird, die Zinsen zügig zu erhöhen. Und zweitens rechne ich damit, dass mittel- und längerfristig die positiven Effekte nicht so gross sein werden, dass sie die durch die Steuersatzsenkung verursachten Mindereinnahmen kompensieren könnten. Kurz gesagt: Ja, ich teile die Sorge, dass sich die fiskalische Situation der USA weiter verschlechtern wird.

«Schon jetzt wird Europas Mittelschicht, die primär in Obligationen und auf dem Bankbüchlein spart, durch die ­Zinspolitik der Europäischen Zentralbank massiv benachteiligt.»

Sie rechnen zwar mit volatilen Börsen, aber einer grundsätzlich robusten Entwicklung der Weltwirtschaft. Was könnte Ihren Optimismus am ehesten trüben: ­weitere protektionistische Massnahmen der USA und Chinas oder geopolitische Auseinandersetzungen zwischen den Grossmächten?

Die Gefahr einer geopolitischen Eskalation mit dramatischen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, so wie wir das beispielsweise während der Ölkrisen in den 70er- und 80er-Jahren erlebten, schätze ich als relativ gering ein. Mehr Sorgen macht mir die Verschuldung. Trotz der ­rekordtiefen Zinsen, die es den Staaten ­erlaubt haben, sich beinahe zum Nulltarif zu refinanzieren, ist die Verschuldung der G20-Länder in den letzten zehn Jahren um weitere 30  Prozent gestiegen. Die Verschuldungskrise ist deshalb ein Schlüsselpro­blem, weil dadurch der Handlungsspielraum der Zentralbanken in der Geldpolitik eingeengt bleibt. Wenn die Notenbanken die Zinsschraube nur schon um ein Prozent nach oben drehen, bekommen die hoch­verschuldeten Länder mittelfristig ein ­Pro­blem mit dem Zinsendienst. Die Verknappung der Staatsfinanzen wiederum schränkt die Handlungsmöglichkeiten der Regierungen massiv ein, zum Beispiel im Bereich der Sozialpolitik, was dann, ist die Wirtschaft erst einmal aus dem Takt, schnell einmal zu politischen Spannungen führen kann.

Die Schuldenproblematik ist allerdings nicht bloss in den USA, sondern auch in Europa virulent.

In der Tat: Italien hat eine Schuldenquote von über 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In anderen Ländern wie dem EU-Schwergewicht Frankreich beläuft sich der Schuldenstand auf 100 Prozent. Das sind schwere Hypotheken.

«Wir sind unabhängiger von Europa geworden, das macht uns etwas weniger angreifbar.»

Und wie steht es um den Freihandel?

Den Schutz der amerikanischen Industrie durch Abschottungsmassnahmen hat Trump gross herausposaunt, aber passiert ist bisher noch nicht allzu viel. Auch China liebäugelt mit Handelshemmnissen, und die EU findet unter dem Deckmantel von Regulierungserfordernisse an Wirtschaftsrestriktionen gerade ebenfalls Gefallen. Die Schweiz spürt das im Streit um die Börsenlizenzen, die Briten an den zähen Brexit-Verhandlungen. Es gibt tendenziell also schon eine Umkehr der Entwicklung der 80er- und 90er-Jahre, als man im Rahmen der WTO verschiedene Handels­liberalisierungen erreichen konnte.

Handelshemmnisse kann man wieder ­abbauen, aber was trägt die Schuldenberge ab? Inflation?

Das ist zumindest eine Antwort, die es in der Geschichte schon gab. Aber die Folgen sind brutal. Schon jetzt wird Europas Mittelschicht, die primär in Obligationen und auf dem Bankkonto spart, durch die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank massiv benachteiligt. Auch die Altersvorsorgesysteme werden stark in Mitleidenschaft gezogen. Profitiert haben Aktionäre und Immobilienbesitzer und, wie gesagt, die Staaten. Aber der tugendhafte Kleinsparer hatte das Nachsehen. Das darf uns nicht kaltlassen.

Trumps Steuersenkungen haben auch die Schweizer Politikerinnen und Politiker in helle Aufregung versetzt. Ist die nächste Runde im Steuerwettbewerb eingeläutet?

Ich fange mit dem Positiven an: Jahrzehntelang war die Schweiz für ihre steuerliche Attraktivität und – das ist mir wichtig – auch ihre politische Stabilität bekannt. Mit der Schweiz konnte man rechnen. Das war ein grosser Vorteil für ausländische Unternehmen, und er ist es immer noch. Punkt zwei: Im Durchschnitt der Kantone liegen die Unternehmenssteuern aktuell bei knapp 18 Prozent – die USA waren bei 35, die meisten europäischen Länder liegen derzeit bei Mitte 20. Das heisst, wir sind immer noch gut positioniert, selbst wenn jetzt die USA auf 21 Prozent hin­untergehen und auch manche europäische Länder nachziehen werden. Wichtig ist allerdings, dass die Steuerreform 17 zügig durchs Parlament geht. Wenn uns das gelingt, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir auch weiterhin als attraktiver Standort beurteilt werden. Die Hochsteuerländer werden weiterhin versuchen, politischen Druck auf uns zu machen. Doch unsere unternehmensfreundliche Steuerpraxis und der Ruf, verlässlich zu sein, sind wertvoll. Denn solide Unternehmen denken langfristig.

Währungsturbulenzen sind spätestens seit der Aufhebung des Euro-Mindest- kurses im Januar 2015 das Schreck­gespenst der Schweizer Exportwirtschaft. Wohin geht die Reise mit dem Franken?

Die aktuelle Frage lautet: Kann sich der Euro sehr lange bei einem Kurs von leicht unter 1.20  Franken halten? Ich glaube das eher nicht. Meine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Konstrukt der Eurozone besteht nach wie vor. Nach allen ökonomischen Lehren gehört zu einem Währungsraum auch eine Fiskalunion, aber die gibt es in Europa nicht. Das heisst, der Euro bleibt wegen des erheblichen wirtschaftlichen Gefälles zwischen Nord und Süd, den Schuldenproblemen und den politischen Unwägbarkeiten innerhalb der Union für Rückschläge anfällig. Wird der Euro langsam und graduell schwächer, kann man sich arrangieren, passiert es abrupt, wie im Januar 2015, ist es schmerzhaft.

Auf welche grossen Trends muss sich die Schweizer Wirtschaft einstellen?

Ich sehe drei Dinge, die wir nicht verpassen dürfen. Erstens, klar: die Digitalisierung, die immer mehr Branchen voll erfasst. Zweitens: die geopolitische Verlagerung, Asien wird noch wichtiger werden. China ist jetzt schon die Nummer eins, nicht hinsichtlich des BIP, aber gemessen an der industriellen Wertschöpfung. Bei Georg Fischer habe ich diese Entwicklung hautnah miterlebt. Als ich ins Unternehmen eintrat, war das Unternehmen fast weitgehend auf Europa fokussiert. Mittlerweile liegt der Anteil noch ­etwas über 50 Prozent. Und bei anderen international tätigen Konzernen ist die- ser Richtungswechsel noch akzentuierter. Auf diese Herausforderung muss auch die ­Politik Antworten finden: Funktionierende Freihandelsabkommen mit den asiatischen Wachstumsregionen sind essenziell. Ein dritter Trend ist der klimapolitisch motivierte fundamentale Wechsel in der Energieversorgung. Es wird ein entscheidender Standortfaktor sein, dass wir auch in diesem Bereich unsere hohe Innovationskraft beweisen. Was uns bei alledem helfen wird: Ich kenne kein Land in Europa, in dem sich die Unternehmen derart früh und konsequent global ausgerichtet haben. Wir sind unabhängiger von Europa geworden, das macht uns etwas weniger angreifbar.

«Der Staat muss den Verlegern nicht mit Direktzahlungen zu Hilfe eilen.»

Herr Bührer, die Weltwirtschaft brummt, und auch für die Schweiz sind Sie optimistisch. Nun frage ich Sie als Verwaltungsratspräsident des Meier Medienhauses, zu dem auch die «Schaffhauser Nachrichten» gehören: Profitiert auch die in der letzten Zeit schwer gebeutelte Medienbranche?

Der Werbemarkt reagiert sensibel auf konjunkturelle Entwicklungen. Das heisst: Auch unserer Branche geht es besser, wenn die Wirtschaft in Form ist. Aber der Strukturwandel weg von den klassischen Medien hin zum Digitalen ist noch nicht abgeschlossen. Auf längere Sicht ist mit einer weiteren ­Erosion der Werbeeinnahmen zu rechnen. Medienunternehmen werden also weiter Kosten senken und gleichzeitig in neue Produkte investieren müssen. Auch rechne ich damit, dass der Prozess der Strukturbereinigung fortschreitet. Es wird weitere Kooperationen geben, und vielleicht verschwindet auch noch das eine oder andere Produkt vom Markt. Am günstigsten scheint mir die Position lokal gut verankerter Medienhäuser zu sein: Das Interesse an Informationen aus der eigenen Region verliert auch in Zeiten der Globalisierung nichts von ihrem Wert. Das hilft uns – vorausgesetzt, wir machen unsere Arbeit gut.

Der Abstimmungskampf um die No-Billag-Initiative ist in vollem Gang. Gleichzeitig wird in Bern an einem neuen Mediengesetz gearbeitet. ­Gebührengelder für ­Zeitungen sind dabei für viele nicht mehr tabu, wie stellen Sie sich dazu?

Ich bedauere, dass man die Revision des Mediengesetzes nicht vor der No-Billag-Abstimmung durchgezogen hat, das wäre ordnungs­politisch sinnvoller und für die Stimmbürgerinnen und Stimm­bürger transparenter gewesen. Jetzt muss man hoffen, dass die No-Billag-Initiative zwar abgelehnt wird, aber eben nicht allzu deutlich, damit der Druck auf der SRG und dem Parlament genügend hoch bleibt. Die liberalen Stimmen, die fordern, dass die SRG ihre Geschäftsfelder wieder auf ein für die Schweizer Medienlandschaft verträgliches Mass zurückstutzen sollte, müssen jetzt gehört und berücksichtigt werden. Oder anders gesagt: Nein, ich bin nicht dafür, dass der Staat den Verlegern – abgesehen vom unbestrittenen Zeitungstransport – mit Direktzahlungen zu Hilfe eilt. Aber die Debatte über die eigentlichen Aufgaben der gebührenfinanzierten Medien und die den privaten Medienhäusern überlassenen Geschäftsfelder ist überfällig.

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