«Schweiz brachte Beweis für die Mondlandung»

Autor
Reto Zanettin

Im Grunde ist die Schweiz eine Raumfahrtnation. Sie ist nicht nur ­Gründungsmitglied der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa, sondern betreibt auch Spitzenforschung.

Unter US-amerikanischer Flagge, aber mit Schweizer Technologie erreichte die Apollo 11 den Mond. Im Bild spiegelt sich Neil Armstrong im Visier des Helmes von Buzz Aldrin. Bild: Key

Er habe nur eine halbe Stunde Zeit, gibt Volker Gass, der Direktor des Swiss Space Center (SSC), zu bedenken. Doch 30 Minuten reichen, um eine wenig bekannte Seite der Schweiz in den Fokus zu rücken. Dass das Swiss Space Center unter anderem von der ETH Lausanne und der ETH Zürich gegründet wurde und aktuell 33 Mitglieder zählt, bemerkt Volker Gass nur nebenher. Echte Begeisterung strahlt er aus, als er über die Mondlandung von 1969, die Rolle der Schweiz in der Raumfahrt sowie über mögliche künftige Reisen zum Mond Auskunft gibt.

Herr Gass, was trägt die Schweiz zur internationalen Raumfahrt bei?

Volker Gass: Die Schweiz ist eine Hightech-Nation. Das heisst, wir arbeiten seit mindestens 50 Jahren an vorderster technologischer Front. Schon 1969 war das Sonnensegel von Professor Johannes Geiss der Universität Bern mit auf dem Mond. Damit konnte die Crew die Sonnenstrahlung – genauer: Sonnenpartikel – messen. Das ist übrigens ein Beweis, dass die Apollo-Mission auf dem Mond landete. Denn wegen des Magnetfeldes können wir auf der Erde keine Sonnenpartikel nachweisen. Wenn Sie so wollen, hat die Universität Bern bewiesen, dass die Amerikaner am 21. Juli 1969 tatsächlich auf dem Mond waren.

Das war vor 50 Jahren. Worum dreht sich die Forschung heute?

Wir sind sehr stark mit der Miniaturisierung beschäftigt. Das Forschungsfeld ist wichtig, weil es die Kosten der Raumfahrt reduziert. Führen Sie sich vor Augen: Pro Kilogramm Gewicht, das ins All befördert wird, fallen Kosten in Höhe von 20'000 Franken an. Und nun denken Sie einmal daran, wie viel eine Rakete wiegt – und es folglich kostet, sie ins All zu be­fördern.

Welche Rolle spielen neue Technologien – Industrie 4.0 – für die Raumfahrt?

Ich beobachte, dass das Umgekehrte zutrifft: Die Raumfahrt fördert neue Technologien. Am besten können Sie das an der Kommunikation und Datenübermittlung nachvollziehen. Darin leistet die Raumfahrt enorm viel für die Gesellschaft. Sie liefert beispielsweise Know-how über drahtlose Verbindungen, Kryptografie und Cyber-Sicherheit.

Inwiefern ist die Schweizer Industrie in die Raumfahrt involviert?

Schweizweit gibt es rund 60 Organisationen, die in der einen oder anderen Weise einen Beitrag leisten – nicht nur in der Forschung. Unternehmen arbeiten häufig im Hintergrund, fertigen Unterkomponenten und verschwinden daher in der Wertschöpfungskette. Beispielsweise entwickelt ein Westschweizer Unternehmen die Drehelemente von Sonnenflügeln an Telekom-Satelliten. Wird ein solcher Satellit ins All geschossen, ist dieser als Ganzer vielleicht ein Thema. Die Einzelteile bleiben aber unsichtbar.

Gibt es in der Schweiz auch gezielte Förderung von Unternehmen, etwa Start-ups?

Das läuft über die Esa und über den Bund. Konkret: Der ehemalige Bundesrat Johann Schneider-Ammann lancierte vor drei Jahren mit «esa bic Switzerland» («esa business incubation centre Switzerland», r.) eine Plattform, die pro Jahr zehn Raumfahrt-Start-ups an den Markt führen soll. Im Herbst präsentieren sich die Jungunternehmen – wie übrigens jedes Jahr – hier in Zürich.

Warum engagiert sich die Schweiz ­überhaupt, obwohl sie keine eigene Raumfahrtbehörde hat?

Es stimmt, die Schweiz führt keine eigene Raumfahrtagentur. Es gibt zwar das Swiss Space Office in Bern. Es regelt die politischen und nationalen Aspekte der Schweiz in Sachen Raumfahrt. Die eigentliche Agentur ist aber die Esa, die European Space Agency. Die Schweiz ist Gründungsmitglied. Die Esa hat mit der Europäischen Union nichts zu tun. Die Eidgenossenschaft ist also völlig gleichberechtigtes Mitglied – «one country, one vote» («ein Land, eine Stimme», r.).

Welche Kontakte haben Sie zur Nasa, zu China oder nach Indien, den grossen Raumfahrtnationen?

Wir pflegen über die Esa Kontakte zu anderen Ländern und ihren Projekten. Wenn ein Wissenschaftler aus der Schweiz über einzigartiges Know-how verfügt, kann er das auch in Projekte mit den USA einbringen. Beispielsweise beteiligte sich der ETH-Professor Domenico Giardini an der «Insight-Mission», die Marsbeben erforscht. Ähnlich verhält es sich mit chinesischen und indischen Projekten. Das Muster ist häufig das gleiche: Man kommt in die Schweiz und fragt nach dem spezifischen Know-how, das hierzulande vorhanden ist.

Dann verfügt die Schweiz also über ­Alleinstellungsmerkmale – Kompetenzen, die sonst kein anderes Land in diesem Masse bieten kann?

Wir haben ein paar Nischen oder Spezialitäten, in denen wir ausgesprochen stark sind. Aber wir arbeiten immer mit anderen zusammen. Zum Beispiel in der Planetenforschung. Darin haben Schweizer Forscher bereits in den 1980er-Jahren erste Exo-Planeten – also Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems – ausfindig gemacht. Und dieses Jahr startet das Cheops-Projekt unter Schweizer Führung. Es untersucht, ob es in den Weiten des Alls erdähnliche Planeten gibt.

Worum geht es bei dieser Forschung – etwa um ausserirdisches Leben oder sucht die Schweiz im All nach Rohstoffquellen?

Nein, das nicht. Es geht zunächst um die Charakteristik der Planeten. Wie sieht so ein Planet aus, der vielleicht 100 Lichtjahre von der Erde entfernt ist – gibt es ­Parallelen zur Erde? Wenn ein solcher Planet der Erde ähneln würde, könnte man genauer hinschauen, ob die Bedingungen für Leben – zum Beispiel Wasservorkommen – gegeben sind. Wir erforschen also primär, ob Leben auf anderen Planeten grundsätzlich möglich wäre.

Warum ist der Mond heute immer noch interessant?

Die gesamte Zeit, die die Menschheit auf dem Mond verbracht hat, beträgt rund einen Monat. Das ist wenig – und liegt 50 Jahren zurück. Wollen wir in Zukunft längere Zeit im Weltraum verbringen, müssen wir heute die Grundlagen dazu legen – sprich: Wir müssen erforschen, wie es sich lebt, wenn man weiter und für längere Zeit von der Erde entfernt ist, als man es beispielsweise von der ISS (International Space Station, r.) aus ist. Mit dem Mond haben wir einen solchen weiter entfernten Ort.

Welche Probleme könnten auftreten?

Denken Sie an einen medizinischen Notfall. Von der ISS aus, könnten die Astronauten die Erde innert ein paar Stunden erreichen. Vom Mond aus dauerte die Rückreise schon ein paar Tage. Eine akute Blinddarmentzündung kann da zu einem gröberen Problem werden.

Gibt es Überlegungen, auf dem Mond eine dauerhafte Station einzurichten?

Diese Diskussion gibt es. Die Rede ist von einer Forschungsstation, die sich an den Stationen in der Antarktis orientiert. Erkundet werden soll zum Beispiel, wie sich die geringere Gravitation und der Staub auf den Menschen auswirken. Und das auf längere Sicht. Damit würden wir Neuland betreten. Das schliesst mit ein, dass wir lernen, Probleme – Stichwort «akute Blinddarmentzündung» – vor Ort zu lösen.

Wie viel Know-how über den Aufenthalt auf dem Mond ging seit 1969 verloren?

Kaum etwas. Zum Glück ist alles, was sich damals abspielte, aufgeschrieben. Zudem leben noch Mondastronauten, die aus ihrer Erfahrung berichten können. Gerade kürzlich waren einige von ihnen hier in der Schweiz. Wir verfügen heute also immer noch über alles Wissen, das jemals in Erfahrung gebracht wurde.

Wird dereinst auch ein Schweizer zum Mond fliegen?

Mit Claude Nicollier hatte die Schweiz ja einen Astronauten, der aber nicht auf dem Mond landete. Ob es in den nächsten Jahren einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin gibt, kann ich natürlich nicht prophezeien.

Woran liegt es, dass es so wenige Schweizer in die bemannte Raumfahrt schaffen?

Die Selektion der Astronauten ist überaus kompetitiv. Aus den 24 Mitgliedsländern der Esa kommen rund 1000 Bewerber. Davon kommen schliesslich drei oder vier in die engere Wahl. Ausserdem muss ein erfolgreicher Kandidat über eine höhere, universitäre Ausbildung und jede Menge Wissen verfügen sowie körperlich topfit sein. Er oder sie braucht zudem einen langen Atem. Es kann nach der Selektion noch Jahre dauern, bis das Space Shuttle effektiv abhebt.

Liegt das Nachwuchsproblem nicht auch daran, dass die Raumfahrt in der Öffentlichkeit ein Schattendasein fristet?

Die Raumfahrtforschung ist extrem komplex. Darum interessieren und informieren sich vielleicht nur wenig Leute darüber, was am Cern oder Paul Scherrer Institut, der Empa oder der ETH untersucht wird. Und bedenken Sie auch dies: Die ­Investitionen von heute werfen unter ­Umständen erst in einiger Zukunft einen Nutzen für die Gesellschaft ab. Das verträgt sich nur bedingt mit dem aktuellen Zeitgeist.

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