Graziella Eisentraut oder Eiskunstlauf als grosse Liebe

Autor
Pascal Oesch

Mit dem Schaulaufen der Eislaufgemeinschaft Schaffhausen (EGS) endet am Sonntag die 44-jährige Ägide von Trainerin Graziella Eisentraut.

Lieblingsort: Graziella Eisentraut auf dem Eisfeld vor der IWC-Arena. BILD PASCAL OESCH

Als Graziella Eisentraut ihre Arbeit in Schaffhausen aufnahm, sass Gerald Ford als US-Präsident im Weissen Haus von Washington. Helmut Schmidt amtete im Palais Schaumburg von Bonn als deutscher Bundeskanzler. Und die Rockband Pink Floyd nahm ihr Album «Wish You Were Here» in den Londoner Abbey Road Studios auf. Es war das Jahr 1975. Geblieben ist die Trainerin bis heute, ganze 44 Jahre lang. «Als ich angefangen habe, gab es noch eine offene Eisbahn», erzählt Eisentraut. Bei den zu absolvierenden Einheiten wurde dann auch keine Rücksicht auf das Wetter genommen: Egal, ob Regen, Sonne oder Wind – trainiert wurde immer. Die Infrastruktur hat sich verändert, ist besser und zeitgemässer geworden.

Zehntausende von Stunden

Graziella Eisentraut hat all diese Prozesse aus nächster Nähe mitverfolgt. Sie ging auf der KSS ein und aus, verbrachte Zehntausende Stunden dort. Von September bis März, von Montag bis Samstag – fast viereinhalb Dekaden lang. Dementsprechend zahlreich sind die Höhepunkte, die die gebürtige Davoserin miterlebt hat. Eisentraut berichtet von den Kindern, die sie vom ersten Schritt an begleitete. Von Teilnahmen an nationalen Ausscheidungen und Tests. Und von den drei Weltmeisterschafts-Schaulaufen, die in Schaffhausen stattfanden. Katarina Witt war einst da, die zweifache Olympiasiegerin. Oder das Duo Ajona Savchenko / Bruno Massot, die Goldmedaillengewinner von Pyeongchang. Wenn sie davon erzählt, strahlt Graziella Eisentraut.

Sie liebe das Eiskunstlaufen, sagt die Trainerin. «Das ist mein Sport. Er bedeutet mir alles. Schon als Kind habe ich in jeder freien Minute geübt», erinnert sie sich. Seither hat die Sportart einen Wandel durchgemacht – so wie viele andere auch. Heute gibt es keine Pflicht mehr, nur noch die Kür. Die Komplexität hat zugenommen; unterdessen umfasst das Repertoire mancher Spitzenathleten Vierfachsprünge.

«Niemals aufgeben»

Wer der heute 68-Jährigen zuhört, merkt, dass sie mit Leib und Seele in diesem Sport dabei ist. Sie habe ihren Traum gelebt, betont Graziella Eisentraut lachend. Nach ihrem Lebensmotto gefragt, denkt sie kurz nach und antwortet: «Niemals aufgeben». Eisentraut erwähnt den Spiegel als Sinnbild – am Anfang und am Ende des Tages. Nach dem Aufstehen gehe es darum, einen Blick hineinzuwerfen und sich vorzunehmen, gut zu arbeiten. Und am Abend wiederhole sich dieses Prozedere: Dann allerdings, um Bilanz zu ziehen und sich zu sagen, dass das Tagewerk ordentlich verlaufen sei. Vielleicht wird Eisentraut am Sonntag genauso verfahren, wenn das Schaulaufen der Eislaufgemeinschaft Schaffhausen stattfindet: Lukas Britschgi ist mit dabei, der amtierende Schweizer Meister aus Schaffhausen, der sich auf seinen Auftritt bei der WM vorbereitet. Und mit ihm andere Clubgrössen. Mit ihren bisherigen Läufern wird Graziella Eisentraut auch weiterhin unterrichten. «Ich bin nicht ganz weg, aber ich werde nicht mehr so oft hier sein», schmunzelt sie.

Die Zukunftshoffnungen, die Eisentraut mit aufgebaut hat, unterrichtet sie also wie bis anhin. «Mir wird nicht langweilig», sagt sie und verweist auf organisatorische Arbeiten für die Zwischen- und die Vorsaison. Dafür hat sie fortan mehr Musse fürs Lesen und Kochen, zwei gerne praktizierte Hobbys, sowie Zeit für ihr Gottenkind.

Die Album-Hitparade wird dieser Tage von der amerikanischen Progressive-Metal-Band Dream Theater angeführt. Die deutsche Hauptstadt heisst unterdessen Berlin, nicht mehr Bonn. Aber das Weisse Haus steht immer noch in Washington. Und Graziella Eisentraut? Sie arbeitet nach wie vor als Trainerin in Schaffhausen.

 

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