Die Rückkehr an den Ort des Dramas

Autor
Schaffhauser N…

In dieser Woche kehrt das British Open, das älteste Golfturnier der Welt, an den Ort an der schottischen ­Ostküste zurück, an dem sich eine der grössten Tragödien des Golfsports abgespielt hat.

Jean Van de Velde spielte ab und an einfach mit zu viel Risiko. Bild: Key

von Peter Lerch

Als Jean Van de Velde zusammen mit dem deutlich zurückliegenden Australier Craig Parry in der letzten Gruppe zum letzten Abschlag schritt, war das Turnier im Prinzip längst entschieden. Van de Velde führte mit drei Schlägen Vorsprung. Er würde als erst zweiter Franzose in der Geschichte ein Majorturnier gewinnen. Als erster seit Arnaud Massy, dem Sieger des British Open 1907.

In den ersten drei Runden hatte Van de Velde das 18. Loch sehr gut gespielt. Hinterher sagte er, dies habe ihm die Sicherheit gegeben, um mit der gleichen Strategie zu spielen. Mit der Strategie des Angriffs, die auch ein Risiko enthält. Vielleicht wäre er sich schäbig vorgekommen, wenn er das Risiko herausgenommen hätte. Schon eine 6 an diesem Loch, ein Doppel-Bogey, hätte ihm zum Triumph gereicht. Ein Profi, der jedes Risiko heraus-nimmt, spielt niemals mehr als ein Bogey.

Aber der heute 52-jährige Südfranzose holte den Driver, den risikobehafteten längsten Schläger, aus der Tasche. Der englische TV-Kommentator sagte sofort: «Ich glaube, das ist keine gute Idee.» Van de Velde schlug mit voller Wucht ab und weit nach rechts. Zu seinem Glück ging der Ball so weit nach rechts, dass er im Flug den Wasserlauf zwischen dem 18. und dem 17. Loch überquerte und in recht günstiger Position unweit des 17. Abschlags zu liegen kam. Auch jetzt hätte Van de Velde noch die Möglichkeit gehabt, auf Defensive umzustellen. Aber wieder musste er mit dem Kopf durch die Wand. Er entschied sich für ein langes Eisen, mit dem er das Green attackierte. Dieser zweite Schlag war noch miserabler als der erste. Der Ball flog nach rechts gegen die Zuschauertribüne und von dort ins dünne, aber hohe Gras hinunter. Ab jetzt konnte der Spieler nicht mehr zwischen Risiko und Sicherheit abwägen.

Der dritte Schlag aus dem hohen Gras war schwierig und missriet. Der Ball landete im Wassergraben vor dem Green und lag ungefähr 20 Zentimeter tief im Wasser. Was jetzt kam, schrieb Geschichte. Van de Velde zog Schuhe und Socken aus und stieg mit einem kurzen Schläger in den Graben. Jeder geübte Golfer weiss: Es ist nicht möglich, den Ball mit einem Golfschlag aus dieser Tiefe auch nur ein paar Zentimeter über die Wasseroberfläche zu bringen – geschweige denn, ihn 20 Meter weit Richtung Green zu bewegen. Immerhin: Noch bevor er das Unmögliche umzusetzen versuchte, kam Van de Velde zur Vernunft. Er holte den Ball aus dem Wasser und brachte ihn unter Anrechnung eines Strafschlags vor dem Graben ins Spiel. Mit Mühe und Not brachte er von dort weg eine Sieben zustande. Es wurde das berühmteste Triple-Bogey der Geschichte. Dass Jean Van de Velde das anschliessende Stechen gegen den Amerikaner Justin Leonard und den Schotten Paul Lawrie nicht gewann, versteht sich von selbst. Auf diese Weise kam Lawrie zu seinem ersten und einzigen ­Titel auf Grand-Slam-Stufe. (sda)

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