Auszeit auf der Insel

Autor
Isabel Heusser

Das Haus der Stille auf der Insel Rheinau ist ein Kloster mit einer kleinen Schwesterngemeinschaft. Aus der ganzen Schweiz kommen Menschen auf der Suche nach Ruhe. Doch die Zukunft ist ungewiss.

Der Tag im Haus der Stille beginnt mit einem Gong. Die Uhr zeigt kurz vor 7 Uhr; in wenigen Minuten werden die Schwestern zum ersten Gebet des Tages zusammenkommen. Es ist einer der wenigen Momente, in denen sie unter sich sind. Eine halbe Stunde später können die Gäste zur Laudes, dem Morgengebet, dazustossen. Die Spirituelle Weggemeinschaft auf der Insel Rheinau ist nicht nur eine Gemeinschaft unter den Schwestern (siehe Box). Sie teilen ihre Zeit mit den Menschen, die mit ihnen leben. Manche kommen nur einen Tag lang, andere bleiben Monate. Um aufzutanken, zur Ruhe zu kommen, Besinnung zu finden. Wer ins Haus der Stille eintritt, tritt in eine andere Welt.

Das Kloster mit dem Namen «Maria, Mutter die Reine» liegt neben dem prächtigen ehemaligen Benediktinerkloster. Das dreistöckige Haus, in dem bis im Jahr 2000 die Aufnahme der Psychiatrie untergebracht war, wirkt bescheiden dagegen. Seit dem Jahr 2003 lebt hier eine Schwesterngemeinschaft mit aktuell sieben Schwestern aus der Schweiz und Deutschland. Die Muttergottes ist Namensgeberin des Klosters. Die Schwestern tragen ein hellbeiges Gewand und violette Schleier. Die Farbe steht für die Mischung aus Rot (Blut) und Blau (Himmel) und steht für die Einheit und das Gleichgewicht von Leib, Seele und Geist, Erde und Himmel. Um den Hals tragen sie ein Emblem aus Holz mit einem Kreuz und einem Herz.

Es ist 8 Uhr, Zeit fürs Frühstück. Während dieser Mahlzeit wird – ausser für das Tischgebet – nicht gesprochen, dafür läuft Vivaldi aus der Stereoanlage. Neben jedem Teller liegt eine mit Namen beschriftete Serviettenhülle. Auf dem Tisch steht ein Strauss mit gepflückten Blumen, die Konfi ist selbst gemacht mit Quitten aus dem Klostergarten. Der Blick aus dem Fenster führt zum Rhein, der ruhig dahinfliesst. Im Sommer treiben hier Schwimmer und Böötler vorbei und erhaschen so einen kurzen Blick ins «Klösterli», wie es die Schwestern nennen.

Nach dem Frühstück will Schwester Rafaela im Garten nach dem Rechten sehen. Überall spriessen Kräuter und Frühlingsblumen, der Quittenbaum trägt zarte Blüten. Für den Anbau von Früchten oder Gemüse reicht der Platz nicht; die Lebensmittel bezieht das Kloster vom Dorfladen oder von lokalen Bauern. Viel Zeit, um im Garten zu arbeiten, bleibt nicht. Bis zu sechs Mal täglich beten die Schwestern gemeinsam; meistens in den hauseigenen Gebetsräumen, aber auch in der Bergkirche, der kleinen Spitzkirche auf der Insel oder in der grossen Klosterkirche. Daneben führen sie das Kloster und betreuen ihre Gäste. Jesus ist überall präsent, selbst in der Waschküche blickt er von einem Bild.

Nur selten Besuche in der Aussenwelt

Wer sich für ein Leben im Kloster entscheidet, widmet sein Dasein Gott. Die Schwestern legen ein Gelübde ab – das Versprechen, ein Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu führen. Die Beweggründe seien mit dem Verstand nur schwer fassbar, sagt Schwester Rafaela, die letztes Jahr die Verantwortung für das Haus übernahm. «Es ist eine Berufung.» Sie ist in einer katholischen Familie aufgewachsen. «Der Glaube an Gott hat mir immer viel bedeutet.» Doch ins Kloster zu gehen, daran habe sie als junge Frau nicht gedacht. Viel eher rechnete sie damit, eine Familie zu gründen. Sie lernte Krankenschwester und arbeitete, bis sie Mitte 30 gesundheitlich angeschlagen war. «Heute würde man das wohl Burn-out nennen.» Um sich zu erholen, entschloss sie sich für einen Aufenthalt im Kloster Kehrsiten im Kanton Nidwalden. Und blieb neun Monate. «Da wusste ich, wie mein weiterer Weg aussieht.»

Früher verliessen die Schwestern das Kloster nur, wenn es wirklich nötig war, etwa für einen Arztbesuch. Zwar verbringen sie auch heute die meiste Zeit hier. Doch die Schwestern sind im Dorf präsent, sie gehen einkaufen, machen Besuche bei Verwandten. Zwischendurch haben sie einen «stillen Tag» zugute: Zeit für sich, für eine Wanderung oder ein paar Stunden in der Natur. Aber eigentlich, sagt Schwester Rafaela, fehle jede, die nicht da ist: beim Gebet, in der Gemeinschaft, für anfallende Arbeiten. Kontakt mit der Aussenwelt haben die Schwestern auch durch ihre Gäste.

«Während der heiligen Messe sind mir manchmal die Tränen runtergelaufen.»

Melanie*, Gast im Kloster

Eine von ihnen ist Melanie*. Die Mutter zweier Teenager und Hausfrau hat drei Wochen im Haus der Stille verbracht, in einem Kloster war sie zuvor noch nie. Ihre Kinder hätten sie an den Rand der Erschöpfung gebracht, sagt sie. «Ich brauchte dringend Erholung.» Sie entschied sich für das Kloster, weil sie sich auch mit ihrem Glauben befassen wollte. «Es hat mir sehr gut getan.» Melanie erzählt, wie sie als Mutter an ihre Grenzen gekommen sei. «Ich war schnell gestresst und wütend.» Hier habe sie gelernt, innere Ruhe zu finden. Melanie erzählt, wie beeindruckt sie von der Kraft der gemeinsamen Gebete mit den Schwestern sei. «Während der heiligen Messe sind mir manchmal die Tränen runtergelaufen.» Diese Kraft will sie zurück in den Alltag mitnehmen. Sie hat angefangen zu meditieren.

Lachsfarben für die Stimmung

Im Haus der Stille ist jeder willkommen, Frauen wie Männer, das Angebot wird aber mehrheitlich von Frauen genutzt. Sie kommen aus der ganzen Schweiz, manchmal auch aus Deutschland. Die Zimmer sind einfach eingerichtet, die meisten mit Blick auf den Rhein. Die Räume sind lachsfarben gestrichen – eine Farbe, die insbesondere den Gästen, die oft erschöpft oder niedergeschlagen ankommen, gut tun soll. Das Bad wird mit den anderen Gästen geteilt. Wer möchte, kann am Tagesablauf der Schwestern teilnehmen oder im Haushalt helfen, muss aber nicht. Eine Hausordnung gibt es nicht – oder höchstens eine inoffizielle. Die Gebetsräume werden ohne Schuhe betreten, in den Gängen wird leise geredet. Handys sind nicht verboten. Das sei auch nicht nötig, sagt Schwester Rafaela. «Die meisten Gäste berücksichtigen, was wir vorleben.» Sie und ihre Mitschwestern tragen keine Handys auf sich, sondern Haustelefone.

50 Franken ist der untere Richtpreis für eine Übernachtung mit Vollpension. Das deckt die Kosten nicht. «Wir möchten jedem die Chance geben, zu uns zu kommen», sagt Schwester Rafaela dazu. Nur als billiges Hotel will das Kloster nicht verstanden werden.

Die meisten Schwestern im Haus der Stille haben das Pensionsalter bereits erreicht oder sind schon in einem hohen Alter. Nachwuchs ist nicht in Sicht; den letzten Neuzugang gab es 2007. «Glaube und Kirche haben in der Gesellschaft an Bedeutung verloren», sagt Schwester Rafaela. Sich für ein Leben ganz in einer Gemeinschaft zu verpflichten, sei heute eher selten. «Die Leute haben sich daran gewöhnt, selbstständig zu leben.» Die Überalterung des Klosters sei Realität. «Natürlich beschäftigt mich das.» Trotzdem sage sie sich: «Ich muss mich fragen, was Gott von mir will.» Die Antwort darauf hat sie. «Für Gott da zu sein, für ihn zu leben.» Das sei das Wichtigste. Sie wünsche sich, dass Menschen wieder vermehrt zu Gott finden dürften. «Auch Familien, nicht nur Klosterfrauen.»

Hundehaare gegen den Marder

Es ist Mittagszeit. Linda*, die einmal wöchentlich im Haus der Stille zu Besuch ist und kocht, tischt das Essen auf: Zitronengrassuppe, Linsen mit Rosinen, Zuchetti, Peperoni, Salat. Die Küche ist bekömmlich, Fleisch gibt es selten. Die Suppe wird schweigend gegessen, danach darf gesprochen werden. Die Stimmung ist herzlich und locker. «Ich habe Hundehaare für euch gesammelt», sagt Gast Beatrice*, deren Hund sie ins Haus der Stille begleiten durfte. Hundehaare? Schwester Josefa bemerkt die verwunderten Blicke und lächelt. «Die kann man in Socken stopfen und unter die Motorhaube klemmen, gegen Marder», erklärt sie. Die frechen Tiere haben schon manchem Gast die Kabel im Auto durchgebissen. Damit soll es nun vorbei sein.

Am Nachmittag wird es ruhig im Haus. Die Schwestern haben sich zurückgezogen. Beatrice geht nochmals mit dem Hund raus, Schwäne fotografieren. Melanie nimmt das Gästebuch zu sich ins Zimmer. Morgen ist ihr letzter Tag im Kloster. Sie atmet tief durch. «Ich freue mich auf meinen Mann und die Kinder», sagt sie. Ein bisschen nervös ist sie aber. «Ich hoffe, dass ich nicht gleich in alte Muster zurückfalle», sagt sie.

Ursprung im Kloster der Kapuzinerinnen

Das Kloster Maria, Mutter die Reine in Rheinau wurde 2003 gegründet und von katholischen Ordensschwestern geführt. Die finanzielle Basis für das Projekt gelegt hatte die Stiftung St. Mag­­- dalena zu Rheinau, die damals vom inzwischen emeritierten Zürcher Generalvikar, Weihbischof Peter Henrici, präsidiert wurde. Der Umbau des Gebäudes neben dem ehemaligen Benediktinerkloster auf der Insel kostete rund 2,5 Millionen Franken. Mit der Spirituellen Weggemeinschaft wird eine Tradition weitergeführt: Vom 11. bis 13. Jahrhundert lebte eine Schwesterngemeinschaft im Westen der Insel. Ihren Ursprung hat sie im Kapuzinerinnenkloster Maria Hilf in der Diözese St. Gallen. Daraus bildete sich ein Kloster in Kehrsiten; es folgten Zweigniederlassungen in Rheinau sowie im albanischen Dobrac. Im Frühling 2018 wurde das Kloster in Kehrsiten geschlossen, weil nicht genügend Schwestern für deren Betrieb gefunden werden konnten.

Osterhase zum Abschied

Nach dem Nachtessen findet eine öffentliche Gesprächsrunde statt, in der wechselnd eine Stelle der Bibel diskutiert wird. Schwester Paula hat die Offenbarung des Johannes ausgewählt, auch Apokalypse genannt, das letzte Buch des Neuen Testaments. «Was hier drin steht, haut mich einfach um, diese Worte sind so intensiv», sagt sie und zitiert eine Passage: «Ich bin das Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.» Schwester Rafaela möchte die Meinung der Gäste dazu wissen. Ursula*, die aus der Region kommt und regelmässig an diesen Gesprächsrunden teilnimmt, zögert. «Ich kenne die Bibel nicht in- und auswendig wie ihr, darum finde ich es schwierig, eine Einschätzung abzugeben», sagt sie dann. «Es ist nicht wichtig, die ganze Bibel zu kennen», entgegnet Schwester Paula. «Wichtig ist, was das Wort Gottes mit einem macht.» Schwester Josefa nickt und ergänzt: «Ich habe noch nie die ganze Bibel gelesen.»

Das Gespräch dauert fast eineinhalb Stunden und könnte noch lange weitergehen, doch dann erinnert Schwester Josefa sanft an die fortgeschrittene Stunde. Zum Abschluss des Tages kommen einige Schwestern und Gäste für eine Tasse Tee und ein paar Süssigkeiten im Gemeinschaftsraum zusammen. Um 21.30 Uhr ist niemand mehr in den Gängen anzutreffen. Hier ist früh Schlafenszeit.

Am nächsten Tag herrscht Aufbruchstimmung. Melanie reist ab. Zum Mittagessen tischt sie Dessert auf, das sie gekauft hat. Ein Osterhase und zwei Osterlämmer in Kuchenform. Melanie kämpft derweil mit den Tränen. «Es war so schön hier», sagt sie und wischt sich die Tränen aus den Augen. «Kommst du wieder und stellst uns deine Kinder vor?», fragt Schwester Josefa. Melanie nickt. «Ganz bestimmt.» (heu)

*Namen geändert

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