Bedingungsloses Grundeinkommen: «Im Idealfall eine riesige Diskussion»

Autor
Mark Gasser

Diese Woche startete das Geldsammeln fürs einjährige Projekt «Bedingungsloses Grundeinkommen» in Rheinau. 50 Tage haben die Initianten um Rebecca Panian Zeit, 6 Millionen Franken zu sammeln.

Dank vieler Spenden sollen 6 Millionen Franken fürs Projekt Grundeinkommen in Rheinau zusammenkommen. Bild: Mark Gasser

Nach der hohen Zahl an Anmeldungen haben die Teilnehmenden am Projekt «Bedingungsloses Grundein­kommen» in Rheinau ein Vertragsformular erhalten, in dem sie eine Einkommensannahme eintragen mussten. Nun ist seit dieser Woche auch klar, wie viel Geld zusammen kommen muss fürs Projekt: 6,1 Mio. Franken (. Die SN sprachen mit Projektinitiantin und Filmemacherin Rebecca Panian.

Rebecca Panian, ursprünglich wurde von 3 bis 5 Millionen Franken gesprochen, die fürs Projekt «Bedingungsloses Grundeinkommen» benötigt würden. Nun sind es über 6 Millionen Franken. Ist das mit der hohen Zahl an Teilnehmenden erklärbar?

Rebecca Panian: Ja, denn wir haben immer gesagt: Wir können den Betrag erst nennen, wenn wir die Verträge zurückhaben. Bislang basierte der vermutete Betrag auf ungefähr der Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner. Nun haben sich aber fast 100 Personen mehr angemeldet. Das ändert einiges an der Summe.

Aber wird der volle Betrag ausgeschöpft, oder wird ein Teil davon, den ihr Anfang Monat jeweils an die Teilnehmer des ­Versuchs ausschüttet, Ende Monat nicht wieder zurückerstattet?

Es stimmt, wir brauchen so viel, weil wir uns zum Ziel gesetzt haben, Anfang des Monats das Grundeinkommen auszuzahlen. Das heisst, dass es am Schluss sein kann, dass noch Geld übrig bleibt. Wenn das so wäre, würden wir wieder an alle, die investiert haben, einen Aufruf starten und sie fragen, was wir mit dem Geld machen sollen. Wir wollen, dass die Gemeinschaft entscheidet.

Nun habt ihr die Verträge mit den 770 Teilnehmenden aus Rheinau ­abgeschlossen – weit mehr als die Hälfte der Einwohner. Könnt ihr schon sagen, welche Personen vom Versuch am meisten profitieren?

Mit profitieren meinen Sie doch: Wer am meisten Geld erhält? So denken leider viele …

Nun ja, mit profitieren meint man landläufig den monetären Profit, vor allem wenn es um ein Projekt geht, bei dem Geld fliesst …

Eben. Viele profitieren nicht monetär, da sie mehr verdienen als das Grundeinkommen. Zu denen, die Geld bekommen, gehören sicher Hausfrauen oder Hausmänner, sicher auch AHV-Bezüger und Studenten, aber auch solche die einfach wenig Einkommen haben. Ich sage aber: Es profitieren alle, denn es geht um die Gemeinschaft.

«Bei einigen wollen wir nachfragen: Wovon leben Sie noch?»

Rebecca Panian, Projektinitiantin

Gab es Altersgruppen oder Menschen in besonderen Lebens- und Arbeitssituationen, die – im Vergleich zur gesamten Dorf­bevölkerung – besonders häufig am ­Versuch teilnehmen?

Im Detail haben wir es noch nicht geschafft, das alles aufzuschlüsseln. Uns ist noch nichts speziell ins Auge gestochen. Es kommen aber sicher alle Gesellschaftsgruppen vor – vielleicht gibt es auch Fälle, bei denen etwas zu wenig Einkommen angegeben wurde. Solche etwa, die zwischen 0 und 1000 Franken monatlich liegen. Da wollen wir noch nachfragen: Wovon leben Sie sonst so?

Nun geben Sie sich 50 Tage Zeit, um das nötige Geld zu sammeln. Ist das nicht ambitioniert, schliesslich geht es um 6,1 Millionen Franken, die grösste Summe überhaupt, die auf der Plattform gesammelt wird?

Sicher ist das ambitioniert. Aber ich finde, es ist ein emotionales Thema, und es war in der Schweiz in aller Munde durch die Abstimmung 2016. Dadurch rechne ich mir recht hohe Chancen aus, dass das Geld zusammenkommt.

20 Franken pro Ja-Stimme, die 2016 dem «Bedingungslosen Grundeinkommen» ­zustimmten, würden für die Finanzierung Eures Projekts reichen. Aber kennt denn die ganze Schweiz das Projekt wirklich?

Das war einfach eine spannende Hochrechnung – und schon 15 Franken würden reichen – um aufzuzeigen, wie wenig es braucht pro Person, um so ein Projekt zu stemmen. Aber es braucht sicher die Unterstützung vieler, den Crowdfunding-Link zu teilen. Wir freuen uns, dass viele aus unserem Netzwerk uns zugesichert haben, ihrerseits ihre Community zu informieren. Wir sind auf Hilfe angewiesen. Alleine schaffen wir es nicht.

Sie wollen sich noch an Firmen, Stiftungen und Philanthropen wenden. An wen ­denken Sie da konkret?

In erster Linie wollen wir, dass auch hier eine Gemeinschaft zusammenrückt und das Projekt trägt. Aber wir haben auch noch zusätzliche Geldgeber angefragt. Da möchte ich aber noch keine Namen nennen. Weiter planen wir noch einen Aufruf an Firmen, die in die Zukunft investieren wollen. Es ist ein riesiges Abenteuer, und wir hoffen, dass viele teilhaben wollen.

Sie sind zuversichtlich, dass das Geldbeschaffen innert 50 Tagen funktioniert? ­Bislang sind gut 10 000 Franken durch knapp 70 Unterstützer zusammengekommen innert zwei Tagen (Stand gestern Abend).

Das ist kein riesiger Anfangsbetrag. Ich habe aber seit Anfang des Projekts ein riesiges Vertrauen, dass es klappt und dass die Zeit dafür reif ist. Ich glaube es gibt noch viel mehr Leute da draussen, die gefrustet sind, was so läuft in der Welt. Bei unserem Projekt können sie einen kleinen Beitrag leisten in einen Versuch, der ganz sicher wichtige Erkenntnisse liefert zum Grundeinkommen, aber auch zu ganz viel anderem. Denn im Versuch wird nicht nur das Grundeinkommen getestet, es geht auch darum, dass wir Menschen gemeinsam eine Macht haben, wenn wir zusammenstehen und etwas Neues ausprobieren.

Sie sprechen nun von Gemeinschaft – aber am Ende sind es ja zwei: Eine finanziert das Projekt, die andere nimmt daran teil. Gibt es die Möglichkeit, dass sich diese ­beiden Gemeinschaften näherkommen?

Ja natürlich! Jeder der mag, kann sich gern jederzeit an uns wenden mit Input oder Fragen. Wenn der Versuch zustande kommt, kann man nach Rheinau gehen und sich mit Leuten unterhalten. Wir werden auch Workshops und andere Events veranstalten, denn dann haben wir einen Ort, wo wir eine mögliche neue Realität testen und wo wir darüber diskutieren können, wie das für die ganze Schweiz, die Welt aussehen könnte. Und da sind alle Leute eingeladen, mitzureden. Zusätzlich begleiten wir das Projekt mit dem Film und posten regelmässig Beiträge online. Der Idealfall wäre, wenn es eine riesige Diskussion gäbe – und nebenbei die Idee gelebt würde.

Über Crowdfunding-Plattformen gibt es normalerweise neben dem langfristigen Projekt, das die Spender selbstlos unterstützen, für diese selber auch kurzfristige Goodies. Stellt ihr auch solche kleine ­Zückerchen in Aussicht für die Spender?

Nein, es gibt keine Preise. Menschen sollen investieren, weil sie finden, es sei an der Zeit, dass man das Grundeinkommen testet und nicht nur darüber spricht. Und weil sie sich auch Gedanken um die Zukunft machen. Am Ende profitieren aber wieder alle, denn während des Versuchs erschaffen wir Erkenntnisse, die jedem in der Schweiz und vielleicht sogar weltweit zugutekommen.

Hier können Sie den aktuellen Spendenstand sehen und selbst spenden.

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