«Die günstigste Wellnessoase»

Autor
Mark Gasser

Das 28. Weinländer Herbstfest fand nicht im Weinland statt. Mindestens ein Wochenende lang gehörte Hettlingen aber dazu. Diese Diskussion nahm die Gemeinde auch selbstironisch auf.

Ob Hettlingen nun zum Weinland gehört, darüber lässt sich wunderbar streiten, wie in den letzten zwei Jahren auch die Weinländer Winzer – die immerhin das Gerüst des Weinländer Herbstfests bilden – demonstrierten. Das Herbstfest, das bislang seit 1972 immer im Bezirk Andelfingen stattfand, «fremdzuvergeben» über die Grenze in den Bezirk Winterthur Land, schien vielen so undenkbar, wie es einst die Austragung einer Fussballweltmeisterschaft in einem Wüstenstaat war.

Gemeindepräsident Bruno Kräuchi nann- te die Hettlinger Variante des 28. Herbstfests aber vielmehr «die günstigste Wellnessoase der Schweiz». Er war es auch gewesen, der das Herbstfest mit Unterstützung des Weinbauvereins Zürcher Weinland nun in seine Gemeinde holte. Hettlingen sei das Tor zum Weinland. Und er stellte gleich bei seiner Festansprache am Samstagmorgen viele Bezüge seiner Gemeinde zum Weinland fest: So sei es selbstverständlich, dass die Musikgesellschaft Hettlingen sowie der Turnverein an den Weinländer Turn- und Musiktagen mitmachten. «Dort fragt sich niemand: Ist jetzt Hettlingen im Weinland?» Als ob diese Zugehörigkeit auch noch musikalisch untermalt werden müsste, sang ein Chörli der Männerriege die Uraufführung eines eigens komponierten «Hettlinger Lieds», in dem gleich in der ersten Strophe vom «Wyland» die Rede ist.

«Wir sollten daher nicht darüber streiten, sondern glücklich sein, dass wir das Herbstfest nach langer Durststrecke seit der Durchführung in Dachsen 2014 unterbrochen haben», meinte Kräuchi an die Adresse der Kritiker. Und man werde es an nichts von dem fehlen lassen, was man von einem Herbstfest erwarte.

«Schauen wir nicht auf die Grenzen, schauen wir auf den Wein – der verbindet, macht froh.»

Ernst Stocker, Regierungsrat Kanton Zürich

In der Tat wurde viel geboten. 32 Festwirtschaften, 17 Degustationsstände und 31 Marktstände säumten die Strassen. Einzig die Demonstrationen alter Handwerkskunst – etwa Korbflechten oder Drechseln – musste man etwas abseits suchen. Besonders lange blieben die Kinder vor dem Kleintierzoo mit Schweinen, Schafen und Alpakas stehen. Vor allem am Samstagabend, aber auch am Sonntagnachmittag füllten sich die Sitzreihen in den Beizen.

Kurzum: Das Dorf präsentierte sich hübsch herausgeputzt. Einzig die typischen Merkmale, die ein Herbstfest von einem Dorffest unterscheiden, schienen einigen zu fehlen: die vielen Scheunen und Keller, die aufwendigen Vorbauten aus Holz, die reich dekorierten Gassen, der Verzicht auf Kunststoffzelte. «Das ist kein Herbstfest – das ist ein Jahrmarkt», meinte ein ehemaliger Weinländer Gemeindepräsident.

Mit Wein feiern statt Grenzen suchen

Doch die geladene Prominenz war durchweg begeistert. Regierungsrat Ernst Stocker (SVP) lobte Vereine und Freiwillige, die so ein Fest zustande brächten. Das sei Beweis für «gelebte Dorfgemeinschaft, gelebte Heimat». Es erntete zwar Raunen, als er feststellte: «Wir sind hier nicht im richtigen Weinland.» Doch die Grenzen seien fliessend. «Schauen wir nicht auf die Grenzen, schauen wir auf den Wein – der verbindet, macht froh.» Gemeinsam feiern zu können, sei wichtig in einer schnelllebigen Zeit.

Gerade mit dem Thema Wein hatte Stocker ein Politikum angetippt: Aus Sicht einiger Weinländer Winzer war nämlich das Dulden ausländischen Weins durch das OK in einigen Beizen ein Tabubruch. So etwa beim TV Hettlingen. Doch da die Turner die kleine Auswahl ausländischen Weins preislich den regionalen Weinen anpasste, waren auch die Winzer zufrieden. «Jene, die am meisten bellten, machen selber gar nicht mit», meinte Theodor Strasser, Präsident des Weinbauvereins Weinland. «Dabei müsste man mehr zusammenspannen und sich nicht bekämpfen.» Auch wenn nicht alle Nörgler zum Schweigen gebracht werden: Kräuchi selbst spürte die Vorfreude im Dorf und will «noch nie so viele Männer in den Vorgärten jäten gesehen» haben. Auch knapp die Hälfte der Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten aus den Bezirken Andelfingen und Winterthur Land waren der Einladung gefolgt. Ganz zu schweigen von Tausenden von Besuchern.

Weinland als begehrte Marke

«Hat Hettlingen das Recht, das Weinländer Herbstfest durchzuführen?» Die Antwort auf die von Kräuchi selbst gestellte Frage musste jeder für sich finden – Hettlingen bewies jedenfalls Mut und interpretierte das Fest einmal auf seine eigene Art. Oder um mit den Worten von Markus Steger, Präsident der Musikgesellschaft Hettlingen, zu sprechen: «Gehören wir nun dazu, oder gehören wir nicht dazu? Wenn es peinlich ist, gehören wir nicht dazu. Und wenn das Fest gut herauskommt, gehören wir dazu und haben alle dazu beigetragen.

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