Wenig Schnee in den Bergen, tiefer Wasserstand und invasive Muscheln – fällt die Saison ins Wasser?
Das Thermometer ist in den letzten Tagen in die Höhe geklettert, der Sommer ist im späten Frühling voll präsent. Auf der anderen Seite sinkt der Pegel am Untersee und am Rhein. Dazu kommen invasive Muscheln, die die Schifffahrt bremsen. Es gilt, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Die Hitze treibt die Menschen in Scharen an den Rhein. Das Wasser sorgt für die willkommene Abkühlung. Frisch sind die 18 Grad, manchen ist das zu kalt. Als Alternative bietet sich eine Schifffahrt an. Der kühle Fahrtwind ist angenehm. Doch plötzlich fährt das Schiff nicht mehr weiter, das Angebot ist eingeschränkt. Die Kursschiffe verkehren aktuell nur bis Diessenhofen.
Grund dafür ist ein bekanntes, aber zunehmend drängendes Problem. Zwischen Diessenhofen und Stein am Rhein blockieren grosse Mengen abgestorbener Quagga- und Zebramuscheln die Schifffahrtsrinne. Rund 10'000 Kubikmeter Ablagerungen verunmöglichen eine sichere Durchfahrt.
Dazu kommt der niedrige Wasserstand. «Die Einschränkung trifft insbesondere einen der attraktivsten Abschnitte der Rheinschifffahrt», sagt Denise Ulrich, Geschäftsführerin von Schaffhauserland Tourismus. «Die Verbindung gilt als touristisches Aushängeschild der Region und als wichtiges Bindeglied zwischen den Angeboten entlang des Rheins.» Und: «Die Schifffahrt ist ein Leuchtturm für den Tourismus.» Die Relevanz, das Problem anzugehen, ist also gegeben. Denn der Turm der Schifffahrt leuchtet sozusagen auf Sturm. Die eingeschränkten Fahrten rechnen sich nicht. Aus monetärer Sicht geht es nicht auf.
Umsteigen auf den Zug kostet Zeit
Um die Folgen abzufedern, wird versucht, Gäste auf Alternativen aufmerksam zu machen. Die Strecke bis Diessenhofen ist mit dem Schiff befahrbar, von dort aus können Reisende auf den Zug umsteigen und weiter nach Stein am Rhein gelangen.
Doch für Gruppen gestaltet sich diese Umstellung schwierig. Kombinierte Programme mit Schifffahrt und Stadtführungen lassen sich weniger zuverlässig planen. Das zusätzliche Umsteigen bedeutet mehr Aufwand. Das Zeitmanagement wird zur Herausforderung, wenn Gruppen noch ein Anschlussprogramm haben. «Die verschiedenen Partner müssen jetzt zusammenarbeiten, dass es klappt», sagt die Geschäftsführerin von Schaffhauserland Tourismus.
Hinzu kommt, dass das Umsteigen auf die Bahn nicht für alle Gäste gleich attraktiv ist. Der Weg vom Bahnhof zur Altstadt in Stein am Rhein ist vergleichsweise weit. Insbesondere für Menschen, die zu Fuss eingeschränkt sind, kann das zur Hürde werden.
Keinen Einbruch bei den Buchungen
Trotz der Einschränkungen beobachtet Schaffhauserland Tourismus bislang keinen massiven Einbruch bei Gruppenbuchungen. Allerdings sei eine gewisse Verunsicherung spürbar. «Wir merken in der Beratung, dass ein Zögern stattfindet.» Klar ist für Ulrich: «Langfristig braucht es eine Lösung, um die Attraktivität der Region zu sichern.» Die Schifffahrt gilt in der Branche als verbindendes Glied.
In Stein am Rhein ist es derzeit ruhig, zu ruhig. Das beunruhigt die Gastronomie. Den Restaurants fehlen die Tagesausflügler, wie die SN berichtete. Stadtpräsidentin Corinne Ullmann sieht im Zusammenspiel von Niedrigwasser und Muschelablagerungen eine «zunehmende Verschärfung der Situation». Welche Dimension das Problem hat, werde oft unterschätzt. «150'000 Leute steigen jährlich in Stein am Rhein ein und aus. Ein grosser Teil dieser Besucher geniesst Europas schönsten Rheinabschnitt.» Diese Touristen würden nun fehlen, «das ist ein riesiger Schaden».
«Die Wissenschaft kann nicht so schnell arbeiten, wie wir eine Lösung brauchen.»
Politisch ist das Thema erkannt. Eine kantonsübergreifende Arbeitsgruppe der Kantone Schaffhausen und Thurgau erarbeitet derzeit Grundlagen und brütet an möglichen Lösungen. Konkret sollen die Spezialistinnen und Spezialisten Entwicklungsszenarien zu den Muschelablagerungen erstellen, Massnahmen vertiefen und die touristische Bedeutung der Rheinschifffahrt beurteilen. «Die zuständigen Departemente der beiden Kantone werden sich noch diesen Sommer mit dem Thema befassen und auf Basis der Grundlagenabklärungen entscheiden, wie das weitere Vorgehen aussieht», erklärt Dino Giuliani, Dienststellenleiter Tiefbau des Kantons Schaffhausen. Weitere Auskünfte könne man derzeit nicht geben.
Das Problem mit der Nachhaltigkeit
«Wir sind in den Prozess der Arbeitsgruppe eingebunden», sagt Ullmann. Für sie ist klar, dass es neben Analysen auch konkrete Eingriffe benötigen wird. «Die Wissenschaft kann nicht so schnell arbeiten, wie wir eine Lösung brauchen.»
Man werde kaum um ein Ausbaggern herumkommen. «Es wird wohl noch etwas Handarbeit benötigen.»
Eine erste Ausbaggerung der Rinne im Jahr 2024 war kostspielig. Ein Jahr später waren die Ablagerungen bereits wieder vorhanden. Der Kanton hat deshalb beschlossen, vorerst nicht mehr auszubaggern. Man wartet nun auf die Resultate der Arbeitsgruppe, um das weitere Vorgehen zu beschliessen.
Kritisch sieht Ullmann dabei die unterschiedliche Priorisierung zwischen den beteiligten Kantonen. «Ich habe den Eindruck, dass der Kanton Thurgau die Dringlichkeit nicht gleich hoch einstuft wie wir. Das macht mich betroffen», so die Steiner Stadtpräsidentin. «Ich hoffe, dass auch der Thurgau künftig voll mitzieht.»
Schmelzwasser in den Bergen fehlt
Neben den Muschelablagerungen sinkt der Pegel. Der aktuelle Abfluss ist mit rund 240 m³ pro Sekunde so gering, dass die Strecke zwischen Diessenhofen und Stein am Rhein unterdessen auch ohne Muschelablagerungen nicht befahrbar wäre.
Für die kommenden Tage sind keine ergiebigen Niederschläge zu erwarten. Dazu kommt, dass die Schneeschmelze im Einzugsgebiet des Bodensees weit fortgeschritten ist. «Wir müssen davon ausgehen, dass der Pegelstand in den kommenden Tagen weiter sinken wird», sagt Kantonsingenieur Giuliani.
Fest steht: Solange keine Lösung gefunden ist, bleibt die Schifffahrt eingeschränkt. Verantwortlich ist nicht nur die Quagga-Muschel. Das Klima verändert sich, die Wasserspeicher in den Bergen schmelzen weg – im Sommer gibt es weniger Wasser. Die Wasser- und Lebensader Rhein wird kleiner.
Die Freude am Wasser bleibt trotzdem, jetzt umso mehr, solange der Rhein noch kühl ist. Sogar an den invasiven Muscheln können sich Kinder erfreuen. Belesene Eltern und Badegäste hingegen beobachten mit Sorge die massive Ausbreitung der Quaggas und ahnen, dass diese das Ökosystem ihres Lieblingsflusses verändern.


