Wenn eine kleine Muschel zum grossen Problem wird

Till Burgherr Till Burgherr (tbu) | 
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Die invasive Quaggamuschel breitet sich aus. Doch das ist nur ein Teil der Herausforderung für die Schifffahrt. Bild: Thomas Martens

Eine Muschel verändert das Leben am Rhein. Was unscheinbar am Ufer liegt, entfaltet unter der Wasseroberfläche eine enorme Wirkung. Jetzt ist Innovationskraft gefragt.

Angespült wirkt sie harmlos. Die weisse Schale der Quaggamuschel ist unscheinbar und glatt. Doch am Grund des Rheins zeigt sie ihr anderes Gesicht. Lebendig ist sie dunkel, dicht, invasiv. Hat sie sich einmal festgesetzt, wird man sie nicht mehr los.

Die Quaggamuschel breitet sich rasant aus. Ihre Larven haften an Schiffen, an Stand-up-Paddles und verschieben so die Grenzen ihres Reviers immer weiter. In Schweizer Seen dringt sie zunehmend in tiefere Gewässer vor. Was klein beginnt, wird zur grossen Last für Ökosysteme. Die Muschel greift die Infrastruktur an und hat einschneidende Folgen für den Tourismus.

Wenn die Schifffahrt ausgebremst wird

Am Rhein zeigt sich das Problem konkret. Zwischen Diessenhofen und Stein am Rhein ist die Schifffahrt wegen der Muschelablagerungen erneut unterbrochen. Die Fahrrinne ist wieder verstopft.

Nach dem Hochwasser 2024 mussten bereits Ausbaggerungen bei Hemishofen vorgenommen werden, weil die Rinne voller Quaggamuscheln war. Ein Jahr später waren die Ablagerungen wieder da. Der Aufwand war hoch, die Wirkung nur vorübergehend.

Die Kantone Schaffhausen und Thurgau haben deshalb entschieden, vorerst nicht erneut grossflächig auszubaggern. Stattdessen arbeitet eine kantonsübergreifende Gruppe an neuen Grundlagen für das weitere Vorgehen. Im Frühsommer sind allenfalls kleine Notmassnahmen möglich, eine umfassende Lösung ist aber noch nicht in Sicht.

«Wer den Rhein liebt, will ihn nicht nur bestaunen, sondern schützen.»

 

Für die Region hat das unmittelbare Folgen. In Stein am Rhein fehlt bereits ein Teil der Tagesgäste, die sonst mit dem Schiff anreisen, einkehren und weiterziehen. Restaurants und Hotels spüren die ruhigeren Tage deutlich. Zwar steigen manche Gäste auf die Bahn um, doch der Weg vom Bahnhof in die Altstadt ist ein Umweg, für ältere Menschen oder Personen mit Einschränkungen erst recht mühsam.

Gerade hier zeigt sich, wie eng Tourismus und Schifffahrt miteinander verknüpft sind. Fällt die Schifffahrt aus, leidet das Gewerbe; für Veranstalter wird die Planung schwieriger. Sind Gruppenreisen nicht mehr verlässlich planbar, weichen Gäste auf andere Angebote aus. In der Region braucht es deshalb schnelle Alternativen.

 

Wasserpegel sinkt weiter

Die Muschel ist dabei nur ein Teil des Problems. Auch der Rhein selbst verändert sich. Der Klimawandel sorgt dafür, dass im Sommer immer weniger Schmelzwasser aus den Alpen zur Verfügung steht. Der Wasserstand sinkt, die Schifffahrt wird noch anfälliger.

Ohne konsequenten Klimaschutz rechnet der Bund bis zum Ende des Jahrhunderts mit einem Rückgang der Abflüsse um bis zu 20 Prozent. Besonders im Sommer wird es kritisch: Modellrechnungen prognostizieren, dass die Wasserführung in den heissen Monaten bis ins Jahr 2100 um bis zu 40 Prozent abnimmt. Das klingt fern, ist aber in Ansätzen bereits Realität. Niedrigwasser und Muschelablagerungen verstärken sich gegenseitig. Der Rhein wird nicht nur kleiner, er wird auch unberechenbarer.

Kein Anlass zur Resignation

Trotzdem wäre Resignation der falsche Reflex. Der Fluss ist Lebensader und ein zentraler Erholungsraum für die Region. Wer den Rhein liebt, will ihn nicht nur bestaunen, sondern auch schützen.

Jetzt sind Ideen, Zusammenarbeit und Tempo gefragt. Tourismus, Wissenschaft und Politik müssen gemeinsam denken, prüfen und handeln. Die enorme Menge an Muschelablagerungen sollte nicht nur als Sondermüll betrachtet werden; vielmehr gilt es, auch eine nachhaltige Verwertung mitzudenken, etwa als Baustoff. In diese Richtung wird bereits geforscht.

Gleichzeitig muss die Ausbreitung der Muscheln eingedämmt werden. Gefragt sind vielleicht neue Schiffstypen mit geringerem Tiefgang oder technische Anpassungen an der bestehenden Flotte. Auch die Klimaerwärmung ist mitzudenken. Zudem braucht es neue Mobilitätskonzepte – etwa, um den Weg zwischen Bahnhof und Altstadt in Stein am Rhein attraktiver zu gestalten, falls Schiffe trotz aller Massnahmen nicht mehr anlegen können. Das Problem darf nicht länger als Randnotiz behandelt werden.

Ist die Quaggamuschel einmal da, breitet sie sich immer weiter aus. Umso wichtiger ist es, rechtzeitig zu reagieren, bevor es zu spät ist. Eine Tourismusregion wie Schaffhausen braucht die Schifffahrt, um ihre Destinationen auf attraktive Weise miteinander zu verbinden.

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