«Man kann die Welt im Kleinen retten»

Autor
Darina Schweizer

Sie legen tausende Eier, nur um später auf der Schlachtbank zu landen: Das Schicksal einer Legehenne ist kein schönes. Christina Ehrensperger aus Eschenz gibt den Tieren ein zweites Leben.

Momentan wollen sie alle. Um sie zu färben, ans Osterbäumli zu hängen, zu verstecken oder «z’tütsche». Hühnereier. Jetzt, kurz vor Ostern, werden in der Schweiz etwa 20 Prozent mehr von ihnen verkauft. Eigentlich erfreulich. Doch: Die zusätzlichen Hühner, welche sich die Bauern anschaffen müssen, werden nach der Hochsaison nicht mehr gebraucht. Und nach spätestens einem Jahr legen sie weniger Eier und fast nur noch solche mit brüchigen Schalen. Sie sind ausgelaugt. «Wirtschaftlich» sind sie damit nicht mehr. Früher wurden sie zu Suppenhühnern – doch das war einmal. Heute landen die meisten auf der Schlachtbank und nicht wenige in Biogasanlagen. «Unerträglich», seufzt Christina Ehrens­perger, streichelt das Huhn, das auf ihrem Schoss sitzt und sagt zu ihm: «Zum Glück kam es bei euch nicht so weit.»

2016 nahm die Eschenzerin das erste Mal ausrangierte Legehennen bei sich auf, im Februar kamen die letzten vier. Diese erhält sie von der Schweizer Tierstiftung «Stinah», welche die Hühner bei den Bauern abholt, wenn sie ausstallen und sie an Privatpersonen vermittelt. Insgesamt 8277 Hühner und 35 Hähne konnten so schon gerettet werden. Sechs davon verbringen ihren Lebensabend bei Ehrensperger am Hornweg 7. Dennoch: Die Spuren ihrer Vergangenheit sind nicht verschwunden.

Kaum Federn, blasse Kämme, Angst

Dem Huhn auf Ehrenspergers Schoss fehlen am Hals noch so manche Federn. Bei anderen sind Stellen am Rücken ganz kahl. «Die Federn haben sie sich vermutlich in den Legebatterien ausgerupft, weil dort so enge Platzverhältnisse herrschten», so die Eschenzerin. Trotzdem sehen sie schon viel gesünder aus als damals, als sie bei ihr ankamen. Einige hatten da fast gar keine Federn mehr, die Kämme und Kehllappen waren völlig bleich – ein Zeichen für eine Krankheit, Stress oder Milbenbefall – und sie verhielten sich ängstlich.

«Älter als zwei Jahre wird leider keines. Dafür wurden sie wohl einfach nicht gezüchtet.»

Christina Ehrensperger, Legehennen-Gotti

Diese Furcht war jedoch nach nicht einmal einer Woche bereits verflogen, «als hätten sie gespürt, dass ihnen gut gesorgt wird», so Ehrensperger. Auch die Kämme nahmen bald Farbe an. Am längsten brauchte das Federkleid. Da konnte es schon einmal kühl werden in den Wintermonaten. Deshalb legte die Eschenzerin einigen ihrer Hennen ein «Wärmemänteli» um. Und sie streute ihnen zermörsertes Schüsslersalz übers Futter, um gegen die brüchigen Eierschalen vorzugehen sowie das Federnwachstum zu steigern. Es funktionierte. Die Hühner waren nicht heikel und pickten munter drauflos. Normalerweise sind sie da schon wählerischer.

Spirelli-Nüdeli als Leibspeise

Viele Hennen sind wahre Feinschmecker. «Sie fressen längst nicht alles», sagt die Eschenzerin. Deshalb kocht sie ihnen extra Dinkelnüdeli und Reis – ihre Leibspeise. «Besonders an den Spirelli-Nüdeli haben sie Freude», lacht die Eschenzerin. «Vielleicht erinnert die spiralförmige Form an Würmer, wer weiss?» Dafür, dass die Hühner drei Mal am Tag extra bekocht werden, legen sie im Gegenzug täglich drei bis fünf Eier und befreien den Garten von Schnecken. «Kein Hüslischnägg überlebt», sagt Ehrensperger. «Manchmal müssen leider aber auch kleine Grasfrösche dran glauben.»

Erst seit die Legehennen bei Christina Ehrensperger sind, sind ihre Kämme rot.

Natürlich erhalten die Hühner auch Körnerfutter. Dieses reichert die Eschenzerin mit Vitaminpräparaten an. Es soll den Tieren an nichts fehlen. Auch einen modernen Stall schaffte sich Ehrens­perger an, einer der englischen Marke Omlet Limited, der an der Royal Academy of Arts designt wurde. Er ist doppelwandig und speichert im Sommer die Kühle sowie im Winter die Wärme. «Dass er aus Plastik besteht, ist zwar umwelttechnisch nicht optimal», sagt sie, «doch so kann man ihn gut mit dem Kärcher abspritzen und Milbenbefall vermeiden.»

Der Abschied naht schnell

Trotz aller Liebe und Fürsorge: Irgendwann ist auch die schönste Zeit im Leben der Hennen vorbei. Wenn Ehrensperger spürt, dass sie kränkeln, bringt sie sie zum Tierarzt. «Meistens erholen sie sich nicht mehr und müssen eingeschläfert werden. Älter als zwei Jahre wird leider keines. Dafür wurden sie wohl einfach nicht gezüchtet», sagt sie traurig.

Der doppelwandige Stall wurde an der Royal Academy of Arts designt.

Doch auch wenn der Abschied jedes Mal schwer fällt und sie schon Jahre nicht mehr in die Ferien gehen konnte, da die Tiere so viel Zeit in Anspruch nehmen, für Ehrens­perger lohnt sich der Einsatz. «Ich konnte ihnen das Leben verschönern, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Und sie verschönern meines.» Die Eschenzerin kann deshalb allen, die Platz haben, «wärmstens empfehlen», das Gleiche zu tun. «Vielleicht kann man nicht die ganze Welt retten. Aber man kann es im Kleinen versuchen.»

 

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