Landesstreik auf dem Fronwagplatz

Autor
Julia Heiri

In Olten wird derzeit gestreikt - zumindest in der Inszenierung «100 Jahre Landesstreik». Auch die Diessenhofer Gruppierung «Gewesene Zeiten inszeniert» ist dabei.

Kuriose Gestalten mischen sich unter die Passanten auf dem Fronwagplatz. Männer mit Gehstock, Frack und Zylinder. Damen in eleganten Kleidern, in kostbare Mäntel und Schals gehüllt, mit bestickten Schirmen in den behandschuhten Händen. Gesprächsthema Nummer eins ist bald ein herumgereichter Zeitungsartikel und dessen Inhalt. «Nein! Streik? Bei uns haben doch alle genügend zu Essen!», empört sich eine offensichtlich gut betuchte Dame am Arm ihres Ehemannes.

Die feine Gesellschaft auf dem Fronwagplatz besteht aus Darstellerinnen und Darstellern der Diessenhofer Schauspielgruppe «Gewesene Zeiten inszeniert» und nimmt die Passanten mit auf eine Zeitreise: Im Jahr 1918 drohte der Landesstreik, das Thema war in aller Munde, die Angst vor einem Bürgerkrieg und vor dem Kommunismus unter Bürgerlichen gleichermassen verbreitet. Als sich am Freitagnachmittag aufgebrachte Arbeiter und Arbeiterinnen parolenrufend und mit Flugblättern bewaffnet unter die Menge mischen, fängt es auf dem Fronwagplatz an zu brodeln. Eine Eskalation ist zum Greifen nahe, als sich die Streiksympathisanten letztlich doch noch vom Acker machen. Die edlen Damen erholen sich nur langsam von ihrem Schreck, die Herren nur widerwillig von ihrem Ärger. Doch auch sie müssen auf den Zug, wie sie sagen, und ziehen von dannen.

Und auf den Zug müssen sie tatsächlich, denn das Intermezzo auf dem Fronwagplatz ist Teil einer Theaterinszenierung zum Landesstreik in Olten. Die Gruppe um Gründerin Monika Stahel vertritt dort den Kanton Schaffhausen an zwei Abenden als Gastkanton.

Lebendige Inszenierungen

Die Szene fügt sich ein in eine lange Reihe von ähnlichen Inszenierungen, alle aus Stahels Feder. 1997 veranstaltete die gelernte Dekorateurin zum ersten Mal solch eine, wie sie selbst sagt «lebendige Inszenierung». Zuvor vor allem für ihre mit Puppen ausgestatteten Schaufenster bei Coiffeur Röbi und im ehemaligen Stierlin-Haus bekannt, wagte sie sich damals daran, Kostümen und Gegenständen auch mithilfe von Menschen Leben und Geschichten einzuhauchen.

Diese Idee hat Stahel gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen. Früher in Schaffhausen tätig, wohnt und wirkt Monika Stahel nun schon einige Jahre im 2011 eingeweihten «Haus zur Gewesenen Zeit» in Diessenhofen. In diesem Haus, welches explizit kein Museum sein soll, ist jeder Raum liebevoll eingerichtet. Bibliothek, Esszimmer, Toiletten - alles erscheint im alten Stil. Und das mit einer Konsequenz und Liebe zum Detail, die ihresgleichen sucht. «Bei der nächsten Neueröffnung wird das Haus zum ersten Mal vom Keller bis zum Estrich begehbar sein», freut sich Stahel. 

Das Einzigartige an den Kostüm-Inszenierungen wie auch im «Haus zur Gewesenen Zeit» ist und bleibt Stahels ursprüngliche Idee: Dass die Dinge belebt werden sollen. «Das Ziel ist nicht, dass man die Sachen nicht anfassen darf und dass sie dann verstauben. Man kann alles hier benutzen oder sogar ausleihen.»

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