«Ich muss einfach näher ran»

Autor
Darina Schweizer

Klangkünstlerin und Chretzeturm-Stipendiatin Denise Ritter untersucht nach ihrem Besuch im Winter 2017 nun auch im Sommer die Steiner Klanglandschaft.

Klackende Autotüren, klappernde Trolleys und Glockenschläge sind die ersten Geräusche, die Denise Ritter morgens von ihrem Schlafzimmer aus hört. Bild: Darina Schweizer

Es sind nicht die Sonnenstrahlen, die Denise Ritter morgens sanft aus dem Schlaf kitzeln. Es ist das Klacken der Autotür ihres Nachbars, es ist das Klappern des Trolleys ihrer Zeitungsfrau, es ist der Glockenschlag der Kirche, wenige Meter von ihr entfernt. Die ersten Morgengeräusche. Sie dringen in den frühen Stunden von den Steiner Strassen durch das Fenster des Chretzeturms zu Denise Ritter.

Dort, hoch über den Dächern der Stadt, wohnt die Klangkünstlerin seit Anfang August – jedoch nicht zum ersten Mal. Bereits im Winter 2017 verbrachte sie drei Monate in der Künstlerresidenz, um die Klanglandschaft von Stein am Rhein zu untersuchen. Damals bezeichnete sie den Ort als still, rhythmisch und akustisch langsam. Wie klingt Stein am Rhein aber nun im Hitzesommer 2018? Das war die grosse Frage, welche die Künstlerin aus dem Ruhrpott veranlasste, hierhin zurückzukehren und ihre Ohren erneut zu spitzen. Vieles ist nicht mehr so, wie es einmal war.

Lauter, belebter, quirliger

Der Rhein, den sie im Winter noch als «trennende Linie» zwischen Vor der Brugg und Altstadt wahrnahm, wirke heute verbindend, sagt sie. Die Leute befahren ihn mit Booten, schwimmen, sitzen an seinem Ufer. «Es ist alles lauter, belebter und quirliger», so die Klangkünstlerin. Die Kirchen und Flugzeuge, die ihr letztes Mal besonders auffielen, hört sie fast nicht mehr – die Stadt übertönt sie. Von dieser Lebendigkeit war 2017 wenig zu spüren. Wenn Denise Ritter damals mit ihrem Aufnahmegerät und allerlei Mikrofonen beladen den Klingenberg erklomm, um die Geräusche der Stadt einzufangen, habe sie eine «majestätische Stille» umgeben. Und eine Starrheit. Es war bitterkalt, der kälteste Januar seit Jahren, und alles war in ein spezielles Licht gehüllt. Die Klangkünstlerin spricht davon, als wäre es gestern gewesen, als hätte sie die Atmosphäre noch genau vor Augen – auch wenn ihr von solchen Momenten nur Geräusche geblieben sind. «Wenn ich meine Aufnahmen höre, erscheint wieder das Bild vor mir», sagt sie. «Ich kann mich über die Klänge räumlich orientieren und mich in die damalige Atmosphäre zurückversetzen.»

«Fremd» war ihr Stein am Rhein damals noch, heute wirkt die Stadt nah und vertraut. Deshalb hat die Klangkünstlerin beschlossen, Stein am Rhein nicht mehr vom Klingenberg aus zu belauschen, sondern aus der Nähe. In den letzten drei Wochen hat sie nach geeigneten «Sommerorten» in der Stadt gesucht. «Mir gefällt die Akustik des Klosters St. Georgen sehr gut. Im Hintergrund hört man immer wieder ‹Böötler› oder letzte Woche das Gelächter vom NordArt-Festival. Aber auch der ‹Lindwurm› mit seinen gackernden Hühnern sagt mir zu. Sie sind ja Sommergäste, wie ich», lacht sie.

«Es darf auch gerne mal krachig oder noisy sein.»

Denise Ritter, Klangkünstlerin

Stundenlang nonstop aufmerksam

In diesen Tagen ist sie nun unterwegs zu ihren «Sommerorten». Dort packt sie das Aufnahmegerät aus und installiert ihre Mikrofone. Mehrere Stunden dauert eine Aufnahme jeweils – Denise Ritter hört währenddessen die ganze Zeit mit, stülpt ab und zu einen Windschutz übers Mikrofon oder dreht ihr Aufnahmegerät um 180 Grad, wenn sich auf der gegenüberliegenden Seite etwas tut. «Entspannend ist das nicht», sagt sie. «Man muss nonstop aufmerksam sein.»

Während ihrer Aufnahmen gibt es für Denise Ritter keine störenden Geräusche. «Ich nehme Geräusche neutral und wertfrei wahr. Nur wenn ich am Rechner sitze und permanent ein Krankenwagen vorbeibraust, schliesse ich schon einmal die Fenster», so die Klangkünstlerin. Auch Musik dürfe gerne krachig und noisy sein. Besonders gerne hört sie Industrial, ein Musikgenre aus experimentellen Elementen. Dass sie allgemein besser als der Durchschnitt höre, glaubt sie aber nicht. «Meine Sensoren sind nur anders auf Empfang eingestellt», so Denise Ritter. Dieser «Empfang» machte ihr in ihrer letzten Wohnung an einer Autobahn zu schaffen. Der permanent hohe Geräuschpegel habe sie stark gestört. Vor allem nachdem sie umgezogen sei, habe sie bemerkt, dass ein regelrechter Druck von ihr abgefallen sei. Nun wohnt Ritter in der Nähe des Dortmunder Hauptbahnhofes. Das temporäre Quietschen der Züge stört sie nicht. Eine «Wattestille» um sich zu haben, sei ja auch nicht wünschenswert. «Man braucht eine Klanglandschaft, um sich zu orientieren.» Was sie aus der sommerlichen Klanglandschaft von Stein am Rhein macht, weiss sie noch nicht. Vielleicht gibt es nochmals eine Klanginstallation, wie 2017. Will heissen: Denise Ritter wird die 30- bis 40-stündigen Audioaufnahmen zerschneiden, collagieren, übereinanderschichten, verfremden und daraus ein elektroakustisches Stück komponieren. Darüber muss sie aber erst nochmals schlafen – mit dem Zirpen der Grille im Ohr, die bei ihrem Nachbarn jeweils bis Mitternacht ein freudiges Konzert veranstaltet.

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