«Hat man sich mal entschieden, bleibt man»

Autor
Darina Schweizer

Länger als Hermann Maier kann man wohl kaum Chormitglied sein: Seit 55 Jahren singt der Landwirt bereits im Kirchenchor St. Otmar Eschenz.

Von seinem Ibenhof aus in die Chorprobe muss Hermann Maier ein enges und steiles Strässchen bezwingen. Bild: Darina Schweizer

«Nicht eine Probe habe ich verpasst», betont Hermann Maier gleich zu Beginn. Diese Tatsache wäre vielleicht nichts Besonderes, wenn er nicht abgelegen auf dem Seerücken oberhalb von Eschenz wohnen würde. Es wäre auch nichts Besonderes, wenn er nicht für jede Chorprobe eine halbe Stunde ein enges Strässchen ins Dorf herunterfahren müsste. Ein Strässchen, das bei Schneefall rutschig und schwer ­befahrbar sein kann. «Ach, das ist kein Problem. Früher hatte ich Schneeketten. Und jetzt gibt es ja Allradantrieb», sagt Maier. Es wäre auch nichts Besonderes, wenn Maier einen 9-to-5-Job hätte und nicht bis zu seiner Pensionierung noch einen ganzen Bauernhofbetrieb, den Ibenhof, zu führen ­gehabt hätte. «Man musste sich halt organisieren», sagt der Landwirt bescheiden. Vor allem wäre es aber nichts Besonderes, wenn Hermann Maier nicht bereits 84 Jahre alt und seit sage und schreibe 55 Jahren im Kirchenchor St. Otmar Eschenz Mitglied wäre.

Sportverein war nicht interessant

Dabei hatte Maier anfangs gar keinen besonderen Bezug zur Musik. In den Kirchenchor eingetreten war er 1963 nicht, weil er besonders gerne sang. «Nein, ich war einfach unsportlich. Deshalb haben mich Sportvereine nicht interessiert. Also schaute ich einmal in den Chor herein, und dort es hat mir gefallen. Und ich bin geblieben», lächelt der 84-Jährige. Auch seiner Gesangsstimmlage ist er immer treu geblieben; seit 55 Jahren singt er Bass. Weil seine Stimme einfach besser dafür geeignet sei, meint er. «Schade, ich würde gerne Tenor singen können. Solche Stimmen brauchen wir immer im Chor, sie sind schwer zu finden», so Maier. «Aber man muss mit dem zufrieden sein, was man hat.» Zufrieden scheint Maier sowieso sehr zu sein. Trotz häufigen Knieschmerzen ist ihm bei jeder Gelegenheit ein Lächeln zu entlocken, er ist zuvorkommend, hilfsbereit und freundlich. Obwohl er im Kirchenchor auch ab und zu durchgreifen und das Zepter in die Hand nehmen musste. Zum Beispiel 1974, kurz nach einem Weihnachtsgottesdienst.

«Mir rutschte das Herz in die Hose»

«Als ich nach Hause kam, hat mich die Organistin angerufen und gesagt, sie höre ab sofort als Chorleiterin auf», so Maier. «Da rutschte mir das Herz kurz in die Hose, denn wir hatten eine knappe Woche später unser Neujahrskonzert.» Doch Maier fackelte nicht lange und suchte einen Ersatz für die Organistin. Sein sofortiges Handeln «kam nicht bei allen Mitgliedern gut an», sagt er, aber er sei nicht einer, der lange ­zögere. Bei Bernhard Greiner wurde Maier schliesslich fündig, und darüber waren dann doch alle glücklich. «Leider ist er kürzlich verstorben», sagt Maier. Dies seien die weniger erfreulichen Seiten, wenn man so lange in einem Chor dabei sei. «Von den Leuten, mit denen ich zu singen begonnen habe, leben nur noch die wenigsten», sagt der 84-Jährige. Meist verbindet er mit dem Chor aber sehr schöne und positive Erlebnisse. «Das Schönste ist, wenn wir ein sehr schwieriges Stück proben und es schliesslich – trotz vieler Dämpfer zwischendurch – gut über die Bühne bringen», erzählt Maier und strahlt übers ganze Gesicht. Wenn es dann auch noch «gute, schöne Orgelwerke» von Schubert, Haydn und Mozart sind, dann ist Maier wunschlos glücklich. «Mit den modernen Musikgenres wie Pop und Rock kann ich nicht viel anfangen», lacht er. «Das war nie meine Richtung.»

«Auf Lateinisch war das noch etwas anderes. Grosse Werke waren das.»

In den 55 Jahren hat sich also nicht viel verändert für den 84-Jährigen. Auch die Mitgliederzahl im Kirchenchor St. Otmar Eschenz ist stets stabil geblieben. Nur etwas fehlt Hermann Maier ein wenig: die lateinische Sprache. Früher sang der Chor grösstenteils Stücke in Latein, heute ist vieles deutsch. «Das war schon noch etwas anderes», sagt Maier. «Grosse Werke waren das. Unbeschreiblich, wie sie den Raum mit ihrer Pracht und ihrer Stärke erfüllten.» Seine Augen beginnen zu glänzen.

Dem Chor viel zu verdanken

Trotz der einen oder anderen Veränderung im Chor – Hermann Maier selbst blieb den Eschenzern stets treu. «Wenn man sich einmal entschieden hat, dann wechselt man nicht mehr.» Nur etwas müsse er zugeben – und er scheint sich fast entschuldigen zu wollen. «Einen kurzen Unterbruch gab es bei mir zu Beginn meiner Chorzeit einmal», so Maier. Damals sei im Chor verlangt worden, dass man kein einziges Mal fehlen dürfe. Dies sei für ihn als Landwirt schlicht nicht möglich gewesen. Doch seit man die Proben flexibler besuchen könne, habe er, wie schon gesagt, kein einziges Mal gefehlt. «Ich habe dem Chor so viele schöne Jahre zu verdanken», sagt Maier strahlend. «Auf dass es noch viele, viele weitere werden.»

 

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