«Im eigenen Garten wächst das beste Gemüse»

Autor
Julia Heiri

Die Eisheiligen sind vorbei. Vertraut man auf die Bauernregel, darf nun angepflanzt werden. Doch das warme Frühlingswetter lässt weiter auf sich warten. Ein Besuch im Schrebergarten.

In den Familiengärten auf der Breite ist es ruhig. Es ist der erste schöne Nachmittag seit Tagen. Es scheint, also ob sich noch niemand so richtig nach draussen getraut, nach dem kalten Wind und dem Regen­wetter der letzten Zeit.

Doch der Schein trügt: Im Zentrum der Gartenanlage trifft man auf Mejreme Krasniqi und ihre erwachsene Tochter Kaltrina Shahiqi mit den beiden Enkeln Jonila und Norik. Die Familie verbringt gemeinsam den Nachmittag. «Ich bin etwas müde, denn bei uns hat kürzlich der Ramadan ­angefangen», sagt Mejreme Krasniqi, während sie sich mit geschlossenen Augen die Sonne ins Gesicht scheinen lässt. Dann lacht sie und sagt: «Den Kaffee vermisse ich immer am meisten.»

Von morgens bis abends im Garten

Anfang der 90er-Jahre ist die heute 68-jährige mit ihren Kindern aus dem ­Kosovo in die Schweiz geflüchtet, zu ihrem Mann Riza, der damals bereits seit einigen Jahren als Saisonnier in der Schweiz war. 2007 hat Riza Krasniqi den Schrebergarten gemietet, ein paar Jahre später kam die Nachbarparzelle hinzu. «Dieser Garten war sein Reich, er hat hier alles selber ­gemacht», erzählt seine Tochter Kaltrina Shahiqi. «Nach seiner Pensionierung war er von morgens bis abends im Garten.» Die Familie habe immer sehr viel Zeit hier verbracht. Ihre Kinder und die Kinder ihrer Geschwister seien quasi hier aufgewachsen. Als der Vater 2017 starb, wollte die Familie den Garten eigentlich aufgeben. «Der Garten ist schön, aber er gibt viel Arbeit, ich hätte nicht alles alleine geschafft», sagt Mejreme Krasniqi. Doch die Enkel von Riza und ­Mejreme bestanden darauf, die beiden ­Parzellen zu behalten, und versprachen ihrer Grossmutter, sie zu unterstützen und mit anzupacken. «Das Versprechen haben sie gehalten», sagt Krasniqi mit einem ­Lächeln. «Alleine hätte ich das nicht ­gekonnt.»

78 Parzellen gibt es auf dem Schrebergartenareal auf der Breite. 2017 wurden für den ­Erweiterungsbau des Breiteschulhauses 33 Parzellen aufgehoben.

Inzwischen ist sich die ganze Familie ­einig, dass es die richtige Entscheidung war, die Parzellen zu behalten: «Der Garten ist unser Familientreffpunkt, wir sind im Sommer jeden Abend hier – das ist sehr schön», sagt Shahiqi. Und: «Im eigenen Garten wächst einfach das beste Gemüse.» Ebenfalls wertvoll sei der Garten als Erinnerung an Riza: «Wenn wir hier sind, denken wir viel an ihn», sagt sie. Angepflanzt sei ausser den Erdbeeren noch kaum etwas, sagt Grossmama Krasniqi. «Es ist ja noch früh, wir nehmen es gemütlich und graben zuerst einmal alles um.» Gegen Ende Mai werde dann angesät.

«Rašćika» aus dem eigenen Garten

Weiter oben, in der Nähe des neuen Breiteschulhauses, liegt die Parzelle von Marko Dzalto. «Ich komme hierher, wenn ich meine Ruhe will», sagt der 61-Jährige, während er an seinem neuen Tomatenhaus baut. Kartoffeln, Bohnen, Randen, Gurken, Peperoni – alles, was man sich nur wünschen könne, pflanze er normalerweise in seinem Garten. Doch im Moment sei es ­dafür noch zu früh. «Ich habe erst Zwiebeln, Silberzwiebeln, rote Zwiebeln und ‹Rašćika›» gepflanzt, sagt Dzalto, während er auf die jungen grünen Pflänzchen in den frisch gepflügten Beeten zeigt.

«Rašćika» ist eine Art Grünkohl aus Dzaltos Heimat Kroatien und wird zum Beispiel zusammen mit Speck gekocht und gegessen. In den 1980ern, mit 22 Jahren, ist Marko Dzalto von der Isla Barc, wo er aufgewachsen ist, in die Schweiz gekommen und hat bei GF, der SIG, Stadler Rail und Sulzer als Dreher gearbeitet. In der Schweiz hat er auch seine Frau kennengelernt. «Meine ­Ankunft in der Schweiz war wie ein zweiter Geburtstag», sagt er. Heute ist er Hauswart in der BBC-Arena und freut sich auf seine bevorstehende Pensionierung. «Ich hatte früher schon mal einen Garten, da wo jetzt das neue Schulhaus steht», erzählt er. ­Natürlich habe es ihn auch traurig ­gemacht, den Garten aufzugeben. Drum habe er auch keinen neuen gemietet, ­obwohl die Stadt einen Ersatz angeboten hätte. Zwei Jahre war Dzalto nun ohne Garten, bis vor ein paar Monaten: «Dieser Garten ist noch ganz neu, ich habe ihn erst seit Januar.»

«Das Schulhaus ist auch wichtig»

Am nördlichen Rand der Anlage trifft man auf Sabatino Aucone. Langsam und konzentriert gräbt er gerade die Erde in einem seiner Beete um. Der 86-Jährige bewirtschaftet seine Parzelle auf der Breite seit 13 Jahren. Man sieht dem Garten die jahrelange Arbeit und Pflege an: Mirabellenbäume und gelbe Zwetschge, Johannisbeersträucher, Stangenbohnen, Erdbeeren und Kräuter wachsen hier. Das meiste pflanze er in zwei bis drei Wochen, so Aucone, dann kommen auch die Tomaten hinzu. «Meine Tomaten sind besonders gut und Erdbeeren gibt es bei mir das ganze Jahr», sagt er.

Früher habe er zwei Parzellen gehabt. «Die andere Parzelle hatte ich bereits seit dreissig Jahren», erzählt er. Sie sei mit dem Neubau des Breiteschulhauses aufgehoben worden. Schade sei die Aufhebung nur, ­wegen der ganzen Arbeit, die er in den Garten gesteckt habe und dem grösseren Gartenhäuschen, das man nicht zügeln konnte. «Es ist aber nicht so schlimm – einen Garten habe ich ja noch», sagt Aucone. Und fügt an: «Das Schulhaus ist auch wichtig, und es ist wirklich schön geworden.» Seine Frau Alessandra helfe auch im Garten, aber er sei der Chef, sagt er und lacht verschmitzt.

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