«Als wer stehe ich auf der Bühne? Eine schwierige Frage»

Autor
Alfred Wüger

Am Samstag tritt der Schaffhauser Comedy-Star Gabriel Vetter mit seinem neuen Programm «Hobby» im Stadttheater Schaffhausen auf. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Gabriel Vetter: ein wacher Geist in bewegter Umgebung. Bild: Alfred Wüger

Wenn man Gabriel Vetter live erlebt oder im Film – in der Produktion «Güsel» etwa – oder auch im Fernsehen, dann merkt man sofort, warum er grosses Potenzial hat, lustig zu sein: Man nimmt ihm seine Figuren ab, denn der Schaffhauser Shooting Star kann ihnen ein «realistisches» Gesicht geben, eine Stimme, wie man sie tagtäglich überall hören kann: im Bus, im Zug, auf der Strasse und sogar im Auto, wenn Fahrerinnen und Fahrer vor sich hinfluchen. Das Leben ist weitgehend eine Realsatire. Um daraus aber Kapital schlagen zu können – auch im geistigen Sinne, nämlich als Publikum –, dazu braucht es eben gute Kabarettisten: ernsthafte, reflektierte Menschen wie Gabriel Vetter.

Herr Vetter, sind Sie ein Nachtmensch?

Gabriel Vetter: Ich bin ein Frühmorgenmensch. Und das, obwohl ich so oft am Abend arbeite.

Das führt zu einem Schlafdefizit …

Das ist ja ohnehin so, wenn man zwei kleine Kinder hat. Da ist Schlaf keine Währung, mit der man was reissen könnte. Was ich jetzt nicht schlafen kann, das hole ich später nach.

Wie alt sind die Kinder?

Die sind viereinhalb und anderthalb und geben zu tun. Sie gehen hier in Basel, wo wir seit rund zwei Jahren wohnen, in die Kita. Ich muss ja arbeiten. Zum Beispiel musste ich die Steuererklärung ausfüllen. Das mache ich noch immer selber. Ich finde das lustig. Weil ich kein Tagebuch führe, sehe ich beim Ausfüllen der Steuererklärung, was ich im vergangenen Jahr so alles gemacht habe.

Auch wenn Sie kein Tagebuch führen, so führen Sie doch bestimmt ein Notizbuch für Ihre Ideen. Ist das so?

Ja, das habe ich immer dabei. Ich kann Ideen auch mit dem Handy aufnehmen. Das ist wichtig. Denn ich könnte inzwischen wohl schon zwei abendfüllende Programme schreiben mit Ideen, die mir durch die Lappen gingen, weil ich sie nicht festgehalten habe. Ich dachte: «Die Idee ist so gut, die kann ich gar nicht vergessen», und zehn Minuten später war sie einfach weg. Manchmal sind die Dinge, die ich aufschreibe, nur gerade Ideenfetzen, manchmal sind es fast ganze Nummern, die, während ich sie aufschreibe, bereits einen eigenen Fluss entwickeln. Mittlerweile habe ich ein gutes Gespür dafür, wie ich aus Themen heraus Humor generiere und wo allenfalls Pointen oder komische Widersprüche drinliegen könnten. Und wenn ich das beim Aufschreiben nicht gleich merke, dann probiere ich den Einfall dann vor Publikum und beginne einfach zu erzählen. Oft kommt mir erst dann die Idee, die einen Sinn ergibt.

«Ich versuche, durch die Pointen Verunsicherung zu erzeugen, sodass man nachdenken muss.»

Sie proben gewissermassen öffentlich?

Ja. Das war auch so mit dem aktuellen Programm «Hobby», das ich im Stadttheater spielen werde. Ich habe das Gefühl, so etwas kann man gar nicht proben ohne Publikum. Die ersten 15 Vorstellungen waren Proben vor Publikum, jetzt allerdings steht das Programm. In der Schweiz ist es so, dass man ein Premierendatum hat. Da kommen dann alle, und die wenigsten begreifen, dass der Abend zwar gut ist, aber noch sehr viel Potenzial hat.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Orte, Lokale, Strukturen, wo man Dinge ausprobieren kann, sind in der Schweiz erst im Entstehen. In den USA, in England oder auch in Skandinavien gibt es Stand-up-Comedy-Clubs. Da bekommst du dann fünf Minuten, und wenn die einigermassen gut waren, dann darfst du noch einmal auftreten. Und in den USA machen die Comedians dieselben fünf Minuten ein Jahr lang. Dann sind sie perfekt. Dann kommen die nächsten fünf Minuten. Und wenn solche Momente dann zusammengestellt werden und eine Stunde lang zum Beispiel auf Netflix laufen, dann ist das einfach perfekt, ein ausdestillierter Sirup aus stundenlangem Proben.

Wie ist es in der Schweiz?

Da ist es so, dass man eine Probephase hat, aber ohne Publikum. Um hier ein Gegengewicht zu finden, habe ich für das aktuelle Programm «Hobby» fünf Versuchs-Shows gemacht, zwei davon auch in Schaffhausen, im «Fass», vor etwa drei Jahren.

Führt diese Situation hierzulande dazu, dass Comedy in der Schweiz sozusagen notgedrungen weniger gut ist als anderswo?

Mir liegt nichts ferner, als mich über die Rahmenbedingungen für Comedy in der Schweiz auszulassen. Es ist sehr komfortabel für Comedy in der Schweiz. Wenn du ein gutes Programm hast, kannst du sehr viel auftreten. Es gibt in der Schweiz viele Möglichkeiten, von Theaterbühnen über Kulturtheater bis zu den Kulturvereinen auf dem Land.

Gabriel Vetter überreicht 2017 der bisher jüngsten Preisträgerin, der Schweizerin Hazel Brugger, den «Salzburger Stier».

Die Leute haben offenbar das Bedürfnis zu lachen. Tun sie das denn auch tatsächlich?

Bei meinem aktuellen Programm auf jeden Fall. In der Schweiz gibt es eben diese Schützengräben zwischen E- und U-Kultur. In der Comedy ist diese Unterscheidung schwierig. Lachen ist ein Reflex, den du intellektuell nicht steuern kannst. Aber damit du ein Lachen auslösen kannst, braucht es eine gemeinsame Wissensbasis zwischen dem, der auftritt, und dem Publikum. Wenn ich eine Anspielung mache auf etwas, von dem das Publikum nicht weiss, was es ist, dann kann die Pointe noch so gut sein, sie läuft einfach ins Leere. Wenn das zwischendurch mal vorkommt, macht das nichts. Sagen wir, wenn die Leute 20 Prozent nicht mitbekommen, ist das zu verkraften. Aber wenn der ganze Abend so ist, dann ist das einfach elitärer Chabis und bringt niemandem was.

Was ist denn Comedy überhaupt?

Es ist Kommunikationskunst. Es ist nicht Frontalhumor, den die Leute einfach konsumieren. Jeder Abend ist anders. Das Publikum ist wie ein Organismus. Und im Publikum sehe ich immer die Leute, von denen ich das Gefühl habe: «Die finden den Abend gerade furchtbar.» Die fallen dir auf. Das ist wie bei einem Autounfall: Du kannst nicht wegschauen und versuchst, den oder die noch mehr herauszufordern oder eben gerade nicht.

Merken die Betreffenden das?

Ich glaube nicht. Es sei denn, ich spreche sie direkt an. Aber das darfst du nicht machen. Ich kann ja niemandem im Stadttheater vorschreiben, wie sie zu reagieren haben. Wenn ich Comedy schauen gehe, lache ich selber auch nicht, obwohl ich es sehr lustig finde. Ich habe eben eine Deformation professionelle und bin vor allem daran interessiert, wie das Programm gemacht wird. Es kommt auch vor, dass ich während meines Auftritts, wenn das Publikum dermassen ekstatisch wird und ständig wie auf Kommando lacht, beginne, meine eigene Show zu sabotieren. Ich war mal in einer Show von Gerhard Polt. Da hat das Publikum schon losgelacht, als er auf die Bühne kam. Aber man tut dem Künstler unrecht, wenn man einfach mal auf Halde lacht. Allerdings wollen die Leute den Preis, den sie bezahlt haben, irgendwie ablachen. Es ist spannend zu sehen, dass sie mehr lachen, wenn die Ticketpreise höher sind.

Was ist Ihr Ziel auf der Bühne?

Ich will, dass alle zusammenkommen. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen. Ich mische Politsatire und Comedy. Lustige Unterhaltung ist sehr gut. Das ist wie bei einem Haus, das du gut unterhältst. Man arbeitet gemeinsam daran. Das ist die kommunikative Komponente. Es ist heute schwierig geworden, sich wirklich miteinander auszutauschen. Das hat mit dem Selbstbild zu tun. Viele schauen sich ständig von aussen an, spiegeln sich und vergleichen, ob ihr Äusseres mit dem übereinstimmt, was sie sein wollen. Sodass das Gegenüber zu wenig wahrgenommen wird. Beim Humor habe ich die Idealvorstellung, dass es gelingen soll, durch die Pointe die Menschen zum Innehalten und zum Nachdenken zu bringen. Ich versuche, durch die Pointen Verunsicherung zu erzeugen, sodass man nachdenken muss: «War das jetzt noch ironisch, oder ist es bloss noch zynisch?»

Sie wirken so gesehen wie ein Katalysator. Aber das Publikum kennt Sie nicht, und Sie kennen das Publikum nicht. Die von Ihnen angesprochene Kommunikation scheint eine virtuelle zu sein. Wie kommunizieren Sie mit sich selber? Und wie viel Improvisation gibt es in Ihrer Show?

Etwa zehn Prozent. Der Aufbau mit den einzelnen Nummern steht. Wie es dann wird, hängt stark vom Ort ab, von der Grösse des Saals. 200 Personen sind eine trägere Masse als 40, 50 Personen. Und viele Pointen funktionieren nur, wenn das Timing genau stimmt. In grösseren Sälen muss ich manchmal länger warten, aber nicht zu lange …

Selbstkontrolle auf der Bühne ist alles?

Mittlerweile kann ich das auch schon recht gut auf intuitive Weise. Ich spüre die Atmosphäre. Es gibt vier oder fünf Phasen, wo ich improvisiere. Das macht es auch für mich spannender. Aus diesem Grund könnte ich auch nicht Schauspieler sein. Im aktuellen Programm habe ich zwei, drei Stellen, die sehr schwierig zu spielen sind. Es kommt auf das Tempo an, auf den Rhythmus und auf den Weg, wie ich zu der Nummer komme. Wenn das nicht stimmt, fällt alles auseinander. So besteht quasi jeden Abend die Chance, dass es in die Hose geht.

Die Gefahr oder die Chance?

(lacht) Ja, das ist die Frage.

Was machen Sie, wenn etwas nicht gelingt?

Nichts. Dann gehe ich zum Nächsten weiter. Wenn ich merke, dass meine Tagesform nicht gut ist, dann lasse ich spontan Teile weg, die super sind, wenn es gut läuft, sonst aber doof.

Was Sie machen, ist sehr riskant. Der ganze Humor kommt ja aus Ihrem Innern. Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen selbst und dem, was Sie auf der Bühne zeigen?

Diese Frage habe ich für mich noch nicht abschliessend beantwortet. «Hobby» ist mein erstes wirkliches Stand-up-Programm. Als Slampoet, wo ich selbst geschriebene Texte vorlas, hatte ich eine Rolle: Ich war ein Polterer. Als ich in Norwegen lebte, sah ich sehr viel Stand-up Comedy und merkte bei meinen eigenen Auftritten, dass meine geschriebenen Slampassagen immer weniger wurden und die Zwischenmoderationen einen grösseren Anteil bekamen. Die Moderationen wurden Stand-up-Comedy-mässig. Und da beschloss ich, so etwas zu schreiben. Die norwegische Dunkelheit in den zwei Wintern dort setzte mir sehr zu, und ich schrieb die ganze Zeit. Es war wie ein Ventil. Ich sprach nicht sehr gut Norwegisch und konnte mich mit Kollegen nicht so unterhalten, wie ich es eigentlich wollte, eine sehr schwierige Situation für jemanden wie mich, der sich stark über die Sprache definiert. Das habe ich kompensiert, indem ich schrieb. Dann machte ich die Versuchs-Shows. Und da wurde mir das Problem klar: Als wer stehe ich auf der Bühne? Eine schwierige Frage. Stand-up Comedy ist dann gut, wenn es wirklich von dir selber kommt. Natürlich verfremdet man sich auf der Bühne immer. Als Privatperson kann man ja gar nicht auf der Bühne stehen.

«Ein Comedian, der sich nicht für die Welt interessiert, für den interessiert sich auch die Welt nicht.»

Und wie lautet die Antwort?

Ich weiss es für mich, aber ich kann es schlecht sagen. Es ist auf jeden Fall eine Bühnenfigur.

Warum schaffen Sie sich kein Alter Ego?

Die Bühnenfigur ist wahrscheinlich ein Alter Ego, aber es ist sehr nahe an meiner Person. Es ist jedenfalls keine Rolle, die ich spiele. Die Leute merken intuitiv, ob der Humor aus dir kommt oder nicht. Man muss sich irgendwann dafür entscheiden, sein eigenes Leben auszuschlachten.

Sie mussten etwas finden, womit Sie alt werden können?

Ganz genau.

Emil Steinberger hat das geschafft. Was unterscheidet Emil von Ihnen?

Das ist eine saugute Frage. (Er überlegt.) Vielleicht hat Emil das geschafft, weil er vor seiner Bühnenkarriere eine Identität abseits der Bühne hatte. Er war Pöstler. Er ist geerdet. Und ich glaube, er zweifelt nicht an seinen Nummern. Ich sah sein Best-of-Programm und staunte, dass er 40 Jahre alte Nummern auf die Bühne bringt. Er findet sie offenbar nach wie vor sehr gut. Er stellt Archetypen auf die Bühne. Er wohnt ja in Basel, und wir sehen uns ab und zu. Er ist ein unglaublich guter Berufskollege. Ich bin ja manchmal auch im Fernsehen in der Sendung «Deville». Einmal bekam Deville ein SMS: «Es war wieder eine Supersendung, herzlich E.» Und Deville fragte sich: «Wer ist denn das?» Nun, es war Emil. Er nimmt teil an dem, was passiert, daran, was andere machen.

Und was läuft zurzeit Neues in der Schweizer Szene?

Die Comedyszene in der Schweiz ist sehr lebendig. Nicht zuletzt dank dem Internet, was etwas problematisch ist, weil sich nur das durchsetzt, was massentauglich ist. Aber diese Comedyleute – oft Secondos – würden sonst nie einen Fuss in die Szene bekommen, weil sie nicht diese Mittelstandsbiografie haben. Es sind Einwanderer, und die haben ihre Instagram-Channels. Sie bringen einen ganz erfrischenden Blickpunkt ein.

Kann man Humor eigentlich lernen?

Das kann man schon. Die ganzen technischen Dinge: Was ist eine Pointe, wie baue ich sie auf, was ist eine absurde, eine bestätigende Pointe, das sind technische Dinge, die man lernen kann. Wenn man seit Jahren Humor macht, dann hat man den Instinkt dafür, ob etwas lustig ist oder nicht. Humor hat wahnsinnig viel mit Beobachtungsgabe und mit dem Verarbeiten von Eindrücken zu tun. Entweder macht man das von ganz früh oder eben nicht. Ein Comedian jedenfalls, der sich nicht für die Welt interessiert, für den interessiert sich auch die Welt nicht.

 

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