Zwei Welten und eine Couch

Autor
Schaffhauser N…

Andrea Bignasca und Frank Powers könnten nicht unterschiedlicher sein, haben aber doch eins gemeinsam: Ihre Musik ist sackstark.

Blues-Rock Live von Andrea Bignasca (links) und Giacomo Reggiani. Bild: Michael Kessler

von Simon Müller

Blues und Gardinen. Andrea Bignasca spielt im durchmischten Wohnen der Kammgarn. Eine Couchecke mit Vintage Schirmlampen wie bei Oma, Restauranttische auf der Frontbühne und Stadionfeeling auf der Treppe. Musik wird vor einem roten Vorhang und Zimmerpflanzen gemacht: Auf einer Seitenbühne, die parallel zur Bartheke aufgebaut ist. Herein in die gute Stube, denn für diesen Abend wird der staubige Plattenspieler durch echte Livemusik ersetzt. Die sanften Klänge von Andrea Bignasca zu ­Beginn könnten kaum einladender sein. Vorerst spielt er nämlich alleine, die ­Gitarre in der Hand umhüllt von seiner charakteristischen Stimme. Alles andere braucht er für seinen gefühlsvoll-träumerischen Blues auch nicht. Von Schaffhausen die höchsten Sterne und vom Tessin alle Lust. Diese Beschreibung passt auf den zur einen Hälfte Tessiner und zur anderen Hälfte Schaffhauser, wie Goethes Faust aufs Auge.

Nach einer Einnistephase, nachdem alle Kissen ihrem gerechten Benutzer gefunden haben, kommt das Topping obendrauf. Und was für eines! Das ist, wie wenn du einen ohnehin schon delikaten Muffin in einen Cupcake verwandelst. Die Buttercreme heisst in diesem Fall Giacomo Reggiani. Luftig-locker schwingt er seine Schläger und streicht mit den blossen Händen über die Trommeln. Crash, Ride und Übergänge fliessen zart schmelzend in die Musik mit ein.

Mit zwei solchen Profis macht Kaffee und Kuchen einen Höllenspass. Schon während der Songs kann sich das Publikum nicht mehr zurückhalten und verfällt in Applaus und Jubel. «Einfach grossartig» erschallt ein Ruf von der Couch, während Andrea Bignasca, zum Himmel spielend wie ein Rockstar, die Soli aus den Fingern fliessen.

Blut und Blumen

Dino Mukanda Brandao alias Frank ­Powers ist frei wie ein Schmetterling und streckt jedem, der ihn mit einem Netz aus Genres einfangen will, die Zunge heraus. Er ist der Borat der Musikszene und lässt seinen skurrilen Ideen mit Humor und einem saloppen Tanzschritt freien Lauf. Egal ob auf Französisch, Englisch oder Mundart, seine Texte sind von Originalität geprägt. Mit seiner tollen Stimme trägt er Passagen aus der Bundesverfassung vor und meint: «Wenn sich alle ein wenig mehr an das Vorwort der Verfassung halten würden, wäre das Leben in der Schweiz noch wunderbarer.» In einem anderen Song verarbeitet er ein Volksmärchen aus dem Jura, betitelt mit «Blut und Blumen». Frank Powers bewegt sich irgendwo zwischen Linard Bardill und Mani Matter. In einer Welt, wo Räder auch eckig und oval sein dürfen, wo Farbe und Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Bin ich in eine Arcade Disco oder zwischen die Fronten eines Star-Wars-Kampfes geraten? Für Frank Powers sind Audiosamples wie Legoklötze. Geräusche, die selbst die Netflixserie «Stranger Things» gebraucht hätte. Auf der Kehrseite der Medaille ist Powers ein talentierter Instrumentalist. Gitarre und Keyboard verknüpft er gekonnt mit seiner Loopstation. Um einen psychedelischen Technobeat auszuschmücken, zückt er dann noch rasch ein Flügelhorn.

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