Die Spuren des Kreuzes Jesu im Allerheiligen

Autor
Alfred Wüger

Am Gründonnerstag führte der Kurator Kunst des Museums zu Allerheiligen, Andreas Rüfenacht, eine kleine Schar Interessierter durch die Räume – auf der Spur des Kreuzes, an dem Jesus starb.

Andreas Rüfenacht erläutert in der Erhardskapelle im Museum zu Allerheiligen die Bildsprache der Kreuzigungsdarstellung im Hintergrund. Bild: Michael Kessler

Die kulturgeschichtliche Führung von ­Andreas Rüfenacht unter dem Titel «Das Kreuz mit dem Helden» am Gründonnerstag lud zu einer Art Kreuzweg durch das ­Museum zu Allerheiligen ein. Rund zehn Teilnehmende nahmen sich die Zeit und brauchten ihr Kommen nicht zu bereuen.

Ziel der Veranstaltung war es, «der Spur des Symbols» nachzugehen. Die Verwendung des leeren Kreuzes als Erinnerung an den Tod von Jesus kam etwa 200 Jahre nach dem Ereignis auf, ab dem 4. Jahrhundert wanderte das Symbol nordwärts über die Alpen, ab dem 6. Jahrhundert kommen in ­Syrien die ersten Darstellungen mit dem ­gekreuzigten Jesus auf. Rüfenacht: «Ab da steht die ­Betrachtung des leidenden Menschen im Zentrum.» Diese Betrachtungsweise wurde im Mittelalter dann zu einer eigentlichen Leidensfrömmigkeit. Zeugnis dafür ist das «Jünteler Epitaph», das ­ursprünglich im Kloster Rheinau aufgestellt war und sich heute im Kreuzsaal des ­Museums befindet und die Kreuztragung ­sowie die Kreuzigung «in eindeutig schweizerischer Umgebung», so ­Rüfenacht, darstellt. Mit dem Verweis auf die Schrift «Das Leben Jesu» aus der Feder von Ludolf von Sachsen (1300–1377/78) machte der Referent deutlich, dass im Mittelalter die Leiden des Gekreuzigten sehr drastisch und detailreich geschildert wurden.

«Das Jünteler Epitaph stellt Kreuztragung und Kreuzigung in eindeutig schweizerischer Landschaft dar.»

Andreas Rüfenacht, Kurator Kunst im Museum zu Allerheiligen

Die Pietà des sogenannten Meisters von Eriskirch hingegen betont eine grosse Menschlichkeit. «Diese Darstellungen der Mutter Jesu, die ihren toten Sohn auf dem Schoss hält und beweint», so Rüfenacht, ­«haben keinen Anhalt in der Bibel. Sie sind in den Klöstern aus der Einfühlung in das Leiden heraus entstanden. In einer ehemaligen Zelle einer Nonne aus dem Schaffhauser ­Agnesenkloster verwies Andreas Rüfenacht auf eine kunstvolle Schnitzerei, die in der Art moderner Piktogramme die Folterwerkzeuge und den Namen Jesu kunstvoll miteinander verbindet.

Angefangen hatte der hoch spannende Rundgang indes in der Johanneskapelle, dem ältesten Gebäude der Stadt. Hier sind viele kleine Kreuze ausgestellt, gefertigt sind sie aus Blech, zum Teil aus Goldblech und dienten als Schutzsymbol, so wenn ein Kreuz etwa auf einem Tuch befestigt war, das dann einem Toten über das Gesicht ­gelegt wurde.

«Das Symbol des Kreuzes», so Andreas Rüfenacht, «war in der antiken Welt eine Lächerlichkeit.» Da dies die ersten Christen natürlich wussten, waren sie bestrebt, den Gekreuzigten ins Positive umzudeuten, als Menschen mit ausgebreiteten Armen zum Beispiel. Auch treten in den Darstellungen – gerade in der Erhardskapelle – die Bezüge zum Alten Testament deutlich zutage: ­Abraham, der seinen Sohn opfern will, wird von einem Engel daran gehindert. Stattdessen findet sich ein Schaf. «Und dieses wird jetzt mit Christus gleichgesetzt. Hier ist die Wurzel des Lammes Gottes.»

Ist der Erlöste ein Held?

Anhand einer Steinmetzarbeit konnte ­Rüfenacht auch zeigen, dass die Folterwerkzeuge – Nägel, Ruten, Dornenkrone – oft auch allein und gewissermassen abstrakt verwendet wurden. Und was hat das alles mit dem «Helden» zu tun? Diese Frage ­beantwortete der Referent anhand einer Herkules-Statue von Alexander Trippel aus dem Jahre 1775. «Herkules hatte wie Jesus eine irdische Mutter und einen himmlischen Vater, erlitt einen grausamen Tod und wurde danach erhöht.» Mittels Lithografien von Albrecht Dürer und Tobias Stimmer zeigte Rüfenacht auf, wie Dürer den auferstandenen Christus als siegreichen übernatürlichen Helden darstellt, während Stimmer eher die Freude eines erlösten und mutigen Menschen betont.Die einstündige Führung öffnete den Teilnehmenden auf eindrückliche Weise nicht nur die Augen für museale Schätze, sondern auch das Herz für Meditationen.

 

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