Wenn selbst ein Mord geheim bleiben muss: Das Beichtgeheimnis

Autor
Ralph Denzel

Keine Schweigepflicht ist so streng wie das Beichtgeheimnis. Selbst im Falle eines Kapitalverbrechens darf ein katholischer Priester nicht darüber reden, was er in der Beichte hört.

Keine weltliche Instanz darf etwas über das erfahren, was in der Beichte besprochen wird. Bild: Pixabay

Die 14 Stufen zur Kirche Santa Maria Schaffhausen hat man eigentlich schnell bestiegen. Die Stufen können aber auch sehr lang wirken, zum Beispiel, wenn man mit der Absicht einer Beichte zu der neugotischen Kirche hochgeht.

Im Innenraum findet man noch traditionelle Beichtstühle, so wie sie in den Vorstellungen vieler existieren. Der Pfarrer sass früher getrennt durch eine dünne Holzwand mit einem Gitter neben dem «Büsser», hörte sich die Sünden an und erteilte danach die Absolution. «Sowas gibt es allerdings nur noch in Filmen», lacht Pfarrer Urs Elsener vom katholischen Pastoralraum Schaffhausen-Reiat.

Heute wird die Beichte in der Kirche Santa Maria in einem speziell eingerichteten Beichtzimmer abgenommen. Ein kleiner Raum, mit einer Kerze, der eher Frieden und Ruhe vermittelt. Urs Elsener redet mit uns aber im Pfarrhaus. Darauf legt er Wert, wie er uns erklärt. «Dieser Raum ist ausschliesslich für die Beichte reserviert», so der Pfarrer. Er spricht auch immer wieder von einem «Beichtgespräch» und weniger von einer Beichte. «Ein Gläubiger sucht in diesem Moment Vergebung und nicht einen erhobenen Zeigefinger», so der Pfarrer. Das gehe am besten, wenn auch die Räumlichkeiten stimmen.

«Das Beichtgeheimnis unterliegt 100%iger Schweigepflicht»

Das Beichtgeheimnis ist im Kirchenrecht verankert und gilt als unverletzlich. Das bedeutet: Auch eine «weltliche» Instanz hat kein Recht, irgendwelche Kenntnisse von den Dingen zu erlangen, die einem Priester in der Beichte anvertraut werden. In der Geschichte gab es viele Priester, die dafür sogar in den Tod gegangen sind. «Das Beichtgeheimnis steht unter 100%iger Schweigepflicht», so der Pfarrer Elsener. Laut ihm ist enorm wichtig, dass dem Gegenüber das klar ist. «Die Menschen wollen hier ihre tiefsten Probleme auf den Tisch legen. Es ist wichtig, dass man hier mit absolutem Vertrauen aussprechen kann, was einen belastet.»

Wie weit die Schweigepflicht beim Priester geht, wird in unserem Gespräch klar. Ein Beispiel: Angenommen jemand geht zur Beichte und eröffnet dem Priester, dass er einen Menschen umgebracht hat. Würde ein solcher Mensch die Absolution bekommen? «Das wichtigste dabei ist, dass der Beichtende echte Reue zeigt», erklärt Pfarrer Elsener. Er geht sogar einen Schritt weiter: «Selbst wenn die Polizei klare Hinweise darauf hätte, dass eine Person ein Verbrechen begangen hat und sehen würde, dass sie in meine Pfarrei und dort zu mir ins Beichtgespräch gekommen ist, würden sie von mir trotzdem gar nichts erfahren.» Die Antwort ist trotzdem klar: «Wenn eine Person echte Reue zeigt, dann wird er die Absolution bekommen.»

«Gott hat dir vergeben, aber die weltliche Seite, das ist eine andere Sache»

Die Absolution ist dabei für Urs Elsener eine Sache zwischen Menschen und Gott. «Das würde ich dieser Person auch sagen. Gott hat dir vergeben, aber die weltliche Seite, das ist eine andere Sache», so der Pfarrer. Zur Busse gehört laut dem Priester nämlich auch immer ein Vorsatz, den ein Mensch als Teil der Reue fassen sollte. So würde er in oben genannten Fall dem Gläubigen raten, sich zu stellen und auch auf der weltlichen Seite «reinen Tisch zu machen».

Ein anderes Beispiel: Würde jemand «beichten», dass er einen Mord plant, dann fiele das in diesem Moment nicht mehr unter die Beichte. «Bei einem Beichtgespräch geht es um das, was passiert ist und nicht um das, was eventuell passieren wird. Man kann nicht etwas verzeihen, das noch nicht passiert ist.» So würde er das auch kommunizieren. «Eine solche Absicht relativiert in gewisser Weise dann auch die Schweigepflicht», so der Pfarrer.

Die einzige Alternative, die ein Pfarrer hätte um von seiner Schweigepflicht entbunden zu werden, wäre laut Katharina Carnevale von der Schaffhauser Polizei, wenn er ein schriftliches Gesuch an der nächst höheren Stelle einreichen würde und darum bitten würde, ihn von dieser Schweigepflicht zu befreien. Alternativ könnte die betreffende Person natürlich auch einfach die Einwilligung geben, dass der Pfarrer von seinem Schweigegeheimnis befreit ist.

Wenn ein Mensch in einem Beichtgespräch über so etwas reden würde, dann wäre das ja auch wie ein Hilfeschrei, und man müsste alles daran setzen, die Person von ihrem Vorhaben abzubringen. In diesem Moment bewege man sich dann klar im Bereich der Seelsorge: «Diese unterliegt natürlich auch der Schweigepflicht», so der Pfarrer. «Würde mir jemand sagen, dass er ein so schweres Vergehen plant, würde ich eventuell sogar Rücksprache halten, zum Beispiel mit einem anderen Priester oder dem Bischof - sofern die Schweigepflicht dadurch nicht verletzt wird.» Hier käme es ganz auf die Situation an. Wenn jemand bereit ist zur Umkehr, wäre dies etwas anderes, als wenn er felsenfest auf seinem Vorhaben beharrt.

Bei Bruch des Beichtgeheimnisses droht Exkommunikation

Wenn ein Priester gegen das Beichtgeheimnis verstösst, wird die strengste Strafe verhängt, die in der katholischen Kirche möglich ist: Exkommunikation, also der Ausschluss aus der Kirche der Gemeinschaft der Gläubigen. Das ist für Urs Elsener durchaus nachvollziehbar: «Das Beichtgeheimnis ist so absolut unantastbar, dass diese Strafe gerechtfertigt ist.»

Aber nicht nur das droht einem Priester, der das Beichtgeheimnis verletzt: Laut Gesetz muss er mit einer bis zu drei Jahre dauernden Freiheitsstrafe rechnen. Rechtlich kann er sich immer auf das Aussage- und Anzeigeverweigerungsrecht berufen. Das bedeutet: Er muss nicht aussagen, selbst wenn er vorgeladen wird – und kann dafür auch nicht belangt werden.

«Das Ziel der Beichte ist Vergebung»

Letztlich geht es in einem Beichtgespräch um die Möglichkeit, dass Menschen Verzeihung und Frieden finden. Dabei soll niemand eine weltliche Strafe fürchten müssen, sondern, laut den Worten von Urs Elsener «durch Gott Vergebung erfahren». «Gott verzeiht dir», heisst es in dem Gebet, mit welchem er die Absolution erteilt. Was ein Mensch dann letztlich daraus macht, ist nicht mehr in den Händen des Pfarrers. «Ich kann nur zuhören, Ratschläge geben, trösten, ermutigen und vor allem die verzeihenden Worte Gottes zusprechen.»

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