Selbstdisziplin auf dem Lehrplan

Autor
Isabel Heusser

Sie mobben, sind gewalttätig oder stören den Unterricht massiv: Jugendliche aus dem Kanton, die in der Regelschule nicht mehr tragbar sind, kommen in die Time-out-Klasse.

Manche Jugendliche in der Time-out-Klasse sind vorher monatelang nicht zur Schule gegangen. Im Bild das Klassenzimmer an der Hochstrasse. BILDER ERIC BÜHRER

An der Pinnwand beim Kücheneingang hängen Zettel mit dem aktuellen Speiseplan: Omelette mit Pilzen, Erbsenrisotto mit Fisch. Die Küche ist blitzblank geputzt und aufgeräumt. An den Schranktüren kleben Fotos davon, was in den Schrank gehört. Im Haus der Schaffhauser Time-out-Klasse hat alles seinen Platz. Ordnung muss sein – denn den meisten Schülern fehlt es vor allem an einem: Disziplin. Das sagt Rita Hauser, Leiterin der kantonalen Fachstelle Sonderpädagogik. Sie hat die Aufsicht über die Time-out-Klasse. Hier landen Jugendliche aus dem ganzen Kanton, die in der Schule vorübergehend nicht mehr tragbar sind. «Verhaltensauffällig» oder «schwierig» werden sie genannt. «Aber was heisst schon schwierig?», fragt Hauser rhetorisch. «Einfach so» werde kein Kind zum Problemfall. «Diese Schüler haben meist eine lange Geschichte.» Sie kommen mit dem Schulstoff nicht mehr nach, stecken mitten in der Pubertät, haben ein tiefes Selbstwertgefühl, werden gemobbt oder mobben selbst, sind gewalttätig.

Persönliche Details zu aktuellen oder ehemaligen Schülern will Hauser nicht bekannt geben. Auch ein Treffen ist nicht möglich. «Zum Schutz der Jugendlichen», wie Hauser sagt.

Schwierige Notplatzierung

Bis ein Schüler in die Time-out-Klasse versetzt wird, ist es ein weiter Weg. Diese Massnahme wird erst angeordnet, wenn die Unterstützung von internen und externen Fachpersonen in der Regelklasse nicht ausreicht. «Manchmal ist es aber besser, wenn die Lehrkräfte und Schulbehörden sich melden, bevor eine Situation komplett aus dem Ruder läuft», sagt Hauser. Eine «Notplatzierung» sei für alle Beteiligten schwierig. Fast immer sind es männliche Jugendliche, die meisten kommen aus der Sekundarstufe. Primarschüler werden nur selten aufgenommen.

«Es gibt schon einige, denen es guttut, wenn sie ihre Energie ­loswerden ­können.»

Rita Hauser, Leiterin kantonale Fachstelle Sonderpädagogik

Das Haus, in dem die Time-out-Klasse einquartiert ist, ist gemietet. Ein schmuckloser Bau mit knarrenden Holzböden, in einigen Zimmern stehen alte Kachelöfen, manche Wände könnten einen Anstrich vertragen. Das Klassenzimmer im ersten Stock ist spärlich eingerichtet. Ein paar Einzelpulte, ein Bürotisch, ein Bücherregal, in der Ecke ein rotes Sofa. An der Wand klebt eine Postkarte: «Mathe ist ein Arschloch» steht darauf geschrieben.

Bis zu acht Schüler haben Platz in der Klasse, zwischen 30 und 35 sind es jährlich, die ein Angebot der Time-out-Klasse in Anspruch nehmen. Die Mitarbeiter der Time-out-Klasse – ein bis zwei Fachpersonen für Schulische Heilpädagogik, zwei für Sozialpädagogik – teilen sich 250 Stellenprozent. Die Klasse ist unterschiedlich ausgelastet, das Team ist darum in Jahresarbeitszeit angestellt.

Handys sind verboten

Zwar wird nach Lehrplan unterrichtet, und es gibt Prüfungen, doch mit einer regulären Schule hat die Time-out-Klasse wenig gemein. Zusammen kochen und essen gehört ebenso zum Tagesprogramm wie gemeinsame Ausflüge am Mittwochnachmittag oder das Werken in der angrenzenden Werkstatt.

Die Jugendlichen werden eng begleitet. Der Aufenthalt, der gewöhnlich drei Monate dauert, ist in drei Phasen geteilt: eine Beobachtungs- und Orientierungsphase, eine Entwicklungs- und eine Austrittsphase. Dazwischen finden jeweils Standortgespräche statt, und die Lehrpersonen ­führen Verhaltensprotokolle. «Die Schüler müssen sich mit sich selbst auseinandersetzen. Bei vielen gehen die Eigen- und die Fremdwahrnehmung diametral auseinander.» Oft müsse das Team bei ganz elementaren Punkten anfangen, sagt Rita Hauser. Gerade für Jugendliche, die wochen- oder monatelang nicht oder fast nicht mehr zur Schule gegangen seien, seien eine Tagesstruktur und Selbstdisziplin wichtig. Pünktlichkeit ist ein Muss, Handys sind während des Unterrichts verboten. Wer sich nicht an die Hausregeln hält, wird sofort damit konfrontiert, und die Eltern werden informiert.

Zum Haus der Time-out-Klasse gehört auch eine Werkstatt.

Man dürfe sich die Klasse nicht als disziplinlosen Haufen vorstellen, sagt Hauser. «Aber es gibt schon einige, denen es guttut, wenn sie ihre Energie loswerden können.» Darum wurden im Keller zwei Hometrainer aufgestellt, daneben hängt ein Boxsack von der Decke.

Die Eltern werden in die Arbeit mit den Jugendlichen miteinbezogen. Einmal im Monat wird ein Tagesprogramm im Freien organisiert. Die Gruppe geht gemeinsam klettern, seilt sich von einem Turm ab oder macht gemeinsam ein Feuer und kocht ­darauf. «Bei diesen Aktivitäten zeigt sich, wie die Familie miteinander umgeht», sagt Hauser. Allerdings kämen nur selten Jugendliche aus einem zerrütteten Elternhaus.

Zum Aufenthalt in der Time-out-Klasse gehören Arbeitseinsätze oder ein Berufspraktikum: in einer Gärtnerei, einer Fa­brik, manchmal auch in einem Hort – «die Arbeit mit kleinen Kindern macht aus Jugendlichen ganz andere Menschen». Leider gebe es noch wenige Firmen, die bereit seien, einen Jugendlichen zu beschäftigen. Das Engagement ist freiwillig, die Schüler brauchen viel Betreuung, und der Betreuer braucht Nerven, wenn mal etwas schiefläuft oder der «Schnupperlehrling» nicht zur Arbeit erscheint. Auf die Frage, wie beliebt die Praktika bei den Schülern seien, antwortet Hauser: «Sie müssen nicht beliebt sein.» Doch die meisten würden es schätzen, einen Einblick in die Arbeitswelt zu erhalten. «Sie sind schulmüde. Und die Aussicht auf einen späteren Beruf ist ein grosser Motivator.»

Ziel: Zurück in die Schule

Funktioniert das Konzept der Time-out-Klasse wirklich? Oberstes Ziel ist es, die Jugendlichen wieder in die Regelschule zu integrieren. In die alte Klasse oder in eine Parallelklasse. «Das klappt fast immer», sagt Hauser. Nur in Ausnahmefällen müsse ein Schüler ein zweites Mal in die Time-out-Klasse, oder eine andere Lösung müsse gesucht werden. Mit ein Grund für den Erfolg: Die meisten Jugendlichen, welche die Time-out-Klasse besuchten, kämen aus guten Klassen. Mit aufmerksamen Lehrern. «Sie schauen früh genug hin und reagieren, bevor eine Situation eskaliert.»

 

 

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