Bedrohte Pflanzen in Stetten gestohlen – Pro Natura prüft rechtliche Konsequenzen

Autor
Mayowa Alaye

Ein Viertel aller Küchenschellen in Stetten wurde geklaut. Durch den Diebstahl ist die Blume noch gefährdeter als ohnehin. Pro Natura prüft rechtliche Schritte. Auch der Kanton ist aktiv.

In Stetten sind zwischen Anfang März und Ende April Blumen in einem Naturschutzgebiet geklaut worden. Sie wurden nicht gepflückt, sondern ausgegraben. Die Naturschutzorganisation Pro Natura Schaffhausen prüft zurzeit rechtliche Schritte gegen den unbekannten Täter. Bei den betroffenen Pflanzen handelt es sich um sogenannte Küchenschellen.

Die Küchenschelle, eine violette Blume, ist schweizweit vom Aussterben bedroht und hat einen wichtigen Verbreitungsschwerpunkt im Kanton Schaffhausen. «Der Kanton trägt für ihren Erhalt eine spezielle Verantwortung», sagt Benjamin Waibel, Schutzgebietsbetreuer von Pro Natura Schaffhausen. Die Situation im Kanton könnte entscheidend sein für jene im ganzen Land: Wenn die Pflanze hier ausstirbt, sieht es für deren Erhalt schlecht aus.

An rund einem Dutzend Orten in Schaffhausen wächst die Pflanze heute noch. Am häufigsten finde man sie in Thayngen und Stetten, sagt Waibel. «Der Standort in Thayngen ist der einzige in Schaffhausen, vielleicht in der ganzen Schweiz, der nicht akut gefährdet ist.» Das zweitgrösste Gebiet befinde sich in Stetten, wo der Diebstahl stattgefunden hat. Es wurden vier bis fünf Pflanzen ausgegraben und mitgenommen», sagt Waibel. Da in Stetten viel weniger Pflanzen wachsen als in Thayngen, sei dieser Verlust besonders schlimm. «Gut ein Viertel aller Pflanzen wurde geklaut. Es sind noch zehn bis fünfzehn davon übrig.» Ärgerlich ist der Raub, weil die Küchenschelle nicht einfach so an einem anderen Ort gepflanzt werden kann. «Wir von Pro Natura pflegen diesen Standort schon seit Jahren, und dennoch ist die Population zurückgegangen», so Waibel.

«Wir glauben, dass die Küchenschelle gerettet werden kann.»

Benjamin Waibel, Schutzgebietsbetreuer von Pro Natura Schaffhausen

Nun soll Anzeige gegen unbekannt erstattet werden. Dabei gehe es nicht primär darum, den Täter zu fassen, wie Waibel erklärt. «Wir wollen die Leute sensibilisieren.» Die Anzeige ist nicht die einzige Reaktion von Pro Natura auf die Entwendungen. Der Verein hat sich mit dem Stettemer Gemeinderat getroffen, damit dieser Forstmitarbeiter und andere Personen, die mit den Pflanzen zu tun haben könnten, auf deren Wert aufmerksam macht. Darüber hinaus gibt es einen Eintrag auf der Internetseite der Gemeinde, um die Bewohner Stettens zu informieren. «Wir hoffen, dass somit die soziale Kontrolle steigt», sagt Weibel.

Warum die Pflanzen gestohlen wurden, ist unklar. «Früher ist es Tradition gewesen, diese Pflanze auszustechen und im eigenen Garten einzupflanzen», erklärt Waibel. Vielleicht wollte jemand die schöne Blume auch zu Hause ansehen können oder gar mit deren Verkauf Geld auf dem Schwarzmarkt machen.

Kantonaler Aktionsplan

Das Problem der verschwindenden Küchenschellen ist auch dem Kanton bekannt. In diesem Jahr wird der sogenannte «Aktionsplan Förderung der Küchenschelle» erarbeitet. Petra Bachmann, Ressortleiterin Naturschutz des kantonalen Planungs- und Naturschutzamts, erklärt, wie dieser aussieht: «Die letzten bekannten Vorkommen werden kartiert und alte Fundmeldungen überprüft. Der Zustand der letzten Standorte mit Küchenschellen wird beurteilt. Beispielsweise, ob es zu viele Büsche, zu viel konkurrenzierendes Gras, zu viel Schatten oder etwa Düngereinfluss hat. Dieser Beurteilung folgt eine Massnahmenempfehlung, wie zum Beispiel Empfehlungen zur optimalen Mahd oder Ausholzungen.» Das Ziel des Aktionsplanes sei, dass durch die Massnahmenumsetzung die Bestände, die heute oft nur noch aus ein bis zwei Handvoll Individuen bestehen, sich so im besten Fall von selbst wieder erholen und vermehren.

Hier wurden Küchenschellen ausgegraben und gestohlen. Bild: zvg

An einem Standort hatte das Planungs- und Naturschutzamt Erfolg. Dort blühen heute wieder zahlreiche Küchenschellen. Dies nachdem geholzt und die jährliche Pflege wieder optimal durchgeführt wurde. Sollte das an anderen Orten nicht funktionieren, müsste man weitere Schritte einleiten. «Falls sich eine Population unter idealen Bedingungen nicht vermehrt, gehen wir von schwachem Gengut der Pflanzen aus, sodass sich die Küchenschellen am Standort nicht mehr vermehren können», erklärt Bachmann. Man würde dann versuchen, Pflanzen aus stabilen Beständen mit gutem Gengut zu vermehren und an schwachen Standorten anzusiedeln. Der Versuch, die Küchenschelle anzupflanzen, kann aber auch scheitern, wie die Erfahrungen aus den Kantonen Zürich und Aargau zeigen würden. «Es ist deshalb wirklich sehr zentral, dass die letzten bestehenden Küchenschellen vor Ort erhalten und nicht ausgegraben werden», so Bachmann.

Wie die Geschichte mit den Küchenschellen ausgeht, ist im Moment ungewiss. Zwar ist sie in der Schweiz noch nicht ausgestorben, befindet sich jedoch kurz davor. Waibel von Pro Natura zeigt sich zuversichtlich: «Wir glauben, dass die Küchenschelle gerettet werden kann, ansonsten würden wir nicht so viele Ressourcen in ihren Schutz stecken.»

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