Dieser Herblinger will einen Weltrekord knacken – mit seinem selbst getunten Boliden
Zusammen mit seinem Team baut Sandro Widmer Autos, die eine Million Franken kosten und über 400 Kilometer pro Stunde fahren. Mit einem davon will der Schaffhauser in diesen Tagen den Weltrekord schlagen.
Von Vincent Fluck
Die Wettkämpfe, in denen die schnellen Boliden zum Einsatz kommen, werden Beschleunigungsrennen genannt. Durchgeführt werden sie oft auf Flugzeugpisten. Den Sieg erringt dasjenige Fahrzeug, das auf einer geraden Strecke von einer halben Meile die höchste Geschwindigkeit erreicht hat. Eine halbe Meile entspricht umgerechnet 800 Metern. Der Weltrekord liegt aktuell bei 420 Kilometern pro Stunde.
Sandro Widmer ist überzeugt, dass er den Rekord schlagen kann. Wenn alles wie geplant läuft, wird er Ende Juni in der rheinlandpfälzischen Stadt Zweibrücken am Start sein und mit seinem Nissan GT-R eine neue Bestmarke setzen. Aber wie kommt es, dass ein Schaffhauser da mitmischt?
Am Anfang war ein Kinofilm
Aufgewachsen ist Sandro Widmer in Herblingen. In seiner Jugend bastelte er gerne an Mofas herum. Ein prägender Moment war die ab 2001 erschienene Kinofilm-Serie «Fast and Furious», bei der es um illegale Strassenrennen und getunte Autos ging. «Der Film hat mich wahnsinnig gepackt und dazu geführt, dass ich grosses Interesse an Autos entwickelt und dann selbst angefangen habe zu schrauben», erzählt der heute 36-Jährige. Die manuelle Arbeit am Motor und die Tatsache, dass er am Ende des Tages ein Ergebnis sah, passten ihm. «Immer schrauben, schrauben, schrauben» wurde zu seinem Mantra, das ihn vorantrieb. Auch heute noch, wenn er im Stress ist, findet er beim Schrauben Entspannung.
Bei Automaxx in Schaffhausen machte Sandro Widmer eine Automechanikerlehre und spezialisierte sich dabei auf Kunden, die ihre Fahrzeuge optisch etwas aufmotzen wollten. Und noch bevor er den Führerschein in der Tasche hatte, kaufte er sich sein erstes Auto und werkelte in einer gemieteten Garage in Beringen daran. Im Freundeskreis sprachen sich seine Fähigkeiten herum. Am Feierabend hatte er immer viel zu tun, so dass sein Vater ihm riet, sich nach Abschluss der Lehre selbständig zu machen. Da er noch zu Hause wohnte und keine grossen Ausgaben hatte, wagte er mit zwanzig Jahren den Schritt.
Ein paar Jahre später verlegte er seine Firma «Street Performance» von Beringen nach Schaffhausen in grössere Räume an der Fulachstrasse. Im März dieses Jahres vergrösserte er sich nochmals und ist nun in eine Halle an der Ebnatstrasse eingemietet, die vorher von der Autowerkstatt Fabios Mechbox GmbH genutzt wurde. Im Laufe der Jahre stieg die Zahl der Mitarbeitenden an und liegt heute bei fünf und einem Lernenden. Aus der Einzelfirma wurde eine GmbH, und weil es im Land andere Firmen mit gleichem Namen gibt, wurde sie «Real Street Performance» genannt – «Real» steht für «die einzige wahre» Firma mit diesem Namen.
Viele Sonderanfertigungen
Wie andere Garagenfirmen führt Sandro Widmer ganz «normale» Kundenaufträge aus. Dazu gehören Servicearbeiten für alle Automarken. Doch das Herz des Schaffhausers schlägt vor allem für eines: schnelle Autos. Schon in der Lehrzeit begann er, Amateurrennen zu fahren und kam mit der Szene in Kontakt. Mit der Zeit spezialisierte er sich auf den Sportwagen Nissan GT-R. Auf dem Firmengelände an der Ebnatstrasse stehen zahlreiche Exemplare dieses Typs. Zwei weitere, knallrot bemalt, befinden sich in der Halle und sind für Beschleunigungsrennen umgebaut worden.

Das jüngere Exemplar wird für das nächste Rennen vorbereitet und erbringt eine Leistung von 3500 Pferdestärken (PS). Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Mittelklassewagen hat 150 bis 200 PS unter der Haube. Damit der eigentlich für den Strassenverkehr gebaute GT-R bei den Rennen eine Chance hat, muss er angepasst werden. Unter anderem seine Karosserie: Fast alle Teile sind aus sehr leichtem Karbon gefertigt und die Glasscheiben sind durch solche aus Kunststoff ersetzt worden. Das Innenleben ist karg und besteht nur aus dem Nötigsten. Ins Auge sticht rund um den Piloten ein Gehäuse aus roten Röhren, die ihn bei einem Unfall schützen.
Auch der Motor ist umgebaut. Sandro Widmer gibt bei einem kleinen Rundgang durch die Firmenhalle eine Basislektion in Motortechnik. Er ist beseelt, spricht schnell, wie die Boliden, mit denen er sich befasst. Und wie beim Gangschalten eilt er von einem Gedanken zum nächsten. Er erklärt, dass es drei Dinge braucht, um Leistung zu erzeugen: Benzingas und Luft im Verhältnis 1 zu 14 sowie den Motor.

Indem der Durchlauf des Luft-Benzingemischs erhöht wird, steigt die Leistung. Dafür sind die beiden Turbolader da, die eigentlich für Lastwagen entwickelt wurden und wie Pumpen funktionieren. Äusserlich erkennbar sind sie an zwei runden Öffnungen an der Vorderseite des Autos. Dort strömt die Luft ins Innere. «Je grösser die Turbos und je mehr Luft sie hineindrücken, desto grösser muss auch das Benzinsystem sein, um das Benzin hineinzubringen», sagt Widmer. Der Motor müsse sehr stabil sein, um so hohe Leistungen auszuhalten.
Widmer illustriert es an der sogenannten Ansaugbrücke. Dieses Teil ist eine Verzweigung, die das Luft-Benzingemisch auf die einzelnen Zylinder leitet, wo die Explosionen stattfinden. Normalerweise besteht die Ansaugbrücke aus mehreren zusammengeschweissten Bauteilen. Im vorliegenden Fall ist sie aus einem einzigen Aluminiumblock gefräst worden. Die dabei entstandenen Rillen erinnern an Höhenkurven auf einer Landkarte oder an die Jahrringe eines Holzstücks und geben dem Bauteil ein ästhetisches Aussehen. Weil keine Schweissnähte vorhanden sind, hält diese Sonderanfertigung viel grössere Beanspruchungen aus. Beim Streben nach immer höherem Tempo geht immer wieder ein Motorenteil in die Brüche. Der Wettkampf besteht also im Grund darin, immer leistungsfähigere Bestandteile zu entwickeln.

Eine Besonderheit beim Beschleunigungssport ist, dass die Rennautos schwache Bremsen haben. Damit die Autos am Schluss wieder zum Stillstand kommen, führen sie Bremsschirme mit, die sich nach Erreichen der angepeilten Spitzengeschwindigkeit mit Gasdruck öffnen und das Gefährt abbremsen. Bei diesem Vorgang wirkt, wie bei einem Überschallflugzeug, die dreifache Schwerkraft auf den Piloten.

Nur dank Sponsoren möglich
Die vielen Sonderanfertigungen herzustellen, geht ins Geld. Im Fall des beschriebenen GT-R spricht Sandro Widmer von 1 Million Franken. «Wir machen das natürlich mit Sponsoring. Alle Teile, die da drin sind – Getriebe, Motor, Reifen, Felgen, Bremsen – werden gesponsert.» Wenn ein neuer Weltrekord aufgestellt wird, wollen die Herstellerfirmen mit an Bord sein. Sie werben danach mit dem Rennauto und erzählen ihren Kunden, dass sie an dessen Erfolg beteiligt waren.
Rund 200’000 Franken der anfallenden Kosten trägt die Schaffhauser Firma selbst. Dieses Geld bucht auch sie unter Werbung ab. Denn dank der Rennen hat sich «Real Street Performance» im Lauf der Jahre international einen Namen gemacht. Etliche Kunden – viele aus Deutschland und Polen – lassen ihre Sportwagen von der Schweizer Firma instand stellen oder ausbauen. Unter diesen gibt es solche, die mehrere Dutzend Autos besitzen. Weil sie bei sich zu Hause zu wenig Platz haben, lagern sie einen Teil ihrer Flotte in Schaffhausen ein. Zurzeit entsteht zu diesem Zweck ein Hochregallager. Es gibt auch Kunden, die an Rennen teilnehmen.
«Da ist der Fahrer im besten Fall derjenige, der das Lenkrad hält und Gas gibt – die Arbeit macht das Auto.»
Sandro Widmer, Geschäftsführer Street Performance GmbH
Zum Service von «Real Street Performance» gehört, dass die Wagen von Schaffhausen aus im firmeneigenen LKW auf das Renngelände gefahren und am Schluss wieder zurückgenommen werden. Eine Kernkompetenz der Firma ist die Programmierung des Bordcomputers, der alle Teile des Rennautos miteinander verknüpft. Diese Programmierung ist der Grund, weshalb gewisse Kunden mit ihren rennfertigen Boliden nach Schaffhausen kommen. Sandro Widmer setzt dann das alles entscheidende Tüpfchen aufs i. Mit seinem Wissen könnte er sich eigentlich irgendwo auf der Welt niederlassen. Aber seiner Herkunft und seinen Mitarbeitenden zuliebe, die alle aus der Region Zürich-Schaffhausen sind, bleibt er der Munotstadt treu. Zum Thema Benzin fügt er noch an, dass bei den Rennautos Bio-Ethanol verwendet wird. Der Motorsport habe aus ökologischen Gründen viele Gegner. «Es ist deshalb auch schwierig, Sponsoren zu finden.» Bio-Ethanol sei ein Kraftstoff, der bezüglich CO2-Bilanz besser abschneide als der Antrieb eines Elektroautos.
Eine Leidenschaft für Technik
Warum macht Sandro Widmer nicht bei Rundstreckenrennen mit, wie man sie etwa bei der Formel 1 kennt? Er antwortet, dass dort ein Grossteil des Erfolgs vom Piloten abhänge. Bei Beschleunigungsrennen sei es anders. «Da ist der Fahrer im besten Fall derjenige, der das Lenkrad hält und Gas gibt – die Arbeit macht das Auto.» Die Technik macht also bei den Beschleunigungsrennen den Unterschied. Und die Technik ist das, was Sandro Widmer seit jeher fasziniert und antreibt. Bei den Rennen ist der Vater einer vierjährigen Tochter übrigens derjenige, der am Steuer sitzt. Seine Frau lässt dies zu, verlangt von ihm aber, dass er der Sicherheit oberste Priorität einräumt. So schraubt er immer selbst an den Schlüsselstellen des Rennautos. Und an den Rennen trägt er immer einen Helm.
Der Irankrieg funkt dazwischen
Eigentlich hatte Sandro Widmer geplant, den Weltrekord bereits 2025 für sich zu entscheiden. Wegen einsetzenden Regens musste das Rennen jedoch vorzeitig abgebrochen werden. Nun setzt der Schaffhauser seine Hoffnungen aufs Jahr 2026. Der Ende Februar ausgebrochene Krieg im Persischen Golf hat ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Motor ist zwecks Revision nach Katar zu einem australischen Partner geflogen worden, der im Rennteam eines Emirs mitarbeitet. Wegen des Kriegs explodierten die Preise für den Rücktransport. Als Lösung wurde in der Folge diskutiert, den Motor in seine Einzelteile zu zerlegen und in Koffern verpackt auf einem Passagierflug zurück in die Schweiz zu bringen.

Was ist, wenn Sandro Widmer Ende Juni tatsächlich den Weltrekord erzielt? «Ich weiss nicht, was dann ist», antwortet er, «denn bis jetzt stand immer das Bestreben im Vordergrund, dieses Ziel zu erreichen.» Denkbar ist, dass er sich auf den Lorbeeren ausruhen und warten wird, bis er von einem anderen Team geschlagen wird. Den eigenen Rekord zu brechen, bringt wenig Zusatznutzen und verursacht vor allem Kosten. Allein die Rennvorbereitungen schlagen mit 20'000 Franken zu Buche. In diesen Betrag fallen unter anderem der Lastwagentransport, neue Reifen und alleine für den Treibstoff 1500 Franken.
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