Der Schweizer, der aus Deutschland kam: So tickt der zukünftige Chef der IVF Hartmann
Im April wird Martin Walther CEO des Neuhauser Herstellers von Medizingütern IVF Hartmann. «Ein Wechsel ist immer für manche einfacher, für manche schwieriger», sagt der 51-Jährige, der den Job nicht zum ersten Mal übernimmt.
Herr Walther, im März 2024 verschickte IVF Hartmann eine Schocknachricht: Der damalige CEO Claus Martini war an Krebs erkrankt und musste sich behandeln lassen. In dieser Phase wurden Sie als temporärer IVF-Chef bestimmt. War das ein Sprung ins kalte Wasser?
Martin Walther: Teilweise war es das. Zwar liegt mir das Spitalgeschäft nahe, aber das ist nur ein Teil von IVF Hartmann. Zudem war ich zuvor bei der Paul Hartmann AG in Deutschland tätig, einer anderen Firma. Ich musste einiges lernen in dieser Zeit. Und es hat mir auch die Augen geöffnet. Ich war zuvor nicht mit den unterschiedlichen Verkaufskanälen vertraut.
Anfang dieses Jahres wurden Sie erneut Interims-CEO – ab April sind Sie offiziell Geschäftsführer der IVF Hartmann. Ist da eine gewisse Nervosität vorhanden oder überwiegt der Stolz?
Ich würde es so ausdrücken: Es ist eine neue Herausforderung, auf die ich mich freue. Der Wechsel kommt zu einem guten Zeitpunkt: Zwar konnte ich nicht alles in meinem alten Job abschliessen, aber ich habe dort viel erreicht. Momentan führe ich noch die Division Risikoprävention in Deutschland und trage somit zwei Hüte. Jetzt ist der Moment gekommen, etwas Neues zu machen. Es reizt mich, im Schweizer Gesundheitsmarkt tätig zu sein. Auch für mich privat passt diese neue Rolle sehr gut, ich lebe mit meiner Familie in Zürich. Da muss ich nicht mehr ständig auf Reisen sein.
Als bekannt wurde, dass Sie Martinis Nachfolger werden, wie waren die Reaktionen darauf?
Für viele war meine Wahl keine Überraschung. Ich war, seit ich im IVF-Verwaltungsrat Einsitz nehme, schon mehrfach in Neuhausen, und es hat mir jeweils gut gefallen. Ein Wechsel ist immer für manche einfacher, für manche schwieriger. Das ist hier auch so. Wir werden uns sicher mit der Zeit aneinander gewöhnen.
Wie bereiten Sie sich auf diese Rolle vor?
Es gab eine intensive Übergabezeit, die ist jetzt hauptsächlich abgeschlossen. Ich weiss, dass ich ein langjähriges, starkes Team hier habe und dank dessen auf einer sehr soliden Basis aufbauen kann. Da ich den Markt und auch viele Schweizer Spitäler bereits ein wenig kenne, ist der Sprung nicht so gross. Ich kenne die strategische Positionierung von IVF Hartmann gut.
Werden Sie das Unternehmen auf eine ähnliche Weise führen wie Ihr Vorgänger?
Wir werden jetzt sicher nicht plötzlich Flugzeugteile produzieren (lacht). Es wird bestimmt Themen geben, wo wir andere Akzente setzen werden. Es braucht etwa Innovationen, damit man auch in der Zukunft erfolgreich ist. Aber der Fokus wird ein ähnlicher bleiben. Erfolg kommt davon, dass man sich fokussiert.
«Ein Wechsel ist immer für manche einfacher, für manche schwieriger. Das ist hier auch so. Wir werden uns sicher mit der Zeit aneinander gewöhnen.»
Wie viel Entscheidungsfreiheit haben Sie als CEO?
Bereits bei der Paul Hartmann AG genoss ich sehr viel Entscheidungsfreiheit, weil das Vertrauen vorhanden ist. Das ist hier genau dasselbe: Man hat ein Team, man hat Aktionäre und man muss dementsprechend richtig vorgehen. Wenn man das tut, hat man auch viele Freiheiten.
Aktuell arbeiten rund 300 Mitarbeitende in Neuhausen. Haben Sie Pläne für den Standort?
Wir zügeln sicher nicht weg! Kürzlich wurde hier ein grosses Lager gebaut. Was wir noch besser machen können, ist, unsere Kunden effizient zu beliefern. Ein Faktor unterscheidet uns von unseren Mitbewerbern: Wir machen viel aus der Schweiz. Das kann einen enormen Vorteil darstellen, wie man zu Covid-Zeiten gesehen hat. Unser Geschäftsgang ist solide, und wenn man wächst, ist das auch für den Standort eine positive Nachricht.
«Wir zügeln sicher nicht weg!»
Wie steht es aktuell um den Schweizer Gesundheitsmarkt, wie kann sich IVF Hartmann positionieren?
Im Gesundheitsmarkt gibt es zurzeit grosse Trends, etwa in der Demografie: eine Zunahme von Patienten oder Menschen, die Pflege benötigen. Gleichzeitig herrscht tendenziell ein Mangel an Fachkräften, besonders bei gut ausgebildeten. Es gibt immer mehr Regeln und administrative Aufgaben, die dem Fachpersonal viel Zeit wegfressen. Für ein Unternehmen wie IVF Hartmann sind das wichtige Trends, bei denen sich die Bedürfnisse unserer Kunden verändern. Darauf müssen wir Antworten finden. Was mir in der Schweiz ein wenig fehlt, ist ein digitales Rückgrat. Es gibt mittlerweile so viele Akteure im Gesundheitswesen, da sollte zum Beispiel bei den Patientendaten mehr gegenseitige Unterstützung und Transparenz herrschen.
Im Digitalbereich hat sich IVF Hartmann verstärkt. Wie wichtig ist diese Entwicklung?
Sehr. Es gibt etwa eine Erleichterung der Administration durch digitale Lösungen. Da besteht sicherlich noch Potenzial.
Ein grosses Thema im Gesundheitsbereich sind Prozesskosten. Auch bei Ihnen?
Absolut, wo die Prozesskosten hoch sind, ist der Kostendruck da. Arbeitskräfte bei Gesundheitsdienstleistern sind oft der grösste Brocken auf der Ausgabenseite. Will man die Prozesskosten senken, ist das der Hebel, den man betätigen müsste. Das ist allerdings nicht einfach.
«Wir werden jetzt sicher nicht plötzlich Flugzeugteile produzieren.»
Ist Ihr Unternehmen von US-Zöllen betroffen?
Ja, aber indirekt. Ein Beispiel: Wenn ein Zulieferer von uns nicht von Zöllen betroffen ist und er hat Konkurrenten, die von den Zöllen sehr stark betroffen sind, dann liefert er momentan lieber in die USA, weil er dort mehr Geld verdienen kann. Für die Versorgungssicherheit ist es wichtig, gut aufgestellt zu sein, damit man nicht abhängig von einem einzelnen Lieferanten ist.
Was erwarten Sie fürs Geschäftsjahr 2026?
Das Umfeld wird nicht einfacher. Aber wenn es uns gelingt, die strategischen Initiativen so umzusetzen, wie wir uns das vorstellen, dann werden wir mit unserem starken Team weiterhin erfolgreich sein.