Warum Donald Trump ein «Gesetzloser» ist und die Amerikaner das feiern: SRF-Mann gibt einen Einblick in die US-Seele
Am UBS-Wirtschaftsforum im Pavillon im Park drehte sich vieles um Amerika: Während der Chefökonom mögliche Folgen des Zollhammers aufzeigte, lieferte ein ehemaliger USA-Korrespondent einen Erklärungsansatz für Trumps Erfolg.
Trump, Trump und nochmals Trump: Beim UBS-Wirtschaftsforum, das am Mittwochabend im Pavillon im Park abgehalten wurde, kam man nicht um den US-Präsidenten herum. Denn er ist zu einem nicht unerheblichen Teil dafür verantwortlich, dass die globalen Finanzmärkte von Unsicherheiten und hoher Volatilität geprägt sind – man denke nur an die willkürlich anmutenden Zölle, die Donald Trump der ganzen Welt aufgebürdet hat. Und der US-Dollar befindet sich im freien Fall, zurzeit ist er noch knapp 80 Rappen wert.
Über 200 Besucherinnen und Besucher wollten deshalb wissen, was UBS-Chefökonom Daniel Kalt zur aktuellen Lage zu sagen hat – der Finanzexperte liefert seit vielen Jahren jeweils wertvolle Tipps für Investorinnen und Investoren. Mit Thomas von Grünigen konnte zudem ein Referent gewonnen werden, der die Zustände in den USA hautnah miterlebt hat: Der ehemalige USA-Korrespondent und heute publizistische Leiter Ausland beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) berichtete anhand seiner eigenen Erfahrungen, weshalb die Demokratie in der weltgrössten Volkswirtschaft ins Wanken gerät – und was das für uns alle bedeutet.
Zu hohe Hürden für Negativzinsen?
«Wir Europäer und Schweizer blicken gebannt und fast in Schockstarre in Richtung Westen und Osten», sagte UBS-Standortleiter Michael Brütsch einleitend. Bereits am letzten Wirtschaftsforum vor einem Jahr war zu vernehmen, dass die liberale Weltordnung bröckle und der Westen drohe, seine Vormachtstellung zu verlieren: Aus einer «Welt im Umbruch» wurde innert zwölf Monaten eine «Welt aus den Fugen».
Chefökonom Kalt rückte in seiner Tour d’Horizon ein Thema besonders in den Fokus: der Trump’sche Zollhammer, der mit einer Wucht von 39 Prozent auf uns niederprasselte. Dabei war die Hoffnung einst gross, dass sein Wirtschaftsprogramm Vorteile für die Schweiz bringen könnte. «Man hat allerdings unterschätzt, wie vehement und aggressiv Trump die Zölle mit vielen wirtschaftspolitischen Zielen verknüpft hat», so Kalt. So wollte Trump Zugeständnisse seiner Handelspartner bekommen. «Die Schweiz hat es leider bislang nicht geschafft, einen Deal auszuhandeln.» Trotzdem komme der Weltmarkt mit einem blauen Auge davon, sagte der Experte.
«Man hat unterschätzt, wie vehement und aggressiv Trump die Zölle mit vielen wirtschaftspolitischen Zielen verknüpft hat.»
Falls die Zölle für die Schweiz so hoch bleiben, rechnet Kalt mit 10’000 bis 15’000 Stellen, die hierzulande wegfallen könnten – also 0,3 Prozent aller Beschäftigten. Zwar zu wenige für eine Rezession und «gesamtwirtschaftlich nicht dramatisch», aber dennoch einschneidend für betroffene Firmen und Arbeitnehmer. Der Kanton Schaffhausen zähle zu den Regionen, in welchen überdurchschnittlich viele Beschäftigte direkt von US-Exporten abhängig sind.
Kalt sprach zudem über das langsame Wachstum in Europa – besonders weil die wichtigen Absatzmärkte Deutschland und Frankreich kaum noch wachsen – sowie die Inflation, die bei uns etwa bei 0 Prozent liegt. Denselben Wert haben aktuell auch die Leitzinsen. Laut Kalt wird sich das vorerst nicht ändern, wenn die Nationalbank am Donnerstag über die Zinspolitik entscheidet. «Wir gehen davon aus, dass sie Negativzinsen vermeiden will.»
USA: Vom Wilden Westen geprägt
Als Journalist und somit Wachhund der Demokratie stellte sich Thomas von Grünigen vor. Mit Sorge beobachtet er Trumps Handeln, kürzlich etwa die Milliardenklage gegen die «New York Times», weil sie zu kritisch berichtet habe. «Es ist ein schlechtes Zeichen für die Demokratie, wenn Medien eingeschüchtert werden und man nicht mehr frei berichten darf», sagte von Grünigen. Und das ausgerechnet in den USA, die einst als Vorbild-Demokratie galten.
Der ehemalige Korrespondent verstand es dank seiner Erfahrung, präzise die Ursachen aufzuzeigen, wie es so weit kommen konnte. Er nannte etwa weltweite Effekte, wie die zu lange unterschätzte Migration oder die Unzufriedenheit der Globalisierungsverlierer. Aber auch Entwicklungen, die spezifisch in den USA passierten.
«Wer die USA verstehen will, muss Western-Filme schauen.»
«Um das Phänomen Trump zu verstehen, muss man denken wie ein Amerikaner», so von Grünigen. Prägende Ereignisse für einen Europäer seien etwa die Weltkriege und der Holocaust gewesen. Für die USA war das alles weiter weg, so der SRF-Mann. «Für ihre DNA ist etwas wichtiger: die Eroberung von Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert.» Dies einhergehend mit zahlreichen Herausforderungen in der rauen Natur. «Die Siedler mussten sich durchsetzen und selbst neue Regeln erschaffen.» Diejenigen, die das schafften, waren Helden.
Darum sagt von Grünigen: «Wer die USA verstehen will, muss Western-Filme schauen.» Diese Mentalität erkläre auch, warum «Outlaws», also «Gesetzlose» wie Bonnie und Clyde, in den USA gefeiert werden, ihrer Taten zum Trotz: Weil sie das Heft selbst in die Hand nehmen. «Auch Donald Trump ist ein Stück weit ein ‹Outlaw›», sagte von Grünigen.
Frieden und Demokratie sind keine Selbstläufer mehr
In seinem spannenden Vortrag nannte er weitere Punkte für Trumps Erfolg: Er sei kein Zufallsprodukt, sondern die Folge einer Strategie der Republikaner seit den 1960er-Jahren, mit Fokus sowohl auf «nostalgische Weisse» als auch auf Evangelikale, die sich von einer neuen Mehrheit bedroht fühlen. Dazu komme eine «eklatante Schwäche der Demokraten» sowie die Nachwehen von 9/11 und die daraus resultierende Kriegsmüdigkeit.
Ist die Welt also aus den Fugen geraten? «Vielleicht», sagte von Grünigen. «Zumindest kam die Gewissheit abhanden, dass wir langfristig in Frieden und Demokratie leben können. Das sind keine Selbstläufer mehr, insbesondere, wenn wir uns nicht mehr auf die USA verlassen können. Das ist die nüchterne Realität unserer Zeit.»