Zuerst der Mensch, dann der Lebenslauf

Autor
Jeannette Vogel

Der Schaffhauser Jobmarkt stellt den gewohnten Rekrutierungsprozess auf den Kopf: Unternehmen und Berufsleute kommen ins Gespräch, ohne dass vorab Bewerbungsdossiers studiert werden.

Ursula Köpfli sucht eine neue berufliche Heraus­forderung: «Gerne auch über das ­Pensionsalter hinaus.» Bild: Jeannette Vogel

52 – so viele offene Stellen hat gegenwärtig die Division Piping Systems von Georg Fischer. «Rund die Hälfte der Arbeitsplätze vergeben wir extern», sagt Personalleiter Gregor Itel. Der Industriekonzern ist einer der grössten Arbeitgeber in der Region: «Es wäre eine Schande, ständen wir nicht hier.» «Hier» ist im Hotel Arcona Living. Am 15. Schaffhauser Jobmarkt treffen gestern Nachmittag mehr als 50 Stellensuchende auf gut 20 Arbeitgebervertreter im grossen Saal des Schaffhauser Hotels. Georg Fischer ist zum zweiten Mal am Jobmarkt mit einem eigenen Stand vertreten. «Am Anlass im Frühling wurden wir beinahe überrannt.»

Tolle Dossiers in die Hände bekommen

Lange bevor der offizielle Eröffnungs-Gong ertönt, stehen die Arbeitssuchenden auch an den Tischen der anderen fünf regionalen Arbeitgeber Schlange. Die Grossbank UBS ist zum vierten Mal dabei, sie sucht ­aktuell sieben Mitarbeiter aus der Region für ihr Backoffice. Die Winterthurer Universaljob AG ist durch Personalberater Oliver Stansa vertreten. Er hat bereits alle sogenannten Kompetenzen-Portfolios studiert – und drei Personen ins Auge gefasst. Das Portfolio gibt eine Übersicht über die Kandidaten und ihre Fähigkeiten. «Wir wollen uns hier vorstellen und gleichzeitig die Kandidaten auf neue Job-Ideen bringen.»

Daniela Bodinoli ist Assistentin der ­Geschäftsleitung der Tresch & Partner Personal AG. Das Schaffhauser Unternehmen ist zum zweiten Mal am Jobmarkt ­dabei. «Ich finde es herrlich, so viele tolle Dossiers in die Hände zu bekommen.»

Ebenfalls zum zweiten Mal dabei ist die Genossenschaft Migros Zürich. «Wir suchen vife Leute. Und wir haben keine Alterslimite», sagt Christof Hatt. Die Migros hat rund 100 Stellen in der Region Zürich zu vergeben. «Der Arbeitsweg ist kein Thema, die Zugsverbindungen sind sehr gut», sagt Hatt, der selbst in Rafz wohnt.

Der Leiter des kantonalen Arbeitsamtes, Vivian Biner, freut sich über die vielen Ar-beitgeberstände: «Weitere Firmen sind natürlich jederzeit willkommen.»

Organisationstalent und Macherin

Die Passion von Beat Steinbeck ist es, weltweit Marken zu etablieren. Er sucht eine Stelle in der Medizintechnik. «Ich jage nicht mehr meinem Traumjob hinterher.» Er suche eine Stelle, wo er das machen darf, was er am besten könne: Produkte im Ausland, speziell in Asien, bekannt machen.

Ursula Köpfli rückt gleich mit der Einschränkung heraus: «Mein Problem ist, ich werde in eineinhalb Jahren pensioniert.» Sie sucht trotzdem eine 50- bis 100-Prozent-Stelle als Assistentin in einem coolen Betrieb. «Ich arbeite einfach gerne und würde auch über das Pensionsalter hinaus bleiben, wenn die Stelle passt.»

Als Organisationstalent, Macherin und kommunikative Netzwerkerin bezeichnet sich Karin Wettstein. Für eine Stelle in ei-ner internationalen Firma würde sie gerne auch nach Zürich pendeln. «Ich bin eine Generalistin», sagt Wettstein. Sie arbeite lieber in einem grossen Garten anstatt in einem kleinen.

Fredy Steger ist seit dem 1. April auf ­Stellensuche. Er hält nach einem Job im Finanzbereich Ausschau. «Ich bin in einem unvorteilhaften Alter», sagt der Sechzigjährige. Einige Firmen würden sich scheuen, ältere Semester einzustel-len, besonders im Kaderbereich. Er sieht indes sein Alter auch als Chance für die Unternehmen: «Ich habe viel Erfahrung und bin zudem kreativ. Wer mich einstellt, muss sich fünf Jahre lang um nichts ­kümmern.»

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