Digitalisierung: Die Chance zur Erneuerung

Autor
Jeannette Vogel

Die Schaffhauser Wirtschaft wird durch die Digitalisierung in den nächsten Jahren umgekrempelt. Was sind die Chancen, wo sind die Barrieren?

Marc K. Peter von der Hochschule für Wirtschaft in Olten beschäftigt sich seit Jahren mit der Digitalisierung. Bild: Jeanette Vogel

«Nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart heisst Digitalisierung.» Dieser Satz wird Jürgen Dormann, dem ehemaligen Chef von ABB, zugeschrieben. Marc K. Peter ist der Leiter der Zentrums für Digitale Transformation und Marketing an der FHNW, der Hochschule für Wirtschaft in Olten. Die FHNW hat vor einem Jahr eine Onlinebefragung zur digitalen Transformation in Schweizer Firmen durchgeführt. Dabei wurden 2600 Personen aus rund 1900 Unternehmen befragt.

Der Begriff Digitalisierung ist in aller Munde. Was steckt genau dahinter? «Es ist nichts anderes als eine Erneuerung, eine Renaissance», sagt Peter. Ob Verweigerer, Mitläufer oder aktiver Gestalter. Weder Firmenchef noch Mitarbeiter komme darum herum, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. «Diese Erneuerung braucht es, um die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens zu erhalten.» Ein Problem dabei sei, dass zwar vielerorts punktuell etwas gemacht werde, etwa die Software auf den neusten Stand zu bringen, aber eine gesamtheitliche Sicht fehle: «Was ist mit den Menschen, den Kunden, den Mitarbeitenden?», fragt Peter. «Sie müssen einbezogen werden.» Unter die Top 3 der digitalen Transformation fallen gemäss der Onlinebefragung die Prozessoptimierung, die Nutzung neuer Technologien und die Befriedigung von Kundenanforderungen. Erst an vierter Stelle stehe bei den Schweizer KMU die Kostenoptimierung, so Peter: «Kosteneinsparungen sind nicht die treibende Kraft.»

Abweichungen in Schaffhausen

In drei Punkten der Auswertung weichen die KMU im Kanton Schaffhausen von der restlichen Schweiz ab: Es wird weniger in Marketing investiert, veränderte Kundenbedürfnisse sind nicht der stärkste Treiber, und die Projektaktivität ist hier leicht höher. «Es überrascht mich, dass Schaffhauser KMU die Werbung und die Identifikation von neuen Kundenbedürfnissen nicht für so wichtig halten, aber trotzdem überdurchschnittlich viele Digitalisierungsprojekte laufen haben», sagt Peter.

Ist es für Schaffhauser Firmen, die Arbeitsplätze längerfristig sichern möchten, zwingend, den Weg der Digitalisierung zu beschreiten? «Mich hat kürzlich jemand gefragt: ‹Muss ich diesen Chabis wirklich mitmachen?› ‹Müssen nicht, aber wollen›, hab ich geantwortet», so Peter. Unternehmen sollten ihre ausgetreten Pfade verlassen und sich für Neues öffnen. Es sei zu deren Nutzen, davon ist der Leiter der Zentrums für Digitale Transformation überzeugt. Die beiden meistgenannten Gründe, warum Unternehmen das vorhandene Geschäftspotenzial nicht digital ausschöpfen: keine Zeit und fehlendes Wissen. «Da sind sich Chef und Angestellte einig.»

Aktiv zu werden koste zwar Zeit, aber – noch – kein Geld: «Setzen Sie sich als Firmenchef mit Ihren Mitarbeitenden zusammen. Machen Sie ein Businessfrühstück anstelle einer normalen Sitzung, es kommt viel mehr dabei raus», sagt Peter. Etwa die Einführung neuer Geschäftsmodelle, die Investitionen in Soft- und in Hardware oder die Schulung von Mitarbeitern. Dafür muss kräftig umorganisiert und Geld in die Hand genommen werden. Die digitale Transformation lasse sich zwar nicht in Franken beziffern, aber weder am Wissen noch an den Kosten solle sie scheitern: «Es gibt kostenlose Literatur und auch Software im Internet.» Viel Erfolg für wenig Geld sieht Marc K. Peter im Führen eines Firmenblogs: «Schalten Sie einen auf, und schreiben Sie regelmässig rein, was neu ist.»

Im Mittelfeld mithalten

Die digitale Transformation eines Unternehmens dauert mehrere Jahre: «Bei genügend Zeit und Energie kann es ein KMU mit 20 Mitarbeitenden in rund zwei Jahren schaffen.» Zukunftsorientierte Unternehmen begeben sich also auf digitale Plattformen, machen sich künstliche Intelligenz und das Internet of Things, kurz IOT, zunutze: «Eine Firma muss nicht gleich zum digitalen Champion mutieren, um erfolgreich zu sein. Aber sie muss im Mittelfeld mithalten können», sagt Peter.

Für die Digitalisierung braucht es grosse Rechnerleistung, und über allem schwebt eine Wolke, die Cloud. Die Abhängigkeit von Speicherkapazität und Strom ist hoch und wächst stetig: «Die Komplexität von Technologie und Gesellschaft widerspiegelt sich in dem sogenannten cyberphysischen System, kurz CPS, welches uns von Daten- und Energiequellen abhängig macht. Dies wiederum führt zu diversen Sicherheitsüberlegungen.»

In der digitalen Welt steht man etwas verloren da, wenn man nicht eine lange Reihe von Abkürzungen und Fremdwörtern wie AI, Avatar, Big Data oder Cloud kennt: «Ja, das ist so. Früher musste man als Geschäftsmann Deutsch und Englisch lernen. Jetzt sind wir in der nächsten Phase. Die Digitalisierung ist eine riesige Chance zur Erneuerung. Die Zeit dafür ist reif», sagt Peter.

ITS-Auftakt zur Reihe «Digital Excellence»

Im SIG Hus in Neuhausen fand am Montagabend der 58. ITS-Techno-Apéro statt. 120 Personen nahmen an der Veranstaltung zum Thema «Digitalisierung – was ist Pflicht, was ist Kür für das Unternehmen der Zukunft» teil. ITS-Geschäftsführer Roger Roth begrüsste die Anwesenden mit: «Heute ist alles ein bisschen digital», und wies auf die Kameras im Seminarraum hin: «Diese Sendung wird aufgenommen.»

Das Thema werde in den nächsten Monaten vertieft, so Roth. Ziel sei, den Nutzen für die hiesige Wirtschaft aufzuzeigen und zu vertiefen. Die kommenden ITS-Veranstaltungen werden allerdings an einem anderen Ort stattfinden: im Neuhauser go tec! Labor. Die Seminarräume und die Kantine im SIG Hus werden ­demnächst geschlossen. (jvo)

Neuen Kommentar schreiben

Diese Funktion steht nur Abonnenten und registrierten Benutzern zur Verfügung.

Registrieren