Präzisionsarbeit aus 40 Metern Höhe

Autor
Saskia Baumgartner

Ohne Robert Schröder geht auf der Galgenbuckbaustelle im Neuhauser Bahntal nichts. Der Kranführer aus Stein am Rhein transportiert tonnenschweres Baumaterial zentimetergenau an die dafür vorgesehenen Orte.

40 Meter Höhe. Der Kabinenboden unter den Füssen schwankt leicht. Durch das offene Fenster dringen Strassenlärm und das laute Ratatata eines Abbruchhammers nach innen. «Von hier oben kann man schön den Rhein sehen», sagt Robert Schröder, als ihn eine Männerstimme aus dem Funkgerät unterbricht.

Schröder ist Kranführer auf der Galgenbuckbaustelle im Bahntal. Wenn er nicht jeden Morgen pünktlich zur Arbeit kommt, passiert nicht viel. Denn ohne seinen und die beiden anderen Kräne kann das Baumaterial auf der Baustelle nicht transportiert werden.

An diesem Nachmittag bewegt Schröder gerade einen zweieinhalb Tonnen schweren Schacht von einem zum anderen Ort. Es ­ruckelt leicht in der Kabine, wie immer, wenn das Material schwer ist.

«Ich fühle, wenn etwas nicht stimmt»

Teilweise hat er bis zu acht Tonnen am Haken. Mit der Last fährt er über die Köpfe seiner Kollegen hinweg. Eine grosse Verantwortung. «Darauf muss man am meisten achten», sagt Schröder. Die Sicherheit stehe immer an erster Stelle. Deswegen werde der Kran auch von der Kabine aus bedient. Theoretisch könnten Hochbaukräne auch vom Boden aus mit einer Fernbedienung gesteuert werden. «Aber wenn ich selber in der Maschine sitze, fühle ich, wenn etwas nicht stimmt.» Etwa, wenn das Seil nicht mehr richtig auf der Rolle ist. So etwas passiere zwar nur höchst selten – aber wenn, würde man es vom Boden aus nicht bemerken. «Um wirklich unfallfrei zu arbeiten, muss man oben sein», sagt er.

Robert Schröder, der ursprünglich aus Aachen kommt, arbeitet seit 42 Jahren als Kranführer. Nach seiner Ausbildung zum Bauschlosser absolvierte er in Deutschland den entsprechenden Lehrgang. Ein Ausbildungsberuf ist Kranführer auch heute noch nicht – weder in Deutschland noch in der Schweiz. Auf der Baustelle im Bahntal ist Schröder mit der Firma Marti seit vier Jahren tätig. Das Arbeitsklima sei sehr gut. Das habe er auch schon anders erlebt.

Während der Arbeitszeit hat der 62-Jährige nur per Funk mit den Kollegen Kontakt. Ansonsten sieht er sie, wenn er um neun Uhr und für die Mittagspause die Kabine verlässt und nach unten klettert. Die meiste Zeit jedoch verbringt er allein in seiner ­Kabine. «Ich arbeite gerne für mich», sagt er. So könne er sich besser konzentrieren.

Die Hausschuhe stehen bereit

Trotz des gefühlt nur einen Quadrat­meters Platz hat Robert Schröder sich seinen Arbeitsplatz, rund um den Kranstuhl und die beiden Steuerpulte, wohnlich eingerichtet. Am Eingang der Kabine steht ein Paar Hausschuhe bereit. An der Wand hängt ein Handstaubsauger, in der Ecke lehnt ein Glasreiniger. «Ich will es ja immer schön sauber haben, hier kommt keine Putzfrau», sagt er und lacht.

Die leere Weichspülerflasche hingegen hat einen anderen Zweck. Sie ist für Notfälle da, falls der Ruf der Natur ausserhalb der Pausenzeiten zu gross werden sollte.

Schröder hat in seinem Arbeitsleben schon viele Hochhäuser, riesige Mehrzweckhallen und auch den Kölner Fernsehturm mit gebaut. Bis zu 90 Meter hoch waren die höchsten Kräne, die er bediente. Höhenangst hatte er nie. Heutzutage sei der Aufstieg sicherer als früher, als es nur eine grosse Leiter von unten bis ganz oben gegeben habe. In Schröders Kran im Bahntal geht es zwar auch an Leitern, aber stockwerkartig mit Zwischenböden nach oben.

Die Besonderheit an der Baustelle im Bahntal sei einerseits die Abwechslung – im Vergleich etwa zum eher eintönigen Hochhausbau. Andererseits seien auch die eingeschränkten Platzverhältnisse speziell, so Schröder. Beim Navigieren der Lasten muss der Kranführer Abstand zu den Bahngleisen und der Schaffhauserstrasse halten. «Da unten fahren Cabrios vorbei, und wenn die im Sommer einen Tropfen Beton auf dem Leder haben, dann meckern die», sagt er schmunzelnd.

Kniffliger wird’s bei Wind

Als es vor wenigen Wochen so windig war, wurde die Aufgabe, den Gleisen und der Strasse nicht zu nahe zu kommen, kniffliger. «Da kommt schon einiges in ­Bewegung.» Wenn es zu gefährlich werde, müsse man natürlich Feierabend machen. Bei den Stürmen im Januar sei dies aber nicht notwendig gewesen. Schröder bekommt in seiner Kabine von den Wetterverhältnissen viel mit. Im Winter muss er dank einer Heizung zwar nicht frieren, im Sommer kann es in der Glaskabine aber schon mal heiss werden. Schröder hat dank seines erhöhten Arbeitsplatzes einen guten Ausblick auf die verschiedenen Stimmungen und geniesst es, wenn er die Sonne rot aufgehen sieht oder wenn sich im Herbst der Nebel über den Rhein legt. Auch in seiner Freizeit ist Schröder gern in der Natur, oft beim Angeln in Stein am Rhein, wo er seit zwölf Jahren lebt.

Um Kranführer zu werden, benötigt es gemäss Schröder neben guten Augen vor allem eines: «Nerven. Gute, gute Nerven.» Gerade morgens könne es passieren, dass jeder den Kran zum Transport von Lasten brauche. «Dann muss man cool bleiben und sagen: ‹Immer der Reihe nach.›» Viele der Abläufe auf der Baustelle stünden ohnehin fest und seien Erfahrungssache. Robert Schröder macht seine Arbeit nach all den Jahren immer noch grossen Spass. «Die Baustelle war immer mein Leben», sagt er. Man sehe jeden Tag Fortschritte, es passiere etwas.

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