Oberhallauer lebt bis Dezember bei sibirischem Nomadenvolk

Autor
Luc Müller

Der Oberhallauer Theo Kübler wird bis Dezember bei einem sibirischen Nomadenvolk im Zelt leben.

Immer noch herrscht bei uns ­T-Shirt-Wetter – obwohl schon Oktober ist. Gestern zeigte das Quecksilber bis zu 24 Grad. Aussergewöhnlich für diese Jahreszeit. «Der Klimawandel wird zum Problem», erklärt der Oberhallauer Theo Kübler – seit Jahren arbeitet er als freier Mitarbeiter und Fotograf für die SN. Konkret ist das ungezügelte Klima ein Problem für das Volk der Nenzen, wie Kübler erklärt. Die Nenzen leben im Norden Sibiriens innerhalb der Russischen Föderation. Im Winter wird es hier in den unendlichen Winterlandschaften bis zu minus 50 Grad kalt. Doch eben: Der Klimawandel macht dem Nomadenvolk zu schaffen. «Die Nenzen sind noch eines der wenigen Völker, die das ganze Jahr umherziehen und in Zelten wohnen, die sie pro Woche bis zu dreimal ab- und an einem andern Ort wieder aufbauen», berichtet Theo Kübler. Die Nenzen, die von ihrer Rentierzucht leben, ziehen mit Sack und Pack sowie ihren Herden das ganze Jahr auf der Halbinsel Jamal umher. Die Insel grenzt im Norden bereits ans Nordpolarmeer.

Zehn Grad zu warm

Auf dem Weg ganz in den Süden müssen sie jeweils den Fluss Ob überqueren – doch das wird immer schwieriger. Wegen der steigenden Temperatur gefriert der Fluss immer später. Allein in den vergangenen drei Jahren bildete sich das Eis drei Wochen später. Und aktuell ist es im Süden sehr sumpfig statt schon gefroren. «Die Verbindungsstrasse ist jetzt abgesackt. Zum Glück wurde vor rund zwei Jahren eine neue Eisenbahnlinie eröffnet», berichtet der Oberhallauer Weltenbummler, der schon zweimal bei den Nenzen vor Ort im Zelt gelebt hat und mit ihnen umhergezogen ist. «Auch der Permafrost taut immer mehr auf», weiss Kübler, «jetzt müssen die Nenzen schon fast 1,2 Meter in den Boden graben, bis sie auf Eis treffen. Hier werden dann die Esswaren wie beispielsweise Fisch gelagert.» Im 30-Jahr-Durchschnitt ist die Temperatur aktuell um 10 Grad zu hoch. Satt 0 Grad ist es tagsüber jetzt 10 Grad, in der Nacht statt minus 10 Grad 0 Grad.

Nur ein kleiner Ofen im Zelt

Von der Schweiz aus fliegt er heute Samstag zunächst nach Moskau, danach in die Stadt Salechard. Von dort geht es weiter an die Westseite der Halbinsel Jamal. In einer Handelsstation wird er auf das Nomadenvolk treffen und mit ihm dann weiterziehen. Erst am 2. Dezember wird Theo Kübler wieder in der Schweiz sein. Er wird mit der gleichen Familie zusammenleben wie bei seinen zwei letzten Besuchen, schliesst sich zwei Brüdern mit zwei Zelten an. Die eine Familie hat vier Kinder, die andere drei.

«Das Leben hier ist einfach und hart. In den Zelten, die mit Rentierfellen gegen die Kälte geschützt sind, gibt es zum Heizen nur einen kleinen Ofen. «Der wird aber nur selten eingefeuert, denn Holz ist hier in der Tundra Mangelware im Winter.» Frieren werde er trotzdem nicht, so Kübler. «Man trägt einen bleischweren Mantel aus Rentierfell und dicke Hosen. Das Gewand trägt man auch im Zelt. So lassen sich tiefe Minustemperaturen bestens aushalten.» Bei der Hygiene muss man bei diesen Lebensbedingen als Europäer Abstriche machen – zum Waschen steht nur ein kleines Becken, aus dem geschmolzenes Eis oder Schnee rinnt, zur Verfügung. Für Kübler kein Problem: «Ich bewundere Völker, die mit der Natur leben und mit den harten Bedingungen zurechtkommen. Das fasziniert mich.»

«Ich bewundere Völker, die mit der Natur leben und mit den harten Bedingungen zurecht­kommen.»

Theo Kübler, Weltenbummler

Handyempfang wird es auf der Reise im hohen Norden nicht immer geben, auch keinen Laptop. «Sie haben einen kleinen Generator dabei, der sehr selten angeworfen wird», sagt Theo Kübler. Währen der Reise im Winter, die sie auf Schlitten absolvieren, leben die Nenzen vor allem von Rentierfleisch. Im April, wenn es gegen Süden geht, wird dann auch die Stadt Yar-Sale aufgesucht. Hier gibt es Einkaufsmöglichkeiten, und hier findet auch der Handel mit den Rentieren statt. Auch im Sommer sind die Nenzen auf Schlitten unterwegs, die gut über das Gras gleiten.

Zivilisation rückt immer weiter vor

«Das Volk ist aber bedroht. Nicht nur wegen des Klimawandels», betont Theo Kübler. Die Zivilisation rückt immer näher in die unberührte Landschaft vor: Die Russen bauen hier ­Bodenschätze ab, im Osten der Halbinsel Jamal wird neu ein grosser Hafen für den Transport von Öl nach China erstellt. Über dem Gebiet, das fast 100'000 kleine Seen hat, werfen die russischen Raketen nach dem Start metallische Teile ab, deren Stoffe die Umwelt verseuchen.

 

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