Riesenvögel auf der Durchreise

Autor
Zeno Geisseler

Kraniche sind keine typischen Schweizer Vögel. Doch seit einigen Jahren fliegen Tausende von Kranichen nördlich der Alpen von Osteuropa nach Südwesten und kommen auch bei uns vorbei.

Auch über der Schaffhauser Altstadt zu sehen: Kraniche. Bild: Ulrich Pfändler

Kraniche über Schaffhausen? Klar, die sieht man jeden Tag, jahrein, jahraus – als Symbol auf der Heckflosse der Lufthansa-Flugzeuge im Landeanflug auf Kloten. Echte Kraniche hingegen waren in Schaffhausen lange kaum zu erspähen. Kein Wunder: Die über einen Meter langen Schreitvögel brüten nicht in der Schweiz, und die Flugrouten der Tiere, die in Nordosteuropa zu Hause sind, führten über ­Luxemburg und Frankreich nach Spanien.

Doch vor einigen Jahren passierte etwas Seltsames. Eine zweite Flugachse entstand. Tausende Kraniche fliegen jetzt jeweils ab Ende Oktober bis Ende November nördlich der Alpen und via Rhonetal in die französische Camargue. Und dabei kommen sie auch in Schaffhausen vorbei. «Es dürfte sich um ungarische Tiere handeln», sagt der Ornithologe Martin Roost.

Was trompetet denn da?

Dank ihrer Grösse kann man die Kraniche gut sehen. Sie sind unverkennbar. Noch eindeutiger aber ist ihre Stimme. «Es ist ein auffälliger Trompetenruf, den man auch in der Nacht hören kann», sagt Urs Weibel. In Keilformation ziehen sie in den Süden, Trupps mit 50 bis 60 Vögeln sind keine Seltenheit, es können aber auch mal 250 sein, sagt Ornithologe Weibel. Zu sehen sind sie in diesen Tagen im ganzen Kanton, sie fliegen auch mitten über die Altstadt. Schaffhausen ist aber nicht nur ein Wegpunkt auf der imaginären Flugkarte der Kraniche. Ab und zu legen sie hier auch eine Rast ein, etwa auf abgeernteten Maisfeldern. Ihnen nahezukommen, ist aber fast nicht möglich. «Sie sind sehr scheu», sagt Roost. «Ihre Fluchtdistanz liegt bei etwa 400 bis 500 Metern.»

Der Kranich ist nicht nur aus ornithologischer Sicht interessant – der majestätische Vogel besitzt in vielen Kulturen eine wichtige symbolische Funktion.

In Japan sagt man, wer 1000 Origami-Kraniche faltet, der hat bei den Göttern einen Wunsch frei.

In China haben die grazilen Bewegungen des Schneekranichs Eingang in den Kampfsport Kung Fu gefunden. In Schaffhausen wiederum ist immerhin ein Haus in der Altstadt (Vordergasse 84) nach ihm benannt.

Kranich-Tourismus

In Osteuropa ist der Kranich zu einem wichtigen Faktor für den Tourismus geworden. «Es ist ein Spektakel, wenn sich die Tiere an ihren Schlafplätzen besammeln», sagt Roost.

Wo Tausende Menschen auf Tausende Kraniche treffen, kann es allerdings Probleme geben. So am deutschen Stausee Kelbra, rund 90 Kilometer westlich von Leipzig. In diesem Vogelschutzgebiet von europäischer Bedeutung finden sich täglich bis zu 9000 Kraniche ein. Wie die «Thüringer Allgemeine» berichtet hat, wird ein Besucherzentrum für Kranichtouristen aufgebaut, zudem gibt es Ranger, welche Touren anbieten.

Insgesamt geht es der europäischen ­Kranichpopulation gut. Schon seit über 50 Jahren beobachten Forscher, wie die Tiere sich ausbreiten. Brütende Kraniche gibt es mittlerweile sogar in Baden-Württemberg, bloss 45 Kilometer vom Bodensee entfernt. Dass sie auch in der Schweiz einheimisch werden könnten, ist gemäss den Ornithologen jedoch unwahrscheinlich – sie sind auf grosse Feuchtgebiete angewiesen.

Zum Schluss noch ein Tipp: Am Sonntag, 24. November, um 17 Uhr, werden in Schaffhausen die traditionellen ornithologischen Highlights vorgestellt. Aufgrund des grossen Interesses findet der Anlass nicht wie früher im Museum statt, sondern in der Rathauslaube.

 

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