Sommerserie «Vor lauter Bäumen»: Lernen, mit wenig auszukommen

Autor
Dario Muffler

In der Spielgruppe Waldzwerge im Buchthaler Wald erleben die Kinder den Wald als Spielplatz. Von Spielgruppenleiterin Susanne Fendt verlangt das hohe Aufmerksamkeit.

Eigentlich würde Susanne Fendt jetzt ein Lied anstimmen. «Das gehört zu unserem Ritual, wenn wir mit den Kindern hier in Richtung Waldsofa loslaufen», sagt sie. Zehn bis zwölf Mädchen und Buben im ­Alter von etwa drei Jahren betreut Susanne Fendt gemeinsam mit Marianne Geissmann einmal in der Woche in der Waldspielgruppe Waldzwerge. Hier auf dem Waldparkplatz am Ende der Stimmerstrasse in Schaffhausen beginnt jeweils der Spielgruppentag – und hier beginnen wir unseren Spaziergang mit den beiden Frauen. Seit 19 Jahren gibt es diese Spielgruppe bereits, und seit sieben Jahren leitet sie Susanne Fendt. Nach den Sommerferien wird sie neu von Marianne Geissmann unterstützt. «Es ist die älteste Waldspielgruppe in Schaffhausen», sagt Fendt, während wir durch den Regen auf dem Helsana-Jogging-Trail laufen. «Die Kinder können sich frei auf dem Weg bewegen», sagt sie. «Die einen rennen von Baum zu Baum, andere nehmen es gemütlicher.» Was aber für alle gilt, sind die sogenannten Wartepunkte. Dort sammelt sich die Gruppe wieder, bevor der Marsch weitergeht. «Die zweite Regel ist, dass man uns Spielgruppenleiterinnen immer sehen muss», sagt Geissmann.

Immer wieder durchzählen

Mit so kleinen Kindern durch den Wald zu laufen und dort zu spielen, fordert hohe Aufmerksamkeit von den verantwortlichen Personen. «Vor allem zu Beginn des Jahres hat man die Kinder noch genauer im Auge als sonst schon», sagt Fendt. «Eigentlich bin ich dann die ganze Zeit am Durchzählen, ob alle hier sind.» Glücklicherweise seien Kinder in diesem Alter von sich aus gerne in der Nähe einer erwachsenen Person und laufen nicht einfach weg. Nur einmal hätten sich zwei Buben vor den Spielgruppenleiterinnen versteckt. «Das waren lange Minuten, bis wir sie wieder ­gefunden hatten.»

«Ich habe nie Kopfschmerzen nach einem Spielgruppenmorgen.»

Susanne Fendt, Waldspielgruppenleiterin

Die Waldspielgruppe fordere wohl ­höhere Aufmerksamkeit der Leiterinnen als in einer gewöhnlichen Spielgruppe. Ansonsten sei es in der Natur aber entspannter – denn im Wald können sich die Kinder austoben, sind sich die beiden ­einig. «Hier können sie lachen, schreien und ‹gigele›, ohne dass sich jemand daran stört», sagt Geissmann. Auch wenn das ständige Im-Blick-Haben der Kinder vielleicht strenger sei als in einer gewöhnlichen Spielgruppe: «Ich habe nie Kopfschmerzen nach dem Spielgruppenmorgen», sagt Fendt. Hingegen brumme der Schädel gerne mal, wenn sie nach einem Arbeitstag vom Kindergarten heimgehe, in dem sie neben ihrer Tätigkeit als Spielgruppenleiterin Deutsch unterrichtet.

Inzwischen stehen wir vor der Waldhütte «Stöck». Überrascht stellen die beiden Spielgruppenleiterinnen fest, dass das Forstteam der Stadt seit dem Ferienbeginn rund um die Hütte einige Bäume gefällt hat. «Das sieht jetzt schon ganz anders aus als bisher», sagt Fendt etwas verdutzt. ­Daran müsse man sich zuerst gewöhnen. «Jetzt sind wir keine Waldspielgruppe mehr, sondern eine Lichtungsspielgruppe», scherzt sie.

Den Lehmhang hinunterrutschen

Hier in der Hütte lagert die Waldspielgruppe ihr Material. Jeder und jede hat sein Kistchen: Das von Marianne Geissmann hat die Zeichnung eines Marienkäfers als Erkennungsmerkmal darauf. Darin findet sich etwa eine kleine Säge. «Damit dürfen die Kinder auch mal an einem abgesägten Baumstamm herumwerkeln», sagt sie. Beliebt sei auch der Hammer, mit dem die Buben wie auch die Mädchen kleine ­Nägel in einen Baumstrunk neben der Feuerstelle schlagen. «Was die Kinder auch gerne machen, ist den Lehmhang hinter der Hütte hinunterzurutschen», sagt Fendt. Weniger dreckig werden die Spielgruppenteilnehmer derweil auf den Schaukeln, die zwischen grossen Baumstämmen aufgehängt sind.

In den Spielutensilien zeige sich, was die Waldspielgruppe auszeichne: «Hier lernen die Kinder, mit wenig auszukommen», sagt Fendt. «Das macht es gerade auch aus, die Waldspielgruppe zu leiten.» Zu Beginn ihrer Leitertätigkeit sei sie sich nicht sicher gewesen, ob sie tatsächlich allwettertauglich sei – denn die Waldspielgruppe findet das ganze Jahr und bei jedem Wetter draussen statt. «Aber ich habe bald gemerkt, dass es bei fast jedem Wetter schön sein kann im Wald», so Fendt. Man müsse nur richtig ­angezogen sein, ergänzt Geissmann.

Über all die Jahre habe sie den Wald stärker schätzen gelernt, sagt Fendt. «Man geht viel bewusster durch ein Waldstück.» So hat sie auch die eine oder andere Veränderung mitbekommen. Insbesondere Sturm Burglind im Januar 2018 habe zuletzt grosse Verwüstung hinterlassen. In der Folge musste die Waldspielgruppe im Januar und Februar 2018 auf ihren angestammten Platz verzichten, weil es gefährlich war wegen Bäumen, die umzustürzen drohten.

Nach einem Besuch beim Waldsofa, einem aus Ästen geformten Kreis mit Rundhölzern als Sitzplätze etwas hinter der «Stöck-Hütte», geht es zurück in Richtung Parkplatz. Inzwischen regnet es wieder stärker. «Am Dienstagmorgen, unserem Spielgruppentag, regnet es nie so lange», sagt Fendt und lacht. «Die Kinder aber stört das so oder so nicht.»

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