Das Dritte Geschlecht: Wenn Politik am Ziel vorbei geht

Autor
Ralph Denzel

Intersexualität ist auch in Schaffhausen ein Thema. Der Regierungsrat wie auch Politiker setzen sich für die Belange von Intersex-Menschen ein. Aber offenbar nicht so, wie diese es brauchen.

«Das sogenannte dritte Geschlecht ist für die meisten Intersex-Menschen ein Nebenschauplatz», sagt Daniela Tuffer. Intersex-Menschen gehe es um andere Dinge. Bild: Pixabay

Intersexualität klingt für viele Menschen im ersten Moment nach einer gewählten sexuellen Orientierung. Das stimmt so aber nicht. Es ist ein Thema, welches viele Menschen in der Schweiz beschäftigt und grosse Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen haben kann. Dahinter verbergen sich Hermaphroditen, oder im Volksmund auch Zwitter genannt. So sagt es zumindest Daniela Truffer, selbst ein «Intersex»-Mensch.

Auch in der Politik ist das Thema mittlerweile angekommen. Es wurde bereits im Schaffhauser Regierungsrat behandelt und auch der Nationalrat in Bern beschäftigte sich mit dem Thema. Es scheint, dass die Politik mittlerweile darauf reagiert – aber  offenbar nicht so, wie die Betroffenen sich das wünschen.

Hermaphrodit, Zwitter, Intersex-Mensch

Auf Bundesebene ist das Thema Intersexualität durchaus bekannt – wenn auch nicht im Fokus. So hat bereits 2012 die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin einen Leitfaden zum Umgang mit diesem Thema herausgegeben. Darin wird «Intersexualität» als «ein biologisch nicht eindeutiges Geschlecht» definiert. «Das heisst, dass die Entwicklung des chromosomalen, gonadalen und anatomischen Geschlechts atypisch verläuft und infolgedessen die geschlechtsdifferenzierenden Merkmale nicht übereinstimmend eindeutig männlich oder weiblich sind.» Eine Person kann also sowohl männliche, als auch weibliche Geschlechtsmerkmale haben. «Die Diagnose bedeutet versicherungsrechtlich ein Geburtsgebrechen, beinhaltet aber nicht, dass die betreffende Person deshalb schon medizinisch behandelt werden muss», heisst es von Seiten der Ethikkommission zu diesem Thema.

Brutale Praxis

«Nicht zwingend behandelt werden muss» ist dabei ein Satz, den viele Menschenrechtsgruppen wie zum Beispiel «Zwischengeschlecht.org» gerne unterschreiben würden, der allerdings in der Realität oft genug ignoriert wird. Seit den 1950er-Jahren sei es gang und gäbe, bei einem intersexuellen Kind einfach ein Geschlecht «festzulegen» und eine sogenannte genitalkorrigierende OP durchzuführen. So sagt Daniela Truffer von der Selbsthilfegruppe Intersex: «Die meisten Intersex-Menschen werden als Baby genitalverstümmelt. Die Behandlungen sind im seltensten Fall medizinisch notwendig.»

Ähnlich sieh es auch die UNO. Diese veröffentlichte mehrmals Rügen, in denen auch die Schweiz verpflichtet wurde «unnötige Operationen an intersexuellen Kindern zu verhindern.» Intersexuelle Kinder und Erwachsene sollten die einzigen sein, die entscheiden können, ob sie ihre Erscheinung ändern wollen oder nicht», so die UNO. «Im Falle von Kindern, wenn sie alt genug sind, solche Entscheidungen selbst zu treffen.»

Thema in der Politik

Im Nationalrat  wurde das Thema bereits 2017 von der Basler Nationalrätin Sibel Arslan eingebracht. Sie forderte vom Bundesrat einen Bericht, was die Folgen wären, wenn im Personenstandsregister Menschen die Möglichkeit eröffnet werden würde, die sich nicht in das binäre Geschlechtssystem (Frau oder Mann) einordnen lassen (wollen). 2018 wurde ihr Postulat «Drittes Geschlecht im Personenstandsregister» vom Nationalrat angenommen. 109 Parlamentarier stimmten mit «Ja», 79 mit «Nein». Unter den «Ja»-Stimmen waren auch die beiden Schaffhauser Nationalräte Thomas Hurter (SVP) und Martina Munz (SP).

«Es ist wichtig, dass man auf das Problem von Intersexualität aufmerksam macht», erklärt Martina Munz ihre «Ja»-Stimme zu dem Postulat. «Zurzeit gibt es keine Möglichkeit, im Zivilstandsregister das dritte Geschlecht einzutragen. Das wäre für die betroffenen Personen, vor allem auch für Kinder sehr wichtig. Zudem unterstütze ich die vereinfachte Änderung des Geschlechtseintrages im Zivilstandsregister.» Gleichzeitig warnt sie allerdings auch, dass man dem Thema nicht zu viel Gewicht geben dürfte. «Solche Menschen sehen sich schon oft genug Problemen gegenüber, die sie ausgrenzen. Sie dürfen nicht unerwünschte in die Öffentlichkeit gezerrt werden.»

Auch der Schaffhauser Nationalrat Thomas Hurter (SVP) hat sich damals für das Postulat ausgesprochen – als einer der einzigen in seiner Partei, in der es neben seiner «Ja»-Stimme nur noch eine Enthaltung und sonst nur «Nein»-Stimmen gab.

«Das dritte Geschlecht ist ein Nebenschauplatz»

Das einzige Problem an der Sache ist laut Daniela Truffer folgendes: «Das sogenannte dritte Geschlecht ist für die meisten Intersex-Menschen ein Nebenschauplatz. Die meisten von uns leben als Männer oder Frauen. Das sogenannte dritte Geschlecht interessiert vielleicht einen Bruchteil von uns.» Viel wichtiger sei es, dass «endlich die wirklichen Interessen von Intersex-Menschen beachtet werden». Dazu gehöre auch, dass keine unnötigen Genitaloperationen mehr vorgenommen werden sollten. «Solche Eingriffe schädigen und traumatisieren Menschen für ein Leben lang.» Viele Organisationen der LGBT-Szene, wollen sich für die Belange von intersexuellen Menschen einsetzen. Dort wurde auch oft die Einführung eines dritten Geschlechtes sehr begrüsst. Daniela Truffler sagt dazu jedoch: «Meistens sind es transgender Menschen, die dieses dritte Geschlecht in Anspruch nehmen wollen. Die grosse Mehrheit von uns hat damit aber nichts am Hut.»

Auch Regierungsrat hat sich damit beschäftigt

So geht auch der Vorstoss des Regierungsrates Schaffhausen vom letzten September für sie eher an der Sache vorbei: Dieser stimmte damals der «vorgeschlagenen Vereinfachung der rechtlichen Anerkennung der Geschlechtsänderung» zu. In einer Stellungnahme der Staatskanzlei hiess es dort: «Mit dieser Reform wird sowohl Transmenschen als auch Menschen mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung die Änderung ihres Geschlechts und ihres Vornamens im Personenstandsregister erleichtert.»

Wirklich eine Erleichterung im Leben bringt das intersexuellen Menschen aber offenbar nicht. Vor allem schwierig findet Daniela Truffer, dass inter- und transsexuelle Menschen in einen Topf geworfen werden. Ihrer Meinung nach «vereinnahmt die LGBT-Community Intersex-Menschen für ihre Agenda.» Sie wiederholt nochmal: «Ein drittes Geschlecht ist uns nicht wichtig – wir wollen, dass in Zukunft Intersex-Kinder unversehrt aufwachsen können.»

Von den LGBT Organisationen Queerdom oder AnderSH war niemand für eine Stellungnahme zu diesen Äusserungen erreichbar.

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