Im Kampf gegen den Krebs ist es nie zu früh

Autor
Martin Edlin

Vorsorgen besser als heilen? An den Tumortagen, die das Kantonsspital Winterthur mit den Spitälern Schaffhausen durchführte, gingen wir dieser Frage am Beispiel des Lungenkrebses nach.

Hightechmedizin im Kampf gegen den Krebs: Bestrahlung eines Patienten mit dem Linearbeschleuniger. Bild: KWS/Marcus Gyger

Die Heilungsrate bei Krebs nimmt jährlich um rund ein Prozent zu. Und langes Überleben auch ohne Heilung, aber bei stark verbesserter Lebensqualität wird immer häufiger. Zu verdanken ist dies den enormen diagnostischen und therapeutischen Fortschritten bei der Erkennung und der Bekämpfung von Tumoren. Das ist die gute Nachricht, die Urs R. Meier, Chefarzt Radio-Onkologie am Kantonsspital Winterthur, den 160 Teilnehmenden (Betroffene, Angehörige und interessierte Laien) an den diesjährigen, bereits zum zwölften Mal durchgeführten Tumortagen mitgeben konnte. Allerdings: Bei der Prävention seien die Fortschritte gering. Das liege quasi in der Natur dieser Erkrankung, erläuterte uns Urs Meier: Weshalb eine gesunde Zelle plötzlich zur Krebszelle wird, sich also unkontrolliert vermehrt, ist noch weitgehend unbekannt. Und doch: Gerade beim Lungenkrebs sind die Risikofaktoren bekannt, etwa der Tabakkonsum oder die Luftbelastung durch Feinstaub. «Gegen das Rauchen könnten und müssten wir in der Schweiz, verglichen mit vielen anderen Staaten, wesentlich mehr tun», ist Meier überzeugt. In der Schweiz raucht noch immer ein Viertel der Bevölkerung, bei den Frauen nimmt der Tabakkonsum sogar wieder leicht zu, womit unser Land etwa gegenüber Brasilien (8,7 Prozent Raucher), Portugal (16,8 Prozent) oder Italien (19,7 Prozent) ziemlich am Ende der Rangliste liegt.

Sinn ist der Unsinn, den man lässt

Trotzdem «steht die Prävention nicht so oft im Vordergrund», stellte Markus Schneemann, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin der Spitäler Schaffhausen, in seinem Referat fest, mit dem die Tumortage Winterthur 2019 eröffnet wurden. Natürlich steht auch für ihn die Reduktion des Tabakkonsums im Vordergrund, übrigens nicht nur mit Blick auf den Lungentumor, sondern ebenso bezüglich Krebsrisiko in den Bereichen Hals, Nasen und Ohren, Bauchspeicheldrüse, Niere, Blase und Gebärmutterhals. Darüber hinaus ist Schneemann aber die gesunde Ernährung (Gemüse und Früchte, wenig Alkohol, wenig Fleisch), das Vermeiden von Übergewicht und genügend Bewegung («täglich mindestens 30 Minuten schnelles Spazieren»), ja allgemein die «gesunde Lebensführung» zentral, zu deren «entscheidenden Grundbedingungen die Lust zu leben, keine Depressionen und Resilienz, also die seelische Kraft» gehören und die sich auf Odo Marquards Aphorismus herunterbrechen lässt: «Der Sinn – und dieser Satz steht fest – ist stets der Unsinn, den man lässt.»

Gefahr der Überdiagnose

Heikler wird es bezüglich Vorsorgeuntersuchungen beim Lungenkrebs – bei Männern zweit-, bei Frauen dritthäufigster bösartiger Tumor, an dem in der Schweiz jährlich 3300 Menschen erkranken. Zwar ist die Früherkennung entscheidend, wenn es um den Erfolg beziehungsweise um die Möglichkeit einer therapeutischen Massnahme (Operation, Bestrahlung, Chemotherapie) geht. Nur: Im frühen Stadium ­treten beim Lungenkrebs meist keine Symptome auf, und eine flächendeckende Vorsorgeuntersuchung, die mit erheblichen Risiken – Untersuchung von entnommenem Gewebe, Strahlenbelastung – und hohen Kosten verbunden ist, gilt als nicht sinnvoll. Es droht die Überdiagnose: Man müsste 320 Menschen untersuchen, um einen einzigen Lungenkrebstoten zu vermeiden.

«Für Tumor­vermeidung zahlen die Krankenkassen nichts, jeder muss selbst wissen, was ihm seine Gesundheit wert ist.»

Stefan Seidel, Chefarzt Radiologie , Spitäler Schaffhausen

Aber wenn die Diagnose feststeht: In einem der 26 an den Winterthurer Tumortagen angebotenen Workshops gab es eine Übersicht: «Alles zu Lungenkrebs von der Diagnose bis zur Therapie», mit den Winterthurer Fachärzten Macé Schuurmans, Adrian Zahnder, Urs Meier und Miklos Pless, Letztere zwei auch Leiter der Tumortage. Ein Workshop zur Prävention von Lungenkrebs mit Yvonne Nussbaumer, Leitende Ärztin für Pneumologie bei den Spitälern Schaffhausen, mit der Frage, was ein Rauchstopp bei schon vorhandenem Krebs bringe, fand dagegen wegen mangelnder Beteiligung gar nicht statt. «Das deckt sich mit meiner Erfahrung, dass die Scheu, sich vorbeugend mit dem Lungenkrebs auseinanderzusetzen, besonders gross ist», sagte Urs Meier, nach dem Grund für das mangelnde Interesse gefragt.

«Doch, Prophylaxe ist wichtig … wenn sie nützt», sagte Stefan Seidel, Chefarzt ­Radiologie und Nuklearmedizin bei den Spitälern Schaffhausen. «Aber für die Tumorvermeidung zahlen die Krankenkassen eben nichts, jeder muss selbst wissen, was ihm seine Gesundheit wert ist.» Und welche Rolle spielen die Fortschritte bei der medizinischen Krebsbehandlung? Nimmt die Risikobereitschaft zu, wenn die High­techmedizin auch dort Heilung oder Linderung in Aussicht stellt, wo vor zwanzig Jahren die Krebsdiagnose noch einem Todesurteil gleichgestellt war? «Ganz auszuschliessen ist das nicht», meint Stefan Seidel.

Weniger Internet-Selbstdiagnosen

«Es braucht immer mehr mündige Patienten, die selbst Entscheidungen fällen können», sagte Professor Miklos Pless, Leiter des Tumorzentrums am Kantonsspital Winterthur, bei der Eröffnung der diesjährigen Tumortage. Diese wollen durch «für jedermann verständliche Information» zu solcher Mündigkeit – die Vorsorge gehört sicher dazu – beitragen.

Ist der Patient nicht längst dank Internet bestens informiert und kommt bereits mit der selbst gestellten Diagnose zum Arzt? Chefarzt Urs Meiers Antwort überrascht: «Seit zwei Jahren erlebe ich immer weniger oft, dass Patienten mit der wohl auch noch auf der falschen Website eruierten Selbstdiagnose und allen möglichen Therapievorschlägen kommen. Man wünscht wieder Informationen aus erster und sicherer Hand.»

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