«Noch am Telefon kamen mir die Tränen, und andere haben gleich mitgeheult»

Autor
Maria Gerhard

Vor etwa vier Wochen wurde das Nationale Organspenderegister online geschaltet. Gut findet das der Schaffhauser Beat Gretener. Er selbst war zweimal auf eine Spende angewiesen.

Dank zweier Nierentransplantationen kann Beat Gretener das Leben geniessen. Bild: Michael Kessler

Beat Gretener feiert zweimal im Jahr Geburtstag: an dem Tag, an dem er geboren wurde, und an dem, an dem er seine zweite Niere gespendet bekommen hat. Das war vor 14 Jahren. Die Spenderin war seine Schwester. Dass ihr Spenderorgan mit dem Empfänger, also ihrem Bruder, kompatibel war, war ein grosses Glück. «Sogar die Ärzte haben gestaunt. Ein ‹Full House› haben sie es damals genannt», sagt er. Seiner Schwester sei er ewig dankbar. «Das ist nicht selbstverständlich, auch wenn man verwandt ist.» Der Schaffhauser weiss: Hätte sie nicht gespendet, hätte er sich wohl auf eine lange Wartezeit einstellen müssen. Denn laut der Nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation (Swisstransplant) wartet man im Durchschnitt mehr als drei Jahre auf eine neue Niere. Damit generell mehr Organe gespendet werden, wurde vor etwa vier Wochen das Nationale Organspende-register online geschaltet. Damit bietet sich die Möglichkeit – neben der Organspendekarte –, auch auf einer Datenbank festzuhalten, ob man nach dem Tod spenden möchte. Der Eintrag ist freiwillig und kann jederzeit geändert werden. Rund 37 000 Menschen haben sich schon angemeldet, 270 aus dem Kanton Schaffhausen. Gretener findet das beeindruckend.

Der 65-Jährige ist in Schaffhausen bekannt, er hat den gleichnamigen Blumenladen am Fronwagplatz aufgebaut. Pflanzen spielen auch heute, nachdem er sich vor drei Jahren aus dem aktiven Geschäftsleben zurückgezogen hat, für ihn eine grosse Rolle. Auf seinem Balkon, von dem aus man den Rhein sehen kann, fühlt man sich ob der grünen Fülle wie im Dschungel. Gretener war gerade 31 Jahre alt, als bei ihm von heute auf morgen die Nieren versagten. «Das war ein Schock», sagt er, «ich stand doch im vollen Saft, hatte viel Arbeit – und dann das.» Er musste ins Schaffhauser Kantonsspital, seine Geschäfte hat er vom Bett aus dirigiert: das Laken übersät mit Papieren und das Telefon in der Hand. Zuweilen mussten die Pfleger ihn auf den Gang hinausschieben, damit die anderen Patienten nicht gestört wurden. Gretener war und ist ein echtes Energiebündel.

Über die Jahre hinweg kam ihm das oft zugute. Denn auch wenn ihn heute wieder einmal spontan ein Infekt quält, lässt er sich nicht unterkriegen. Wird nämlich eine neue Niere eingesetzt, muss der Empfänger Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems einnehmen. Nur so ist gewährleistet, dass die neue Niere nicht als fremdes Gewebe erkannt und abgestossen wird. Das führt aber auch dazu, dass es Krankheitserreger bei diesen Menschen einfacher haben.

«Aber man macht halt einfach weiter und lernt mit solchen Situationen umzugehen.» Als Gretener auf seine erste Spenderniere wartete, wurde sein Blut über eine Bauchfelldialyse gereinigt. Alle zwei bis drei Tage musste er dafür ins Spital. «Das war immer eine Tortur. Und dann liegst du da rum …», sagt Gretener und findet für die Situation... ...keine Worte. Dafür rollt er energisch die Augen gen Himmel. Trotzdem hat er eine Reise in die USA gemacht und den ganzen «Dialyseplunder», wie er sagt, einfach mitgenommen. «Es geht alles, wenn man nur will!», sagt er. Gretener kommt manchmal ein wenig zu auffallend cool rüber. Aber das ist wohl seine Art, damit umzugehen.

Wie sehr ihn die Situation belastet hat, zeigt dieses Erlebnis: Gretener musste auf seine erste Niere über 3,5 Jahre warten. Als er die Nachricht per Telefon bekam, dass er ein neues Organ bekomme, war er bei einem ProCity-Anlass. «Noch am Telefon kamen mir die Tränen, und andere haben gleich mitgeheult.» Die Niere hat letztlich zwölf Jahre ihren Dienst getan, bis sie schliesslich ersetzt werden musste. Und da kam Greteners Schwester ins Spiel. Eigentlich hatte sie sich schon ganz am Anfang als Spenderin zur Verfügung stellen wollen. «Aber ihre Kinder waren noch klein, und in dieser Situation wollte ich das nicht», sagt Gretener. Seine Schwester könne heute mit ihrer verbleibenden Niere gut leben.

Gretener und seine Lebensgefährtin haben einen Spenderausweis im Portemonnaie, für den Fall der Fälle. «Auch wenn ich davon ausgehe, dass in mir nicht mehr viel ist, was sich als Spende eignen würde», sagt Gretener und lacht. Aber es sei wichtig, dass man sich mit dem Thema Organspende wenigstens einmal im Leben intensiv auseinandersetze. Schliesslich gehe es darum, Leben zu retten. «Vor allem ist es wichtig, dass man mit seinen Angehörigen spricht und seine Wünsche diesbezüglich äussert.»

Die Angehörigen sind verunsichert

Urs Denzler, ärztlicher Leiter der Intensivstation und Lokalkoordinator im Organspendewesen bei den Spitälern Schaffhausen, stimmt dem zu. Für ihn ist etwa das Nationale Organspenderegister lediglich eine weitere Möglichkeit, seine Meinung zu deponieren. «Wenn wir aber alle mit unseren Angehörigen öfters über dieses Thema sprechen würden, brauchten wir kein Register und kein Kärtchen», sagt er. Dann wären die Angehörigen auch nicht überrascht, dass derjenige bereits eine Organspendekarte ausgefüllt hat. Es komme immer wieder vor, dass die Angehörigen eine Spende ablehnen würden, obwohl sie dem Sterbenden einen Spendewunsch grundsätzlich schon zugestehen würden. «Das will ich nicht, ich kann das nicht entscheiden!», heisst es dann. «Und entgegen dem Willen der Angehörigen machen wir das auch nicht», sagt Denzler.

Die Entnahme von Organen sowie auch das Implantieren werden nicht in Schaffhausen durchgeführt. Die Genehmigung dazu haben in der Schweiz die fünf Universitätsspitäler (Genf, Lausanne, Bern, Basel und Zürich) sowie das Kantonsspital St. Gallen. Denzler und sein Team in Schaffhausen haben die Aufgabe, potenzielle Spender zu erkennen und die Angehörigen zu informieren sowie zu betreuen. «Natürlich ist das oberste Ziel, einen Patienten am Leben zu erhalten», sagt Denzler, «aber es kann eine Situation eintreten, wo die Medizin nichts mehr ausrichten kann.» Das müsse man den Angehörigen kommunizieren und sie nach den Wünschen des Patienten fragen.

Tritt der Hirntod ein und kommt eine Organspende infrage, müssen rechtzeitig Massnahmen getroffen werden, damit die Organe keinen Schaden nehmen, da sie gewisse Anforderungen erfüllen müssen.

Für einen Empfänger könne das Ausharren, bis er ein neues Organ bekomme, durchaus zermürbend sein, bestätigt der Arzt. Er berichtet, was er von Patienten gehört hat: «Man lebt mit der Angst, dass man stirbt, bevor ein Spender gefunden werden kann.» Und gleichzeitig können Schuldgefühle hochkommen: «Weil man letztlich auf den Tod eines Menschen wartet.»

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