Hard Rock ganz sanft für die Ü-40-Generation

Autor
Zeno Geisseler

Gotthard sollten sich von IWC sponsern lassen. Ihre Musik ist wie eine Schweizer Uhr: fehlerlos, zuverlässig, solid und mehrheitstauglich. Und langweilig?

Na-nana-naa: Gotthard. Bild: Selwyn Hoffmann

«Begeistert.» Kein Wort taucht in SN-Musikberichten häufiger auf. Das Chör­­li x «begeistert». Das Geigenensemble y «begeistert». Der Handorgelverein z «begeistert». Und Gotthard? Kann man von Begeisterung reden, wenn die Leute gemütlich tratschen, Bier holen, Whats­App versenden und vielleicht mal kurz mitklatschen?

Gut, man muss fair bleiben. Ein Grossteil des Publikums, das gestern Abend auf den Herrenacker strömte, war nicht wegen Gotthard da. Sondern wegen Nightwish, die nach Gotthard dran kamen. Zahlreiche Nightwish-T-Shirts, ausgewaschen, sich über Bäuche spannend, zeugten davon. Selbst der Typ mit dem «Iron Maiden»-Tribute-Shirt war wohl eher wegen Nightwish gekommen. Hauptsache, Metal. Und Gotthard hatten erst noch den Nachteil, dass sie bei hellem Licht zu spielen begannen, um zwanzig Uhr. Hard Rock bei Tageslicht? Passt wie Kokain in der Kinderkrippe.

Erst Ende März hatten Gotthard die ausverkaufte Kammgarn zum Kochen gebracht. Nicht als Vorgruppe. Als Main Act. Für die eingefleischten Fans. Die nicht nur «Heaven» kennen. Gestern Abend war das Publikum gemischter, weniger interessiert. Gotthard hatten die zweifelhafte Ehre, als Hintergrundrauschen fürs Networking zu dienen. In der VIP-Lounge oben rauchten sie im AMAG-Corner Patoro-Zigarren. Sozialdemokratische Politiker waren nie weit von der Schaumwein-Hostesse entfernt.

Gotthard eröffneten mit «Miss Me», wie fast alle Lieder unplugged. Leider war die Deko auf dem Herrenacker nie so toll wie im Video: Auf der «Stars»-Bühne war die ganze Zeit ein «G» neben dem Matterhorn zu sehen, im «Miss Me»-Video gibt es eine Frau im Bikini mit Boa constrictor, von Flammen umzüngelt. Später ist sie ohne Oberteil zu sehen. Die Frau, nicht die Schlange.

Gotthard versuchten, mit Witzen einen Link zum Publikum zu schaffen. Übersetzten «Rock and Roll» mit «Steine rollen» oder so was. «Die meinen wohl Stein am Rhein», sagte ein Besucher trocken. Highlights gab es doch noch. Etwa als sie «Hush» spielten («Na-nana-naa»), aber das ist nicht von ihnen. Und bei «Sweet Little Rock ’n’ Roller» hatte man ein paar Quickie-Minuten lang das Gefühl, dass es bei Hard Rock eben doch nicht um eine Homestory in der «Schweizer Illustrierten» geht, sondern um Sex. Verglichen mit dem gleichnamigen Titel von Chuck Berry ist der Song aber immer noch ein Coitus interruptus.

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