Kommt jetzt der Kastrationszwang für Katzen?

Autor
Alexa Scherrer

(Mi)Au! Den freilaufenden Büsis soll es an den Kragen gehen - eine Petition fordert die Kastrationspflicht. Das Katzenhaus hat unterschrieben - Kantonstierarzt und Landwirte sind skeptisch.

Katzenkastration - frewilliger oder auferlegter Eingriff? Bild: Selwyn Hoffmann

Es wäre eine einschneidende Entscheidung, die sich auf die Schweizer Katzen mit Auslauf auswirken würde. Sind die Samtpfoten Freigänger statt Stubentiger, sollen sie kastriert werden - zumindest wenn es nach Schweizer Tierschützern geht. Wie der Blick schreibt, sind für die Petition von 125 Organisationen bereits über 100'000 Unterschriften zusammengekommen. Das Problem sind dabei nicht die freilaufenden Katzen an sich, sondern die wilden Populationen, die sich so bilden können. Es wird geschätzt, dass es allein in der Schweiz rund 300'000 Katzen gibt, die niemandem gehören - fast vier mal so viele wie der ganze Kanton Schaffhausen Einwohner hat. 

Solche oft verwilderten Katzen sind anfällig für Krankheiten, schlecht sozialisiert und landen sie irgendwann im Tierheim, sind sie praktisch unvermittelbar. Dem will die Petition entgegenwirken und somit auch unerwünschten Katzennachwuchs schützen. Denn junge Büsis sind zwar herzig, werden sie aber zum Störfaktor, werden sie einfach entsorgt. Gegen 100'000 unerwünschte Katzen werden jedes Jahr getötet - und das meist nicht auf humane Art und Weise. Auch in Bundesbern rennt die Petition teilweise offene Türen ein. 39 Stände- und Nationalräte haben unterschrieben. 

Privatpersonen als Problemherd

Auch beim Katzenhaus in Neuhausen hat man fleissig unterschrieben. «Wir bekommen pro Jahr 150 bis 300 Katzen, wovon die meisten halbwilde Tiere sind, die sich draussen unkontrolliert vermehren», sagt die stellvertretende Leiterin des Katzenhauses Linda Strack. Man müsse diese Tiere einfangen, weil sie störten oder Schäden anrichteten, die Gärten verschmutzten und mit anderen Katzen kämpften. Gerade unkastrierte Kater seien extrem streitsüchtig und beanspruchten auch ein grösseres Revier. «Solche Tiere werden im Heim meistens nicht zahm», so Strack. Das sei auch für die Tiere eine unbefriedigende Situation. «Sie sind unglücklich, weil sie ihrer Freiheit beraubt wurden, sind gestresst und werden dadurch auch öfter krank. Das verursacht Zusatzkosten.» 

Doch was, wenn alle Katzen kastriert wären? Gäbe es dann nur noch hochgezüchtete Wohnungskatzen? «Ich habe keine Angst, dass es bald keine Katzen mehr geben würde», sagt Strack. Abgesehen davon würde man sowieso nicht alle Tiere erwischen - und auch nicht alle Tierhalter würden sich an die neue Vorschrift halten. 

Genau da liegt die Krux: Wer kontrolliert wie, ob und dass alle Freigänger kastriert werden? Bei Zweiterem denkt Strack an Kantonstierärzte, die bei ihren Einsätzen etwa regelmässig auf Bauernhöfen unterwegs seien. Den Landwirten allerdings windet sie ein Kränzchen: «Hier ist ein Wandel passiert in den vergangenen Jahren. Sehr viele Bauern kommen auf das Katzenhaus zu, wenn sie Hilfe mit Populationen auf dem Hof brauchen. Zusammen mit der Susy Utzinger Stiftung übernehmen wir dann die Kosten», so Strack. Probleme gebe es dagegen vermehrt mit Privatpersonen, die unkastrierte Katzen zurückliessen oder wilde Katzen anfütterten. Vor zwei Jahren etwa habe es einen entsprechenden Fall in der Stadt gegeben, in dem innert kurzer Zeit plötzlich 15 verwilderte Katzen durchs Quartier streunten. 

«Unheimlicher Aufwand für Tierärzte»

Kantonstierarzt Peter Uehlinger kennt das Problem der wilden Kolonien. «Hantierte früher ein Bauer mit dem Milchgeschirr, kamen aus allen Löchern Katzen daher, das war auf fast jedem Hof so», erinnert er sich. Mittlerweile habe man das zurückdrängen können, was einerseits dem Katzenhaus und dem Tierschutz zu verdanken sei, andererseits auch dem Sinneswandel der Landwirte. Auch Uehlinger findet: «Unkontrollierte Vermehrung ist nicht in Ordnung, dagegen muss man etwas unternehmen.» Dennoch ist er gegen das Anliegen der Petition. Die Idee sei zwar gut gemeint, löse aber das eigentliche Problem nicht. Die jetzige Handhabe im Tierschutzgesetz, die vorschreibt, dass ein Halter dazu verpflichtet ist, die unkontrollierte Vermehrung seiner Tiere zu verhindern, genügt Uehlinger deswegen. Die problematischen Fälle erreiche man auch mit der neuen Weisung nicht - denn wer ist haftbar für Katzen, die gar niemandem gehören? «Das führt nur zu einem unheimlichen Aufwand bei den Tierärzten und bringt am Schluss doch nichts.»

Die Katze als Nutztier

Christoph Graf, der Präsident des Schaffhauser Bauernverbands, bestätigt, dass das Problem bei den Schaffhauser Landwirten kleiner wurde. Ein Verbandsthema seien wilde Katzenkolonien oder Kastrationsthemen nicht. Man mische sich als Verband nicht ein, stehe aber beratend zur Seite wenn ein Landwirt mit einem entsprechenden Problem an den Vorstand herantrete. Graf findet es sinnvoll, einen Teil der Katzen zu kastrieren, ein Zwang oder ein auferlegtes Gesetz sei aber oft kontraproduktiv. Und auch die Kontrolle gibt ihm zu denken: «Man kann ja einfach sagen, dass einem die Katze nicht gehört.»

Generell ist für Graf ein Bauernbetrieb ohne Katze aber unvorstellbar, denn die Tiere sind nicht nur zum Streicheln da, sondern haben auch einen Nutzen. «Wir hatten mal eine Zeit lang nur noch eine Katze und die ging nicht gerne auf Mäusejagd. Wir hatten innert kürzester Zeit eine grosse Mäusepopulation im Futterlager», erinnert er sich. 

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