«Schwarz und Weiss ist nie richtig»

Autor
Eva Kunz

Sollen die Hausaufgaben abgeschafft werden? Peter Pfeiffer, Leiter der kantonalen Abteilung für Schulentwicklung, plädiert für eine differenzierte Betrachtungsweise.

Peter Pfeiffer berät Schulen und Schulbehörden in der Umsetzung von neuen Modellen. Bild: Selwyn Hoffmann

Vor zwei Wochen hat der Stadtschulrat seine Legislaturziele 2017 bis 2020 vorgestellt. Eines der Ziele betrifft die Hausaufgaben, welche vermehrt in den Schulunterricht integriert werden sollen. In der Bevölkerung hat das zu Diskussionen geführt. Wir haben dazu Peter Pfeiffer befragt, Leiter der Abteilung für Schulentwicklung und Aufsicht des Kantons Schaffhausen.

Herr Pfeiffer, in einem Empfehlungs­schreiben an Schulen bezeichneten Sie Hausaufgaben als Belastungsfaktor. ­Weshalb?

Peter Pfeiffer: Vor einiger Zeit diskutierte der Erziehungsrat die Problematik «Belastung der Beteiligten im Schulumfeld». In einer Arbeitsgruppe mit allen Beteiligten – Eltern, Schüler, Lehrpersonen, Schulbehörden und weitere – analysierten wir, wo der Schuh drückt. Ein Teil davon waren tatsächlich die Hausaufgaben, die von verschiedenen Beteiligten als Problem wahrgenommen wurden. Das Thema war die Dauer der Hausaufgaben, die Art und Weise und auch die Chancengerechtigkeit.

Sollen deshalb Hausaufgaben abgeschafft werden?

Das ist eben genau das, was ich problematisch finde. Wenn es am Schluss einfach heisst: «Sollen wir die Hausaufgaben abschaffen, ja oder nein?», greift das zu kurz. Dogmatisch sein darf man nie in der Bildung. Schwarz und Weiss ist nie richtig, es gibt auch Grautöne.

Bei einer Umsetzung des Legislaturziels des Stadtschulrats, «Arbeitsort Schule», ­sollen auch die Lehrer entlastet werden. Ist das nicht ein Trugschluss?

Viele Schulen, die klassische Hausaufgaben in den Unterricht integriert haben, merken in der Tat eine deutliche Entlastung. Viele Lehrer sagen, ihnen sei es wohler. Eine Entlastung erreicht ein Lehrer aber nicht einfach, indem er keine Hausaufgaben mehr gibt. Vielmehr ist es ein Gesamtkonzept, das stimmen muss. Dieses kann aber bei jeder Schule wieder anders aussehen.

Es gibt auch kritische Stimmen zum Thema Integration von Hausaufgaben in den Schulunterricht.

Schulen stehen vor Veränderungen und Herausforderungen, das ist ein Fakt. Wenn jemand sagt, vor 30 Jahren war alles besser, und sich fragt, wieso ein altes Konzept auf den Kopf gestellt wird, das doch immer funktioniert hat, dann muss ich sagen: Ich gehe auch nicht zu einem Arzt, der ausschliesslich wie vor 30 Jahren arbeitet. Die Schule hat mit anderen Voraussetzungen in einer veränderten Gesellschaft umzugehen. Entweder man macht die Türe zu und sagt, das interessiert mich alles nicht. Dann wird man als Schule wohl mit massivem Widerstand konfrontiert. Oder man kann die Herausforderung annehmen und sagen, die Gesellschaft hat sich verändert, wie gehe ich als Schule am besten damit um? Die Integration von Hausaufgaben in den Schulunterricht kann dabei ein Lösungsansatz von vielen sein.

Aber was ist mit den Eltern? Werden diese nicht ausgeschaltet, wenn alles nur noch in der Schule stattfindet?

Wenn ich in Schulen beraten gehe, ist das sicher ein grosses Thema. Eltern haben heute einen erhöhten Informationsbedarf und wollen wissen, woran die Kinder in der Schule sind. Für mich ist sonnenklar, dass die Eltern Rechte und Pflichten haben. Es sind schon Eltern zu mir gekommen und haben geklagt, dass sie nicht mehr wüssten, was beim Kind aktuell in der Schule läuft. Dann sage ich: Gehen Sie doch fragen. Die Schwelle soll möglichst tief sein. Eine transparente Kommunikation ist eine Gelingensbedingung. Wenn man als Schule den Informationshunger der Eltern wahrnimmt, sie informiert und ihnen erklärt, warum nun in diesem Zusammenhang die Hausaufgaben genausogut in der Schule gelöst werden können, löst das extrem viele Belastungen bei allen Beteiligten.

Inwiefern werden Schulen dabei unterstützt?

Entwicklung geht nicht ohne Be­ratung und Aufsicht. Schulen, die etwas verändern wollen, werden beratend unterstützt. Hierbei geht es im Themenfeld ­immer um Empfehlungen. Die Aussage «Morgen schaffen wir die Hausaufgaben ab» kann dabei nicht das Ziel sein. Wir ­fokussieren uns längst nicht nur auf das Legislaturziel des Stadtschulrats, «Arbeitsort Schule».

Sind schon Schulen auf Sie zugekommen?

Ja. Es fragten uns Teams an, die sich aus verschiedenen Gründen weiterentwickeln wollten. Ein Beispiel ist die Schule Randental in Schleitheim. Sie arbeitet mit Lernlandschaften. In diese implementiert sind die Hausauf­gaben. Ziel ist es tatsächlich, dass die Schüler in der Regel aus dem Schulhaus hinausgehen und mit der Arbeit fertig sind.

Geht es in Lernlandschaften nicht ­chaotisch und lärmig zu und her?

Hier spielen verschiedene Fak­toren zusammen. Ist eine Lernlandschaft sorgfältig aufgebaut? Sind die Ver­haltensregeln in der Lernlandschaft geklärt? ­Haben die Schülerinnen und Schüler für Partnerarbeiten die Möglichkeit, draussen vor der Schulzimmertüre an ­Tischen zu arbeiten? Sind die Inputzimmer für die normalen Lektionen wirklich gut getrennt? Und ist der Ablauf geklärt? Wenn dies erfüllt ist, können Sie in einer Lernlandschaft sechzig Kinder haben, da hört man nichts. Sie werden aber auch in Lernlandschaften kommen, wo störend geschwatzt wird, da bin ich sicher. Wichtig ist, dass die Schüler zu einem ­bestimmten Grad lernen, Verantwortung zu übernehmen. Wenn das Konzept ­vernünftig umgesetzt wird, dann klappt das.

Führt das – gerade bei Primarschülern – nicht zu einer Überforderung?

Man weiss, dass absolut selbständiges Arbeiten Kinder von der ersten bis zur dritten Klasse überfordert. Deshalb muss der Übergang in ein selbständiges Arbeiten aufbauend sein.

Muss es denn eine Lernlandschaft sein?

Ich glaube, matchentscheidend ist, dass das Kind eine Umgebung vorfindet, in der es ihm wohl ist, in der es getragen und begleitet ist und in der es spürt, dass das Gegenüber Interesse hat. Dann kann Lernen stattfinden. Dann spielt es auch keine Rolle, ob es sich um Frontalunterricht, Partnerarbeit, Gruppenarbeit oder Lernlandschaften, eigenständige Arbeit oder Projekte handelt. Man muss die ganze Klaviatur beherrschen. Ich bin weit davon entfernt, beispielsweise den Frontalunterricht zu verbannen. Das ist einfach falsch.

Braucht es da nicht zusätzliche Ressourcen wie Arbeitskräfte, Geld und Platz?

Grundsätzlich braucht es davon nicht mehr. Mit den bestehenden Ressourcen kann man schon relativ viel machen, wenn man sie richtig einsetzt. Mehr ist immer hilfreich.

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