Klangräume als «musealer Türöffner»

Autor
Martin Edlin

Die Museumsnacht liess in Schaffhausen ganze Scharen von einem zum anderen «Musentempel» ziehen. Im Museum zu Allerheiligen landeten früher oder später aber die meisten Besucher.

Ersetzt man das letzte Wort in Friedrich Nietzsches berühmter Gedichtzeile «O Mensch! Gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht?» durch «Museumsnacht», deckt sich dies mit dem Bild der vielen Menschen, die von Samstagabend bis in die ersten Morgenstunden des Sonntags durch die Stadt zogen: Sie gaben acht, was es hinter den offenen Türen von 16 Museen, Ausstellungsräumen und Ateliers zu entdecken gab. Es seien alles «Tempel der Musen» (die etymologische Wurzel des Wortes «Museum»), sagte Stadtrat Raphaël Rohner in seiner Eigenschaft als Präsident des Fachausschusses «Kultur und Freizeit» des Vereins Agglomeration Schaffhausen bei der Eröffnung der Museumsnacht im Pfalzhof von Allerheiligen, begleitet von festlichen Klängen des Trompetenduos Hannes Debrunner und Vaclav Medik.

Musik als nonverbale Erklärerin

Viele Wege führen nicht nur nach Rom, sondern führen auch von dort weg. So etwas wie ein solches «Rom» bildete das Museum zu Allerheiligen, wo sich immer wieder neue Besucher fanden (auch zu einem Trank im Museumscafé oder, wenigstens bis es zu regnen begann und kalt wurde, im Pfalzhof) oder von dort ausschwärmten. Dieser Mittelpunkt bot sechs Stunden lang ein vielfältiges Programm unter dem Titel «Klangräume – Raumklänge»: Zu den 16 «Klanghäppchen» spielten und sangen insgesamt rund 70 Musikerinnen und Musiker des musikpädagogischen Verbandes Schaffhausen in den Räumen des Hauses, die jeweils vorgängig durch Museumskuratorinnen und -kuratoren vorgestellt wurden. Das eröffnete neue Perspektiven und zeigte zusätzliche Dimensionen nicht nur für diese zum Teil historisch-musealen Räume (etwa der aus der Spätrenaissance stammende Sittichsaal), sondern auch für Exponate der gegenwärtigen Ausstellung (etwa die Installation «Porträts» von Alexandra Meyer) auf. «Musik vermag manchmal mehr zu erklären als Worte», meinte auch Museumsdirektorin Katharina Epprecht (siehe Kasten).

Vergangenes und Neues

«In Museen kann man nicht nur einen Blick in die Vergangenheit werfen, sondern auch Neuem und Unerwartetem begegnen», hatte Rohner zum Auftakt gesagt, und das erlebte man zum Beispiel hörbar im Kreuzsaal, wo das Chorprojekt Schaffhausen unter der Leitung von Christoph Hon­egger «Trouvaillen aus drei Jahrhunderten» hörbar machte, oder im ältesten Teil des Kloster-Kreuzgangs, wo die FrauenChorFrauen von Vreni Winzeler mit geradezu gesangsakrobatischen, witzigen Liedern aufwarteten. Das musikalische Spektrum in den bespielten Räumen war ohnehin breit. Es reichte vom Cellisten Peter Marti mit seinem «Bach meets Vivaldi» und dem eigentlichen Kammermusikkonzert «Barocke Poesie im romantischen Kleid» mit Bea Kunz auf der Flöte und am Saxofon sowie Dina Abd el Razik am E-Piano über «Schaffhausen im Fluss» (im Saal mit dem grossen Moserdamm-Modell) mit Stefanie Senn am E-Piano und Bernie Ruch am Schlagzeug bis zu den grösseren Formationen im Vortragssaal (Coolbreeze – Feat», Improvisationsworkshop «Von Mixoldisch bis Kakofonisch») und Pop, Blues und Jazz durch junge Musiker. Nicht alles war immer absolut konzertreif … aber stets wurden die Klangräume zu atmosphärisch dichten Raumklängen.

Qual der Wahl

Vielleicht gehört ja zu einer Museumsnacht die Qual der Wahl: Wo will man hineinschauen und -hören? Sich im IWC-Uhrenmuseum Führungen und Präsentationen anschliessen oder im Museum Stemmler «Sang und Klang im Tierreich lauschen»? Die Fotos des Stettemer «Bildermachers» Silvio Marugg im Haus der Wirtschaft betrachten oder im Kunstraum SH Karin Wüthrichs aparte, auf Leder gemalte und dann über (ebenfalls bemalte) Leinwand und Holz gespannte Bilder bewundern? Ein Atelierbesuch beim renommierten Künstler Kurt Bruckner oder die Ausstellung in der Galerie Mera mit Werken von Richard Müller und Thierry Feuz nicht verpassen? Oder die Lesung von Ralph Dutli in der Stadtbibliothek?

«Alles bleibt anders»

Irgendwo (ach ja, im Kunstraum am Freien Platz) haben wir gelesen: «Alles bleibt anders.» Also verlassen wir die institutionellen «Musentempel» und gehen vom «Güterhof» ein paar Schritte das Rheinufer hinauf bis zu einem der über die ganz Stadt verstreuten Kunstkästen des Künstlers Markus Weiss, der sich mit seinen Holzbauten fragt, wo, wann und wie Architektur zur Kunst wird. Beim Grillplatz, wo tatsächlich und trotz Regens eine Wurst auf dem Holzkohlefeuer liegt, finden wir die Antwort: «Der öffentliche Raum ist wichtig und spannend», sagt Markus Weiss, der Bemerkungen von Passanten, «Was soll das wieder?», einfach überhört und feststellt: «Hierher kommen auch Leute, die nie ins Museum gingen.» Nun … in der Museumsnacht bleibt eben alles anders: Wir schlendern ins Museum zu Allerheiligen zurück.

Bilanz: «Wie eine grosse Familie in einem grossen Haus»

«Gut, wenn auch kurz», antwortete Katharina Epprecht, Direktorin des Museums zu Allerheiligen, auf die um Mitternacht gestellte Frage, wie sie nach dieser Museumsnacht zu schlafen hoffe. Tatsächlich: Das Unterfangen, das Museum sechs Stunden lang immer wieder in Klangräume zu verwandeln, ist – gemessen an einer rund tausend Köpfen zählenden Besucherschaft – geglückt … und hat sie selbst «sehr beglückt»: «Ich habe etwas von der Nähe der Bevölkerung zu diesem Haus gespürt. Es war wie eine grosse Familie in einem grossen Haus.» Viel dazu beigetragen habe die Form des Gemeinschaftserlebnisses. Das Wechselspiel zwischen Musik und Raum habe «die Räume wie in warme Schwingung versetzt» und ein «Grundgefühl der Geborgenheit» geschaffen.

Eine Chance für alle

Für Epprecht ist die Erkenntnis wichtig, dass den Menschen Museumsräume vertraut sind; denn «dann können sie sich auch besser darauf einlassen, was ihnen darin gezeigt wird». Das sei nicht zuletzt durch das Konzept gelungen, den zwei Dutzend «Klanghäppchen» jeweils mit einer kurzen Einführung durch das Kuratorenteam eine Brücke zwischen Raum und Klang zu schlagen, etwas, das sich sowohl beim nächsten Museumsbesuch niederschlagen könne wie auch neues Publikum gewinnen lasse. So sei die «Museumsnacht eine Chance für alle» gewesen.

 

 

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