Deutschlands modernster Zug kommt

Autor
Zeno Geisseler

Bestes Rollmaterial, guter Service, bequeme Sitze: Das alles gab es auf der Gäubahn schon mal – bis 2010, als noch der ICE auf dieser Strecke fuhr. Jetzt kehrt der Komfort zurück. Im Regionalzug.

Kann einem im Zug übel werden? Oh ja: «Seekrank im Ober­geschoss», warnte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vor einem Jahr. Es ging um die neuen Paradepferde der Deutschen Bahn, um die Intercity 2. Die Doppelstöcker mussten zurück in die Werkstatt, die Wirren um das Wanken wurden behoben.

Ob es im Intercity 2 schaukelt, konnte Reisenden aus unserer Region bislang egal sein. Die Züge verkehrten schliesslich im Norden und Osten Deutschlands. Doch das ändert sich: Ab Dezember 2017 fahren sie auch auf der Gäubahn zwischen Singen und Stuttgart und ab Dezember 2019 zudem über Schaffhausen bis nach ­Zürich.

Derzeit läuft auf der Gäubahn ein einmonatiger Testbetrieb mit dem Intercity 2, und gestern luden der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann und die Chefin der DB Fernverkehr AG, Birgit Bohle, zur Probefahrt. Eigentlich sind die Intercity 2 dazu vorgesehen, die 50 grössten deutschen Städte zu verbinden. Auf der Gäubahn aber übernehmen sie die Rolle der Regionalbahn. Zwischen Stuttgart und Singen hält der Zug 13-mal und bedient auch kleine Orte wie Ergenzingen (4100 Einwohner).

Die Ergenzinger und alle übrigen Reisenden dürfen sich über den Zug freuen, denn was der Intercity 2 bietet, hat mit den üblichen deutschen Regionalzügen (man denke an die Hochrheinstrecke) gar nichts zu tun. Die zweite Klasse ist komfortabler als in anderen Regionalzügen die erste, Einzelsitze sind Standard, Steckdosen für den Laptop auch. Für Rollstühle und Fahrräder gibt es genügend Platz, und es hat sogar ein Kinderabteil. In den WCs, zum Teil rollstuhlgerecht, gibt es Wickeltische. In der ersten Klasse sind Ledersitze in 2-1-Bestuhlung Standard, und im ganzen Zug gibt es einen Bordservice am Platz zu zivilen Preisen (Kaffee 2,50 Euro, Bier 3,20 Euro).

Die Züge verkehren immer in der gleichen Konfiguration: Hinter der Lok kommt ein Erstklasswagen mit 70 Sitzplätzen, dann drei Zweitklasswagen mit je 112 Sitzplätzen und zuletzt ein Steuerwagen mit 56 Zweitklasssitzen.

Der Intercity 2 sei eigentlich das Beste aus zwei Welten, sagte Bohle: «Breite Einstiege wie im Nahverkehr, aber ein Sitzkomfort wie im ICE, und das alles zum Nahverkehrspreis.»

Komfortabel, aber langsam

«Auch kleinere Städte erhalten nun einen IC-Anschluss», ergänzte Verkehrsminister Hermann. Der Wermutstropfen sei allerdings, dass die Verbindung durch die vielen Halte langsam sei.

Das kann man laut sagen: Der Zug braucht für die Strecke zwischen Stuttgart und Singen geschlagene 2 Stunden und 24 Minuten. Zur Erinnerung: Eigentlich hatten Deutschland und die Schweiz schon 1996 abgemacht, die Reisezeit auf 2 Stunden und 15 Minuten zu verkürzen, und zwar für die Strecke Stuttgart–Zürich. Doch während die Schweiz ihre Hausaufgaben erledigt hat, bleibt die Gäubahnstrecke das Sorgenkind. Zuständig ist Berlin. «Wir beantragen, dass der Name der Strecke geändert wird», witzelte Hermann. «Gäubahn, das hört sich an wie ein Zug, mit der die Bauern zum Markt fahren.» Dabei sei die Verbindung von internationaler Wichtigkeit. Immerhin sei der Ausbau der Bahn im «vordringlichen Bedarf», sagte Hermann, er werde von Berlin also durchaus auch als wichtig angesehen. 550 Millionen Euro soll die Verbesserung kosten. Doch bis der Ausbau kommt, werden noch mehrere Jahre vergehen.

Intercity 2: Die Eckwerte

  • Betriebsaufnahme: Dezember 2015
  • Anzahl der Züge: 27
  • Zuglänge: 135 Meter (ohne Lok)
  • Sitzplätze: Insgesamt 462, davon 70 in der 1. Klasse
  • Beinfreiheit: Wie im ICE
  • Ruhezone: In der 1. Klasse gibt es einen abgetrennten Ruhebereich
  • Verpflegung: Service am Platz mit einfachem Sortiment
  • Rollstuhltauglich: Nur der Steuerwagen. Dort kann barrierefrei ein- und ausgestiegen werden. In den anderen Wagen gibt es Treppen nach oben und unten
  • Stromverbrauch: Der Zug braucht ein Fünftel weniger Strom als seine Vorgänger

Der Intercity 2 kommt auch bei der Bevölkerung gut an:

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