«Wir haben in der Nacht alles gepackt, was irgendwie von Wert war»

Autor
Schaffhauser N…

Als der Zweite Weltkrieg bereits zu Ende war, kam vor 74 Jahren völlig unerwartet grosses Leid über die Bewohner des bisher vom Krieg mehr oder weniger verschonten Jestetter Zipfels.

Diese alte Karte - abgedruckt im Jahr 1997 im Schaffhauser Magazin - zeigt die Barriere beim Jestetter Zipfel und die Routen der «Flüchtlinge».

von Ralph Denzel und Daniel Zinser

Es ist der 15. Mai 1945. Der Zweite Weltkrieg ist mehr oder weniger zu Ende. Zwei Wochen zuvor hat sich Adolf Hitler in seinem Führerbunker in Berlin das Leben genommen, wenige Tage später Deutschland bedingungslos kapituliert. Im Jestetter Zipfel, in unmittelbarer Nähe zur Schweizer Grenze, zeigt man sich über das Kriegsende erfreut. Nichtsahnend, was für ein Leid auf die Bewohner noch zukommen sollte.

Josef Eisenlohr zitiert 1997 in einem Beitrag im «Schaffhauser Magazin» einen Tagebucheintrag des Pfarrers von Lottstetten: «Offiziell endet der Krieg heute Nacht um 12 Uhr. Es ist ein schöner Maientag, sommerlich warm. Man meint hier in unserem kleinen Ländchen, es sei nie Krieg gewesen, so friedlich liegen die Felder und Wälder in der Maiensonne. Es ist 9 Uhr abends. Eben beginnen in der Schweiz die Glocken zu läuten. Aus dem Radio hören wir die Glocken des Berner Münsters. Die Welt dankt Gott, dass der Krieg in Europa zu Ende ist.»

Die Franzosen sind 1945 bereits im April nach Jestetten gekommen, wie Eisenlohr schreibt. In Altenburg trinken sie damals im örtlichen Gasthaus Wein, schiessen ein paar Hasen und Hühner und ziehen dann wieder ab - um einige Wochen später wieder zurückzukehren. Seit einigen Tagen nun sind sie dauerhaft im Jestetter Zipfel vertreten.

Evakuation oder Deportation?

Eigentlich scheint alles soweit in Ordnung zu sein, bis zu eben diesem 15. Mai 1945: Auf Befehl des Oberbefehlshabers der ersten französischen Armee werden folgende Gemeinden um 8 Uhr morgens evakuiert: Jestetten, Altenburg und Lottstetten mit allen angegliederten Gemeinden und einzelnen Gehöften. Insgesamt sind das rund 6000 Bewohner. Wie Eisenlohr in seinem Beitrag schreibt, geben die Dorfpolizisten den Befehl am Abend zuvor gegen 19 Uhr durch Ausschellen bekannt. Versuche der Bürgermeister und einflussreichen Persönlichkeiten, die Militärs zur Rücknahme des Befehls zu veranlassen, bleiben erfolglos.

Auch Erich Danner, damals zehn Jahre alt, muss zusammen mit seinen sechs Geschwistern am 15. Mai 1945 sein Zuhause in Jestetten verlassen. Der heute 84-Jährige wohnt mittlerweile in Neuhausen und erinnert sich im Gespräch mit shn.ch noch gut an den Tag, den er rückblickend als «überaus traurig» bezeichnet.

Er ist vor 74 Jahren alleine mit seiner Mutter und seinen Geschwistern, der Vater ist noch im Krieg, irgendwo in britischer Gefangenschaft. Danner erinnert sich: «Wir haben in der Nacht alles gepackt, was irgendwie von Wert war, und in zwei Handkarren verstaut. Pferde hatten wir damals ja keine mehr, die waren ja alle an die Front gebracht worden.»

Im Kanton Schaffhausen wird das Geschehen in der Grenzregion beobachtet. So schreiben die «Schaffhauser Nachrichten» am 16. Mai 1945: «Die deutsche Zivilbevölkerung hat am Montagabend von den französischen Besatzungsbehörden die Weisung erhalten, bis gestern Dienstagabend 22 Uhr das ganze Gebiet zu verlassen und sich als erster Marschetappe in die Gegend von Tiengen zu begeben.» Der Befehl spricht laut Eisenlohr von Evakuierung, doch dieser Ausdruck habe das Geschehen verharmlost. Schweizer Zeitungen aus jenen Tagen nennen die Vorgänge im Jestetter Zipfel Zwangsräumung, Aussiedlung, Bevölkerungsverschiebung oder Deportation.

Viele Gerüchte und Fragen zum Grund 

Der Grund für die Evakuierung? Laut den «Schaffhauser Nachrichten» ist von französischer Seite angegeben worden, «dass die deutsche Bevölkerung die tolerante Haltung der Franzosen missbrauchte». So habe die Bevölkerung «trotz mehrfacher Aufforderungen und Hausdurchsuchungen […] unerwünschte Elemente versteckt und beschützt». Die SN schreiben weiter, dass die Besatzungstruppen in den vergangenen Tagen zahlreiche versteckte Deutsche aufgestöbert hätten, die sich nicht legitimieren konnten. 50 bis 60 männliche Personen seien verhaftet worden, darunter ein SS-Major in Zivil. Zur Strafe für ihr illoyales Verhalten sei gegenüber der Bevölkerung die Zwangsevakuierung angeordnet worden.

Diese Meldung stellt sich später als falsch heraus. Wie die «Schaffhauser Arbeiterzeitung» am 19. Mai schreibt, seien es militärische Erfordernisse, die diese Massnahme nötig gemacht hätten, die unübersichtliche und lange Grenze spiele eine Rolle. Diese Erklärung findet sich wenige Wochen später auch in den «Schaffhauser Nachrichten». Der Stabschef der 14. französischen Division habe erklärt, die Räumung des Jestetter Zipfels und der Orte Wiechs und Gailingen -diese Evakuation hat 14 Tage später stattgefunden - sei zur Vereinfachung der Grenzüberwachung erfolgt. Durch die Evakuierung des Jestetter Zipfels und die damit verbundene Verkürzung der Grenze, könne diese leichter gesichert werden.

Das wissen die aus ihrem Zuhause vertriebenen Leute zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Diese haben andere Sorgen, wie Erich Danner erklärt: «Strassen wie heute gab es damals noch nicht. Teilweise mussten wir uns durch kniehohes Gras durchschlagen. Es war ja auch niemand da, der die Wiesen mähte. Die Männer waren ja alle im Krieg.» Glücklich ist damals, wer einen Bauernhof hat und Ochsen oder Kühe sein Eigen nennen kann, sofern diese Tiere nicht von den Franzosen beschlagnahmt worden sind. Die Bauern spannen ihre Tiere vor ihre Kutschen und können so viel mehr Hab und Gut mitnehmen als zum Beispiel Erich Danner mit seiner Familie.

Wenige Auserwählte dürfen zurückbleiben 

Wenige Personen bleiben in den Orten zurück, wie Eisenlohr berichtet: «Es wurde bestimmt, dass ein von den Franzosen eingesetzter Bürgermeister und die Gemeindetechniker ihren Dienst weiter zu versehen hatten. Eine Metzgerei, eine Bäckerei und der Jestetter Gasthof Löwen sollten die Versorgung der Zivilbevölkerung und der Besatzungsmacht sicherstellen». Auch wenige Landwirte haben das Glück, für die Besatzer vorerst von Nöten zu sein, wie die SN am 16. Mai schreiben: «Zur Bestellung der Felder erhielten insgesamt nur 60 bis 30 Deutsche die Bewilligung, vorläufig zurückzubleiben.» Es ist jedoch vorgesehen, an Stelle der zwangsevakuierten Deutschen, Landwirte aus dem Elsass im Zollausschlussgebiet anzusiedeln.

Die meisten französischen Soldaten in Jestetten sind marokkanischer Abstammung, erinnert sich Erich Danner: «Denen ging es damals genauso dreckig wie uns.» Die Männer seien hungrig und ausgemergelt gewesen – und hätten sich beim ersten Besuch in der Grenzregion erst einmal verfahren. «Sie dachten, sie seien in Waldshut, dabei waren sie in Altenburg», so Danner.

Beschwerlicher Marsch ins Ungewisse 

Der Kommandant sei sehr bemüht gewesen, seine Männer zu disziplinieren. Ob es in dieser Zeit zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung kommt, weiss Danner nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen in der Grenzregion Gnade erfahren: Der Flüchtlingszug wächst immer weiter, bis er irgendwann eine Länge von knapp vier Kilometern hat, während die Menschen sich die steilen Strassen entlang quälen. Josef Eisenlohr beschreibt das beschwerliche Prozedere im «Schaffhauser Magazin» wie folgt: «Franzosen in Autos oder auf Krafträdern trieben die Kolonne an. Die erste Schwierigkeit stellte sich schon am Anstieg durch den Baltersweiler Wald ein. Die Wagen waren zum Teil überladen, die Zugtiere mochten nicht mehr, es war sommerlich heiss.»

Keiner der Flüchtlinge weiss, wohin dieser Marsch noch führen soll. Daran erinnert sich auch Erich Danner. «Wir wussten schlicht nicht, wo wir hinkommen.» Irgendwann sei das Gerücht herumgegangen, dass es in Elsass gehe. Von Jestetten aus wäre dies ein Wochenmarsch. In der Nacht auf den 16. Mai kommt es zu einem heftigen Gewitter. Erich Danner erinnert sich, wie die Blitze über den Himmel zucken und die Scheune, in der er mit seinen Geschwistern und seiner Mutter liegt, taghell erleuchten. «Wir hatten Angst», so der heute 84-Jährige.

«Ich habe Eier gegen Zigaretten getauscht»

Es dauert mehre Tage, bis die Evakuierten endlich ihre neue «Heimat» erreichen: Die Franzosen haben sie fast 35 Kilometer in den Schwarzwald getrieben, jetzt werden die Familien verteilt. Die Gemeinden im Schwarzwald sind vollkommen überrascht und auch masslos überfordert mit den Neuankömmlingen. Trotzdem seien diese freundlich aufgenommen worden, berichtet Josef Eisenlohr.

Die meisten Jestetter kommen nach Ühlingen-Birkendorf, einem kleinen Ort im Schwarzwald. Dieser muss auf einmal 800 Fremde bei sich aufnehmen. Erich Danner kommt mit seiner Familie auf einen Bauernhof nach Aichen und muss mit seinen zehn Jahren voll anpacken: «Ich war damals ein kleines Kind, trotzdem musste ich mich um die Tiere kümmern, das Feld pflügen – alles, was nötig war.» Dabei kommt er in Kontakt mit polnischen Internierten, die direkt unterhalb des Hofes in einem Lager untergebracht sind. Mit einem geht er sowas wie eine Zweckgemeinschaft ein: Er stibitzt für den, wie er es ausdrückt, «völlig ausgehungerten» Mann Eier von dem Hof, dieser gibt ihm im Gegenzug Zigaretten. «Die habe ich dann für andere Dinge weitergetauscht.» Das Bild von den internierten Polen ist Erich Danner noch gut im Gedächtnis: «In Jestetten hatten wir einige Kriegsgefangene aus Polen. Die waren davor schon ausgehungert, aber jetzt, nachdem sie befreit waren, ging es ihnen auch nicht viel besser.»

Währenddessen ist in den Grenzorten die Situation für die Daheimgeblieben nicht leichter: Das Leben ist geprägt von Entbehrungen. Die Menschen müssen von 19 bis 7 Uhr in ihren Häusern bleiben, das Essen ist knapp und auch die Ungewissheit schwebt wie ein Damoklesschwert über ihren den Köpfen. Die Ernte muss eingebracht werden – eine unmögliche Aufgabe für die wenigen Zurückgebliebenen. Daraufhin kommen einige Schweizer aus dem Grenzgebiet und bringen die Ernte ein. Die Gemeinden bezahlen dies mit Holz- und Getreidelieferungen. Auch 50 Evakuierte dürfen für kurze Zeit wieder zurück, müssen allerdings nach der Heuernte wieder zurück.

Plünderer werden hart bestraft 

In dieser Zeit kommt es in den Gemeinden im Jestetter Zipfel zu Plünderungen. Es sind Zurückgebliebene, die die Situation ausnutzen, durch die Häuser ziehen und rauben, was ihnen gefällt. Das bekommt ihnen jedoch nicht gut: Erich Danner erinnert sich an die Fälle von zweien, deren Namen er nicht nennen will. Der eine, der während der Evakuierung mehrere Diebstähle begeht, wird eines Abends bei einem Kneipenbesuch krankenhausreif geprügelt. Der andere wird im Zuchthaus erschlagen.

Auch Jahre später gibt es noch Gerüchte, wonach die Schweizer sich an den leeren Häusern bereichert hätten. Erich Danner: «Schweizer konnten damals ohne Probleme über die Grenze – wir wussten es natürlich nicht mit Sicherheit, aber haben es immer vermutet, dass einige das gemacht haben.» Der Groll gegen die Eidgenossen habe lange angehalten.

«Er hatte meine Turnschuhe an»

Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate. Dann, am 17. Juli, dürfen die ersten Familien endlich wieder nach Hause. Manche müssen noch bis in den September warten, ehe sie wieder zurückdürfen. Viele finden ihr Haus durchwühlt vor. Auch Erich Danner und seine Familie wurde beklaut. «Eines Tages habe ich einen Jungen gesehen, der meine Turnschuhe anhatte.»

Ist dieser Artikel lesenswert?

Ja
Nein

Neuen Kommentar schreiben

Diese Funktion steht nur Abonnenten und registrierten Benutzern zur Verfügung.

Registrieren